Mann liest Politik-Nachrichten am Computer zu Hause

Wer bezahlt Wahlumfragen?

Key-Facts

  • Hauptfinanziers: Medienhäuser (ARD, ZDF, RTL, BILD, FAZ, SAT.1)
  • Kosten pro Umfrage: 10.000–50.000 € (je nach Methode und Stichprobe)
  • Jahreskosten (wöchentlich): 500.000–2.000.000 € pro Institut-Medien-Partnerschaft
  • Unabhängigkeit: ADM-Richtlinien trennen Finanzierung von Methodik

Wahlumfragen sind teuer. Eine einzelne Sonntagsfrage mit 2.000 Befragten kostet je nach Methode 10.000 bis 50.000 Euro. Bei wöchentlicher Erhebung summiert sich das auf sechsstellige Jahresbeträge. Wer investiert diese Summen — und hat der Geldgeber Einfluss auf das Ergebnis?

Die Auftraggeber-Landschaft

Institut Auftraggeber Mediengruppe Finanzierung
ForsaRTL/ntvRTL Group (Bertelsmann)Privat
Infratest dimapARDÖffentlich-rechtlichRundfunkbeitrag
FGWZDFÖffentlich-rechtlichRundfunkbeitrag
INSABILDAxel Springer SEPrivat
AllensbachFAZFAZIT-StiftungPrivat
GMSSAT.1Seven.One (ProSiebenSat.1)Privat
IpsosTagesspiegelDvH MedienPrivat
YouGovYouGov (selbst)Eigenmittel + Kunden

Auffällig: Die meisten Umfragen werden von Medien finanziert, nicht von Parteien, Regierung oder Stiftungen. Das hat den Vorteil, dass kein politischer Akteur direkt Einfluss auf die Umfragen hat. Der Nachteil: Medien haben ein Interesse an spannenden Schlagzeilen, was die Berichterstattung über Umfragen beeinflussen kann.

Was kostet eine Wahlumfrage?

Methode Kosten pro Umfrage Kosten pro Interview Typische Stichprobe
Online-Panel6.000–16.000 €3–8 €2.000
Telefon (CATI)15.000–50.000 €15–30 €1.000–2.500
Face-to-Face50.000–100.000 €50–100 €1.000
Mixed Mode12.000–35.000 €10–25 €1.200–2.000
Frau liest Wahlnachrichten am Tablet
Wahlumfragen werden überwiegend von Medien finanziert — die methodische Unabhängigkeit der Institute soll dabei gewahrt bleiben.

Methodische Unabhängigkeit

Die zentrale Frage: Hat der Auftraggeber Einfluss auf das Ergebnis? Die ADM-Richtlinien (Arbeitskreis Deutscher Markt- und Sozialforschungsinstitute) schreiben klar vor:

Wahlumfrage-Auswertung am Laptop — Meinungsforschung und Sonntagsfrage Deutschland
Demokratie in Aktion: Wer bezahlt Wahlumfragen? Auftraggeber & Finanzierung — Fakten und Einordnung.
  • Der Auftraggeber bestimmt Zeitpunkt, Themen und Veröffentlichungsrecht.
  • Er hat keinen Einfluss auf Methodik, Gewichtung oder Ergebnisdarstellung.
  • Das Institut trägt die alleinige methodische Verantwortung.

In der Praxis funktioniert diese Trennung gut, aber nicht perfekt. Die Auswahl des Instituts durch den Auftraggeber ist bereits eine Form indirekter Einflussnahme: Jedes Institut hat spezifische House Effects, und ein Auftraggeber kann gezielt ein Institut wählen, dessen Ergebnisse besser zu seiner Berichterstattung passen.

Sonderfall: Öffentlich-rechtliche Sender

Die Umfragen der ARD (Infratest dimap) und des ZDF (Forschungsgruppe Wahlen) werden aus dem Rundfunkbeitrag finanziert. Das bedeutet: Alle Bürger finanzieren diese Umfragen mit. Im Gegenzug gelten besonders hohe Transparenzanforderungen — die ARD veröffentlicht Stichprobengröße, Methode und Feldzeit routinemäßig.

Parteien als Auftraggeber?

Parteien beauftragen ebenfalls Umfragen — jedoch selten die Sonntagsfrage. Parteiinterne Umfragen dienen der Strategieentwicklung und werden nicht veröffentlicht. Wenn eine Partei eine Umfrage veröffentlicht, ist Vorsicht geboten: Sie wählt typischerweise Ergebnisse aus, die ihre Position stützen.

2006: Das Institut, das seinen Auftraggeber schoenrechnete — und aufflog

Im Vorfeld der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2006 veröffentlichte ein regionales Meinungsforschungsinstitut eine Umfrage, die den Auftraggeber um 3,4 Prozentpunkte besser auswies als alle anderen Institute in derselben Woche. Journalisten recherchierten und fanden: Das Institut hatte die Gewichtungsmatrix modifiziert, um den Auftraggeber-Effekt zu verstärken. Der Fall wurde zum Lehrbeispiel für ESOMAR-Richtlinien zur Offenlegungspflicht: Jede veröffentlichte Umfrage muss seither Auftraggeber, Erhebungszeitraum und Methodik ausweisen.

2017: Institutes-Versagen bei der Bundestagswahl – wer lag wie weit daneben

Bei der Bundestagswahl 2017 lagen fast alle Institute bei der SPD falsch: Emnid, Forsa, Infratest dimap prognostizierten SPD zwischen 22 und 24 Prozent. Ergebnis: 20,5 Prozent. Der Fehler war fast 3 Prozentpunkte. Gründe: Social-Desirability-Bias (Wähler bekennen sich nicht zur AfD im Telefoninterview), Late-Decider-Effekt, Überschatzung der traditionellen SPD-Stammwählerschaft. 2021 war es umgekehrt: Institute unterschaetzten die SPD. Das Problem der Demoskopie: Gewähltes Schweigen über extremere Parteien verzerrt alle Ergebnisse.

Weiterführende Informationen: Bundeswahlleiter: Pressemitteilungen · Wikipedia: Meinungsumfrage

Häufige Fragen

Wer bezahlt Wahlumfragen in Deutschland?

Wahlumfragen werden von Medien finanziert: RTL/ntv bezahlt Forsa, die ARD bezahlt Infratest dimap, das ZDF die Forschungsgruppe Wahlen. Die Kosten liegen bei 10.000 bis 50.000 Euro pro Umfrage.

Beeinflusst der Auftraggeber das Ergebnis?

Seriöse Institute garantieren methodische Unabhängigkeit. Die ADM-Richtlinien schreiben diese Trennung vor. Allerdings kann die Wahl des Instituts eine indirekte Form der Einflussnahme sein.

Wie viel kostet eine Wahlumfrage?

Eine wöchentliche Sonntagsfrage kostet 10.000 bis 50.000 Euro. Online-Panels sind am günstigsten (3–8 Euro pro Interview), Face-to-Face-Umfragen am teuersten (50–100 Euro pro Interview).

Mehr dazu: Aktuelle Sonntagsfrage · Alle Umfragen-Artikel · Umfrage-Institute

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