Halle an der Saale, Sachsen-Anhalt: Schauplatz der Landtagswahl am 6. September 2026

Sachsen-Anhalt vor der Wahl: Kann die CDU das AfD-Hoch stoppen?

Knapp zwei Monate vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 steht die AfD in Umfragen bei rund 40 Prozent. Bei Markus Lanz stellte sich der CDU-Ministerpräsident des Landes, im Gespräch als Herr Schulze angesprochen, den Fragen von Moderator und Gästen: dem Journalisten Greibe und der Autorin Rennefanz. Im Zentrum stand die Frage, mit welchem Angebot die seit 24 Jahren regierende CDU dem AfD-Aufschwung noch etwas entgegensetzen kann, gerade beim Thema, das die AfD besonders offensiv besetzt: Familie und Demografie.

Sachsen-Anhalt kämpft mit einem dramatischen Bevölkerungsschwund. 1990 wurden im Land noch über 30.000 Kinder geboren, im vergangenen Jahr waren es knapp 12.000. Die Bevölkerung schrumpfte von 2,9 auf 2,2 Millionen Menschen. Genau an diesem Punkt setzt die AfD mit einem sehr konkreten Programm an, während die CDU laut den Gästen der Sendung vor allem den Status quo verteidigt.

Video: Sachsen-Anhalt und die AfD

Das AfD-Versprechen: Bares Geld für Familien

Lanz rechnete zunächst das AfD-Programm vor: ein Babybegrüßungsgeld von 2000 bis 4000 Euro, monatliches Kindergeld von 50 Euro für das erste, 150 Euro für das zweite und 250 Euro für jedes weitere Kind, dazu kostenfreie Kindergärten und Krippen mit hochwertigem Essen. "Die wissen zwar nicht, wie sie es bezahlen sollen, aber sie versprechen es erstmal", kommentierte Lanz. Die CDU-Antwort fiel deutlich nüchterner aus: "Realismus muss einkehren", so Schulze. Sein Ziel sei nicht, Geburten zu steigern, sondern die vorhandenen Kindergärten und Kinderkrippen im ländlichen Raum überhaupt zu erhalten.

"Sie haben keinen Plan, außer alles zu lassen, wie es ist"

Lanz hielt Schulze entgegen, seine CDU regiere seit 24 Jahren und sei offenbar nicht in der Lage, den Optimismus zu verströmen, der Menschen zu Kindern ermutige. Schulze verwies auf ein Praxisprojekt, das inzwischen an 60 Schulen in Sachsen-Anhalt läuft: vier Tage Schule, ein Tag im Unternehmen, um Jugendliche direkt an Ausbildungsbetriebe heranzuführen. Journalist Greibe zeigte sich davon nur bedingt überzeugt: Die Schulabbrecherquote liege bei 12,5 Prozent, und im Handwerk fehle es schlicht an Absolventen. Zudem liege Sachsen-Anhalt bei den öffentlichen Investitionen fast durchgängig auf den letzten Plätzen im Bundesländervergleich, bei der Bildung werde vergleichsweise viel Geld ausgegeben, ohne dass die Lernergebnisse besser ausfielen.

Fachkräfte: Die AfD als Standortnachteil

Besonders zugespitzt wurde die Debatte bei der Fachkräftefrage. Greibe berichtete, Unternehmensvertreter in Sachsen-Anhalt sagten offen, dass ausländische Fachkräfte nicht in ein Bundesland ziehen wollten, in dem die AfD möglicherweise die nächste Regierung stellt. Die AfD selbst wirbt im Wahlprogramm mit einer kostenfreien Meisterausbildung, einer Meisterprämie bis 2500 Euro, einem Führerscheinzuschuss von 1500 Euro für Azubis und einer Senkung der Grundsteuer B auf 2,5 Prozent. Schulze konterte mit einem konkreten Gegenbeispiel: Praktikaprämien von 120 Euro pro Woche, aus denen laut seinen Angaben bis zu einem Drittel der Teilnehmer später einen Ausbildungsvertrag im selben Betrieb unterschrieben hätten.

Frauenbild: "Frau zurück an den Herd"

Autorin Rennefanz kritisierte den traditionalistischen Ton im AfD-Programm, das ihr als berufstätiger Mutter Angst mache, insbesondere die Nähe zu Ideen, die sie mit dem aus den USA bekannten Begriff "Tradwife" verglich. Schulze stimmte in der Bewertung der AfD-Position ausdrücklich zu: "Das Frauenbild der AfD ist ein Bild: Frau zurück an den Herd. Die wollen die Schulpflicht abschaffen." Zur Schulpflicht-Debatte selbst ordnete Rennefanz ein, dass es sich eher um ein mediales Nebenthema handle, da es in Sachsen-Anhalt keine massenhafte Abmeldung von öffentlichen Schulen gebe.

Die Steuerreform: 13 Euro mehr im Monat

Einen der schärfsten Momente lieferte die Rechnung von Greibe zur Steuerreform der Bundesregierung. Das große Versprechen von Kanzler Friedrich Merz und Vizekanzler Lars Klingbeil habe bei mehreren hundert Euro Entlastung gelegen. Tatsächlich habe ein Single mit 30.000 Euro Jahresgehalt durch die Reform 156 Euro im Jahr mehr, umgerechnet 13 Euro im Monat, nach Abzug steigender Sozialabgaben blieben davon nur noch elf Euro. Bei einem Durchschnittsgehalt in Sachsen-Anhalt von 3400 Euro brutto errechnete Greibe eine Steuerersparnis von 170 Euro im Jahr, nach höheren Sozialabgaben blieben 60 Euro übrig. Da 75 Prozent der Haushalte in Sachsen-Anhalt Singles oder kinderlos seien, kämen die viel beworbenen 640 Euro Entlastung für Familien dort kaum an. Schulze selbst äußerte sich zurückhaltend positiv zur Reform, betonte aber, ihm gehe es vor allem darum, dass die Lohnnebenkosten nicht weiter stiegen, weil das die vergleichsweise niedrigen Gehälter in Ostdeutschland besonders treffe.

Chemieindustrie zwischen Investitionen und hohen Energiepreisen

Rund 20.000 bis 30.000 Arbeitsplätze hängen laut Schulze direkt und indirekt an der Chemieindustrie in Sachsen-Anhalt, die aktuell nur eine Auslastung von knapp 75 Prozent erreiche, zu wenig für profitables Arbeiten. Als Grund nannte Schulze hohe Energiepreise, hohe Lohnnebenkosten und die Zertifikatskosten im europäischen Emissionshandel, die zeitweise 75 Prozent der Kosten eines Kohlekraftwerks im Land ausgemacht hätten. Als Erfolge verwies er auf neue Investitionen von 1,3 Milliarden Euro im Chemiepark Leuna und 120 Millionen Euro des Agrofert-Konzerns in den Chemiepark Piesteritz, nachdem die sogenannte Gasspeicherumlage abgeschafft worden sei.

Ausblick: Die Frage nach den Mehrheiten

Zum Schluss wollte Lanz wissen, ob Schulze sich notfalls mit Stimmen der Linkspartei oder der AfD zum Ministerpräsidenten wählen lassen würde. Seine Antwort war eindeutig: Er werde sich nicht abhängig machen, weder von ganz links noch von ganz rechts, und werde nicht um Stimmen der AfD oder der Linkspartei bitten. Als Begründung verwies er auf ein aktuelles Foto des AfD-Landeschefs neben einem Parteikollegen mit einem Hitlergruß, das er als unvereinbar mit gemeinsamer Verantwortung bezeichnete. Rennefanz ordnete den strukturellen Rückhalt der AfD historisch ein: Er speise sich aus der Verlusterfahrung der Massenarbeitslosigkeit der 90er Jahre und dem Niedergang von Industriestolz wie dem Magdeburger Maschinenbau, ein Frust, der älter sei als die Partei selbst und den die AfD lediglich in ein Gefühl von Stolz umgedeutet habe. Ob die CDU mit ihrem Realismus-Kurs dagegenhalten kann, wird sich endgültig am 6. September zeigen. Einen breiteren Blick auf die bundesweite AfD-Dynamik liefert die Analyse zur INSA-Umfrage vom Mai 2026, Einordnungen zur Landespolitik bietet der Ratgeber Wahlen.

Häufige Fragen

Was verspricht die AfD in Sachsen-Anhalt für Familien?

Die AfD verspricht laut der Sendung ein Babybegrüßungsgeld von 2000 bis 4000 Euro, monatliches Kindergeld von 50 Euro für das erste, 150 Euro für das zweite und 250 Euro für jedes weitere Kind sowie kostenfreie Kindergärten und Kitas.

Wie reagiert die CDU auf die AfD-Familienversprechen?

Ministerpräsident Schulze setzt nach eigenen Worten auf Realismus statt große Versprechen. Sein Ziel sei zunächst, die bestehenden Kindergärten und Kinderkrippen im ländlichen Raum zu erhalten, da die Geburtenzahlen von über 30.000 im Jahr 1990 auf knapp 12.000 gesunken sind.

Würde der Ministerpräsident Stimmen der AfD oder Linkspartei annehmen?

Nein. Schulze sagte bei Lanz, er werde sich weder von der AfD noch von der Linkspartei abhängig machen und lehne es ab, um deren Stimmen zu bitten.

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