BSW — Bündnis Sahra Wagenknecht im Profil
Eine Partei, die den Namen ihrer Gründerin trägt. Eine Partei, die im Januar 2024 aus dem Nichts entstand und im September desselben Jahres bereits in drei Landesregierungen mitverhandelte. Wann hat es das in der Bundesrepublik zuletzt gegeben? Die Antwort: Nie. Das Bündnis Sahra Wagenknecht ist ein Unikat der deutschen Parteiengeschichte — und genau das macht es so schwer einzuordnen.
Keine bestehende Kategorie passt wirklich. Links? Ja, in der Sozialpolitik. Konservativ? Ja, bei Migration. Pazifistisch? Ja, in der Außenpolitik. Personenkult? Möglicherweise. Oder einfach: eine Partei, die eine Lücke füllt, von der niemand wusste, dass es sie gab.
Key-Facts: BSW
- Vollständiger Name: Bündnis Sahra Wagenknecht — Vernunft und Gerechtigkeit
- Gründung: 8. Januar 2024 (Verein), 27. Januar 2024 (Partei)
- Vorsitz: Sahra Wagenknecht
- Mitglieder: ca. 15.000 (Stand 2026)
- Parteifarbe: Dunkelrot
- Ausrichtung: Linkspopulistisch / konservativ-sozial
- Erstes Bundestagswahlergebnis: 4,97% (2025, 2 Sitze über Direktmandate)
- Entstanden aus: Abspaltung von Die Linke
- Aktuelle Umfrage: 3,3% (Durchschnitt, Stand 30.05.2026)
Das Buch als Parteiprogramm
Bevor es das BSW gab, gab es „Die Selbstgerechten". Sahra Wagenknechts 2021 erschienenes Buch war mehr als eine Abrechnung mit der eigenen Partei — es war, wie sich später herausstellte, das Grundsatzprogramm einer Partei, die noch nicht existierte. Auf 345 Seiten zerlegte Wagenknecht die „Lifestyle-Linke", kritisierte Identitätspolitik als Ablenkung von sozialer Gerechtigkeit und forderte eine Rückbesinnung auf die Interessen der „kleinen Leute".
Was die Zahlen verschweigen: Das Buch wurde zum Bestseller — nicht bei den typischen Linke-Wählern, sondern bei einem Publikum, das sich politisch heimatlos fühlte. Wagenknecht erhielt Zustimmung von Menschen, die sonst weder Linke noch SPD gewählt hätten. Hier, in den Verkaufszahlen einer Streitschrift, zeichnete sich bereits das Wählerpotenzial einer künftigen Partei ab.
Die Gründung: Drei Wochen vom Verein zur Partei
Am 8. Januar 2024 wurde der Verein „BSW — Für Vernunft und Gerechtigkeit" gegründet. Neunzehn Tage später, am 27. Januar, folgte die Parteigründung. Zehn Bundestagsabgeordnete der Linken — darunter Wagenknecht, Amira Mohamed Ali und Klaus Ernst — verließen ihre alte Partei und bildeten die BSW-Gruppe im Bundestag. Für Die Linke war das ein Aderlass, von dem sie sich bis heute nicht erholt hat.
Die eigentliche Frage lautet: Warum erst 2024? Wagenknecht hatte seit Jahren in der Linken gefremdelt, der Konflikt um Migration und Identitätspolitik schwelte mindestens seit 2018. Die Antwort ist vermutlich pragmatisch: Erst die Schwäche der Ampel-Regierung und die breite Unzufriedenheit in der Bevölkerung schufen das Fenster, in dem eine solche Gründung Aussicht auf Erfolg hatte.
Der erste Prüfstein: Drei Landtagswahlen an einem Wochenende
September 2024, drei ostdeutsche Bundesländer wählen, und eine Partei, die acht Monate zuvor noch nicht existiert hat, wird überall drittststärkste Kraft:
| Landtagswahl 2024 | BSW-Ergebnis | Platzierung | Regierungsbeteiligung |
|---|---|---|---|
| Thüringen | 15,8% | 3. | CDU + BSW + SPD Koalition |
| Brandenburg | 13,5% | 3. | SPD + BSW Koalition |
| Sachsen | 11,8% | 3. | CDU + SPD (BSW nicht in Koalition) |
Historisch betrachtet ist das beispiellos. Keine Partei der Nachkriegsgeschichte hat acht Monate nach ihrer Gründung in drei Landesparlamenten gleichzeitig gesessen. Das BSW war plötzlich nicht mehr nur eine Idee oder ein Medienereignis — es war ein realer politischer Faktor, ohne den in Thüringen, Sachsen und Brandenburg keine Regierungsmehrheit gegen die AfD zustande kommen konnte.
Bundestagswahl 2025: Knapp unter der Hürde — und trotzdem drin
| Wahl | Zweitstimmen | Sitze | Anmerkung |
|---|---|---|---|
| Bundestagswahl 2025 | 4,97% | 2 | Knapp unter 5%-Hürde; Einzug über 2 Direktmandate |
4,97 Prozent — und damit knapp an der 5%-Hürde vorbei. Das Ergebnis blieb deutlich hinter den Umfrage-Spitzenwerten von über 8 Prozent. Dennoch zog das BSW in den Bundestag ein — über zwei gewonnene Direktmandate. Diese sogenannten Grundmandate reichen nach der Wahlrechtsreform 2023 allerdings nicht mehr für eine vollwertige Fraktion: Mit nur zwei Sitzen ist das BSW lediglich als Gruppe vertreten, ohne die Rechte einer Fraktion (Redezeit, Ausschusssitze, Finanzmittel). Zum Vergleich: Die AfD hatte bei ihrem Debut 2013 ebenfalls die 5%-Hürde verpasst (4,7%) und war vollständig draußen. Das BSW war glücklicher — aber die politische Wirkung beider Direktmandate ist bescheiden gegenüber den 46 Sitzen, die Umfragehochs einstmals erwarten ließen.
Programm: Die ungewöhnliche Mischung
Friedenspolitik — das Markenzeichen
Kein Thema definiert das BSW stärker als die Außenpolitik. Die Partei lehnt Waffenlieferungen an die Ukraine ab und fordert diplomatische Verhandlungen unter Einbeziehung Russlands. Sie kritisiert die NATO-Erweiterung und plädiert für eine europäische Sicherheitsarchitektur jenseits der transatlantischen Bindung. Bei den Koalitionsverhandlungen in Thüringen und Sachsen wurde genau diese Position zur roten Linie — das BSW verlangte friedenspolitische Präambeln in den Koalitionsverträgen, was CDU und SPD in erhebliche Schwierigkeiten brachte.
Sozialpolitik — klassisch links
Höhere Mindestlöhne, Reform der Rente, Begrenzung von Managergehältern, Vermögensteuer — im sozialpolitischen Bereich ist das BSW klar links positioniert. Hier unterscheidet es sich kaum von der Linken, aus der es hervorgegangen ist.
Migration — der Bruch mit der Linken
Beim Thema Migration hingegen hat das BSW mit der Tradition linker Parteien gebrochen. Wagenknecht fordert eine Begrenzung der Zuwanderung und argumentiert, dass unkontrollierte Migration die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt verschärfe und die Sozialsysteme belaste. Diese Position war einer der Hauptgründe für die Spaltung von der Linken — und zugleich der Schlüssel zur Erschließung neuer Wählergruppen.
BSW vs. Die Linke — Worin unterscheiden sie sich?
| Thema | BSW | Die Linke |
|---|---|---|
| Migration | Restriktiver, Begrenzung der Zuwanderung | Offene Migrationspolitik, keine Abschiebungen |
| Identitätspolitik | Kritisch, Fokus auf „klassische" soziale Fragen | Schwerpunkt auf Minderheitenrechte, Diversität |
| Außenpolitik | Gegen Waffenlieferungen, für Verhandlungen mit Russland | Ähnlich, aber weniger zentral im Profil |
| Sozialpolitik | Links: höhere Löhne, Rente, Vermögensteuer | Links: höhere Löhne, Rente, Vermögensteuer |
| Klimapolitik | Pragmatisch, gegen schnellen Kohleausstieg | Klimagerechtigkeit als Kernthema |
| Parteistruktur | Stark personenzentriert (Wagenknecht) | Basisdemokratisch, Doppelspitze |
Wählerstruktur: Woher kommen die BSW-Stimmen?
Die Wähleranalysen zeigen ein überraschendes Bild. Die BSW-Wählerschaft ist keine simple Linke-Abspaltung, sondern ein Konglomerat aus verschiedenen Lagern:
- Ehemalige Linke-Wähler: Der größte Anteil, aber bei weitem nicht die Mehrheit.
- Ehemalige SPD-Wähler: Menschen, die die SPD als sozial zu zahm empfinden.
- Ehemalige Nichtwähler: Politikverdrossene, die Wagenknechts Talkshow-Präsenz kennen, aber keine Parteibindung hatten.
- Ehemalige AfD-Wähler: Ein kleinerer Anteil, der eine Protestalternative ohne den Rechtsextremismus-Vorwurf sucht.
Regional zeigt sich das bekannte Muster: In Ostdeutschland ist das BSW deutlich stärker als im Westen. Wagenknechts Biografie — geboren in Jena, politisch sozialisiert in der DDR — spielt dabei eine Rolle, ebenso wie die generell größere Bereitschaft ostdeutscher Wähler, neue Parteien auszuprobieren.
Das Schlüsselproblem: Was kommt nach Wagenknecht?
Die eigentliche Frage lautet: Kann eine Partei, deren Name die Gründerin ist, über diese Gründerin hinaus bestehen? Das BSW hat kein zweites bekanntes Gesicht. Amira Mohamed Ali und Klaus Ernst sind in der politisch interessierten Öffentlichkeit bekannt, aber nicht annähernd so präsent wie Wagenknecht. Die Partei ist — bewusst oder unbewusst — so gebaut, dass sie ohne ihre Namensgeberin kaum vorstellbar ist. Eine sachliche Analyse des Phänomens bietet die Wikipedia-Seite zum BSW.
Historische Parallelen sind wenig ermutigend. Die Schill-Partei verschwand, als ihr Gründer ging. Die Statt-Partei in Hamburg hielt sich ein paar Jahre. Auf der anderen Seite gibt es Forza Italia, das nach Berlusconi weiterlebt — wenn auch geschwächt. Welchen Weg das BSW nimmt, wird man erst wissen, wenn Wagenknecht eines Tages nicht mehr antritt. Bis dahin ist die Partei untrennbar mit ihr verbunden — im Guten wie im Schlechten.
Aktuelle Umfragewerte
Die aktuellen Sonntagsfrage-Ergebnisse zeigen das BSW aktuell bei durchschnittlich 3,3 Prozent. Eine Übersicht aller Institute finden Sie auf unserer Startseite.
Aktuelle Umfragen
| Datum | Institut | BSW |
|---|---|---|
| 30.05.2026 | INSA | 3,0% |
| 26.05.2026 | Forsa | 3,0% |
| 26.05.2026 | INSA | 3,0% |
| 23.05.2026 | INSA | 3,0% |
| 19.05.2026 | Forsa | 3,0% |
Häufige Fragen zum BSW
Wann wurde das BSW gegründet?
Das Bündnis Sahra Wagenknecht wurde am 8. Januar 2024 als Verein gegründet und am 27. Januar 2024 als Partei konstituiert. Zehn ehemalige Bundestagsabgeordnete der Linken bildeten den Kern der neuen Partei.
Woher kommen die BSW-Mitglieder?
Die Gründungsmitglieder kamen überwiegend aus der Linken. Inzwischen hat die Partei rund 15.000 Mitglieder aus unterschiedlichen politischen Lagern — darunter ehemalige SPD-Mitglieder, parteilose und vereinzelt auch Menschen, die zuvor AfD gewählt hatten.
Welche Positionen vertritt das BSW?
Das BSW verbindet linke Sozialpolitik (höhere Löhne, Rentenreform, Vermögensteuer) mit konservativen Positionen bei Migration und einer friedenspolitischen Ausrichtung, die Waffenlieferungen an die Ukraine ablehnt und auf diplomatische Verhandlungen setzt.
Wie hat das BSW bei der Bundestagswahl 2025 abgeschnitten?
Bei seiner ersten Bundestagswahl am 23. Februar 2025 erreichte das BSW 4,97% der Zweitstimmen — knapp unter der 5%-Hürde. Über zwei gewonnene Direktmandate zog das BSW dennoch mit zwei Sitzen in den Bundestag ein, ist dort aber nur als Gruppe, nicht als Fraktion vertreten.
Wie viele Mitglieder hat das BSW?
Das BSW hatte zum Start 2024 nur wenige hundert Mitglieder — bewusst klein gehalten. Bis Ende 2024 wuchs die Mitgliederzahl auf rund 1.500, bis 2026 auf rund 15.000. Sahra Wagenknecht versteht das BSW als schlanke Kaderstruktur statt klassische Mitgliederpartei. Mehr: BSW-Gründung erklärt.
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