Wohnzimmer mit Fernseher zeigt Bundestagswahl-Nachrichten am Wahlabend
Umfrageinstitut

Infratest dimap — Wenn 80 Millionen auf eine Zahl warten

Es gibt einen Moment in der deutschen Demokratie, in dem ein einzelnes Institut die ungeteilte Aufmerksamkeit der gesamten Nation hat: 18:00 Uhr am Wahlabend. Die Wahllokale schließen, Jörg Schönenborn tritt vor die Kamera, und die erste Hochrechnung erscheint. Diese Zahl — die erste belastbare Schätzung des Wahlergebnisses — kommt von Infratest dimap. In diesem Moment entscheidet sich, welche Koalitionsgespräche beginnen, wer feiert und wer vor die Kameras tritt, um eine Niederlage zu erklären.

Doch Infratest dimap ist weit mehr als nur der Wahlabend. Mit dem wöchentlichen DeutschlandTrend, den LänderTrends für die Landesrundfunkanstalten und der regelmäßigen Sonntagsfrage jeden Donnerstag ist das Institut der zentrale Datenlieferant für die politische Berichterstattung der ARD.

Key-Facts: Infratest dimap

  • Vollständiger Name: Infratest dimap — Gesellschaft für Trend- und Wahlforschung mbH
  • Gründung: 1996 in Berlin
  • Sitz: Berlin
  • Hauptauftraggeber: ARD (Das Erste, Tagesthemen)
  • Methode: Telefon (CATI) + Online
  • Frequenz: Wöchentlich (Donnerstag)
  • Stichprobe: ca. 1.500 Befragte
  • Bekannt für: DeutschlandTrend, Hochrechnungen, Wahlabend-Prognosen
  • Letzte Erhebung: 07.05.2026

Die ARD-Formate — vom DeutschlandTrend bis zum Wahlabend

Infratest dimap produziert für die ARD ein ganzes Ökosystem politischer Datenformate. Das wichtigste sind:

  • Sonntagsfrage (wöchentlich): Jeden Donnerstag neue Werte für die Tagesthemen und tagesschau.de
  • DeutschlandTrend (monatlich): Umfassende Erhebung mit Kompetenzwerten, Zufriedenheit und Themenagenda
  • LänderTrends: Regelmäßige Umfragen auf Landesebene für die ARD-Landesrundfunkanstalten
  • Wahlabend: Prognosen (18:00 Uhr), Hochrechnungen und Analysen am Wahltag

Die föderale Abdeckung ist ein echtes Alleinstellungsmerkmal. Kein anderes Institut liefert LänderTrends für so viele Bundesländer. Vor jeder Landtagswahl steigt die Frequenz, und Infratest dimap wird zum zentralen Referenzpunkt für die regionale Politikberichterstattung. Für Landespolitiker können diese LänderTrends karriereentscheidend sein — auch wenn sie es öffentlich nie zugeben würden.

Methodik — solide, aber nicht revolutionär

Infratest dimap verwendet für die Sonntagsfrage eine Kombination aus Telefoninterviews und Online-Befragungen. Die telefonische Erhebung basiert auf dem CATI-Verfahren (Computer Assisted Telephone Interviewing) mit einer Zufallsstichprobe aus Festnetz- und Mobilfunknummern. Ergänzend werden Online-Befragungen über ein rekrutiertes Panel durchgeführt.

Die wöchentliche Stichprobe umfasst in der Regel rund 1.500 Befragte. Für den monatlichen DeutschlandTrend werden häufig größere Stichproben von bis zu 1.800 Personen erhoben. Die statistische Fehlermarge liegt bei etwa ±2,5 bis ±3 Prozentpunkten.

Methodisch ist Infratest dimap weder besonders konservativ (wie Allensbach mit seinen Face-to-Face-Interviews) noch besonders progressiv (wie YouGov mit MRP-Modellen). Das Institut steht für den Mainstream der deutschen Umfrageforschung — und genau das ist seine Stärke. Die Gewichtung nutzt ein mehrstufiges Verfahren mit demografischen Merkmalen, regionaler Verteilung und dem „Recalled Vote". Zusätzlich fließen Erfahrungswerte aus vergangenen Wahlen in die Modellierung ein.

Mann am Notebook analysiert Umfragewerte zuhause
Die Infratest-dimap-Sonntagsfrage erscheint jeden Donnerstag und wird in den Tagesthemen präsentiert.

Über das Institut — die Infratest-Tradition

Infratest dimap wurde 1996 als eigenständiges Institut für politische Forschung gegründet. Der Name verbindet die Tradition des Infratest-Instituts (gegründet 1947) mit dem Kürzel „dimap" für „Gesellschaft für Trend- und Wahlforschung". Die Ausgründung erfolgte, um die politische Forschung organisatorisch von der allgemeinen Marktforschung zu trennen — eine kluge Entscheidung, denn so konnte sich das Institut voll auf Wahlforschung konzentrieren, während die Marktforschungssparte später in Kantar aufging.

Das Institut hat seinen Sitz in Berlin und ist Mitglied im Arbeitskreis Deutscher Markt- und Sozialforschungsinstitute (ADM). Es beschäftigt ein Team aus Sozialwissenschaftlern, Statistikern und Methodenexperten und führt neben der politischen Forschung auch Kommunikationsforschung und Medienanalysen durch.

Aktuelle Infratest-dimap-Umfragen — Sonntagsfrage

DatumCDU/CSUSPDGrüneFDPAfDBSWLinke
07.05.2026 24,0% 12,0% 15,0% 4,0% 27,0% 3,0% 10,0%

Treffsicherheit — am Wahlabend zählt nur eine Zahl

Infratest dimap gehört zu den treffsichersten Instituten in Deutschland. Die 18-Uhr-Prognose am Wahlabend weicht in der Regel nur um wenige Zehntel-Prozentpunkte vom Endergebnis ab — ein Beleg für die Qualität des Wahllokal-Netzwerks und der statistischen Modelle. Am Wahlabend verfügt das Institut über eigene Berichterstatter in ausgewählten Stimmbezirken, die Ergebnisse direkt übermitteln. Diese Daten fließen in die Hochrechnungen ein, die im Laufe des Abends immer präziser werden.

Bei der Sonntagsfrage — die methodisch von der Wahlabendprognose zu unterscheiden ist — lag die durchschnittliche Abweichung vor der Bundestagswahl 2021 bei rund 1,8 Prozentpunkten pro Partei. Bei der Bundestagswahl 2025 konnte Infratest dimap die Verschiebungen zugunsten der AfD und der CDU/CSU im Trend korrekt abbilden.

Es lohnt sich, zwischen den beiden Produkten zu unterscheiden: Die Sonntagsfrage ist ein Stimmungsbild auf Basis von Telefoninterviews. Die 18-Uhr-Prognose hingegen beruht auf Exit Polls — Befragungen direkt am Wahllokal. Wenn Kritiker „die Umfragen lagen daneben" sagen, verwechseln sie häufig diese beiden Instrumente.

Im Vergleich — die breiteste föderale Abdeckung

Im Vergleich zu Forsa (RTL/ntv) und der Forschungsgruppe Wahlen (ZDF) ist Infratest dimap das Institut mit der breitesten Abdeckung öffentlich-rechtlicher Sender. Während die Forschungsgruppe Wahlen exklusiv für das ZDF arbeitet, liefert Infratest dimap Daten für die gesamte ARD-Familie — einschließlich der Landesrundfunkanstalten. Diese Dezentralität spiegelt die föderale Struktur der ARD wider und macht Infratest dimap zum vielseitigsten Institut in der deutschen Fernsehlandschaft.

Die Stichprobengröße von rund 1.500 ist kleiner als bei Forsa (2.500), liegt aber im Standardbereich. In der Praxis zeigt sich, dass die Ergebnisse beider Institute selten mehr als zwei Prozentpunkte auseinanderliegen — ein Beleg dafür, dass ab einer gewissen Stichprobengröße die Gewichtungsmethodik wichtiger wird als die reine Fallzahl.

2021: Die 18:01-Hochrechnung, die Laschet de facto abwählte

Am 26. September 2021 um 18:01 Uhr erschien die erste Infratest-dimap-Hochrechnung: SPD 26,0 Prozent, CDU/CSU 24,1 Prozent. Armin Laschet behauptete sofort, die Union sei noch in der Lage eine Regierung zu bilden. Doch die Hochrechnung war eindeutig. Innerhalb von Minuten meldeten alle Kommentatoren Scholz als faktischen Sieger. Es war der Moment, in dem eine 16-jährige CDU-Kanzlerschaft endete.

Häufige Fragen zu Infratest dimap

Was ist der ARD-DeutschlandTrend?

Der ARD-DeutschlandTrend ist eine monatliche repräsentative Umfrage von Infratest dimap im Auftrag der ARD-Tagesthemen. Er umfasst neben der Sonntagsfrage auch Kompetenzwerte der Parteien, Zufriedenheitswerte für Politiker und Bewertungen aktueller politischer Themen.

Wer erstellt die Hochrechnungen am Wahlabend bei der ARD?

Infratest dimap erstellt die Hochrechnungen und die 18-Uhr-Prognose für die ARD-Wahlberichterstattung. Das Institut verfügt über ein eigenes Netz von Wahllokal-Berichterstattern, die am Wahltag Ergebnisse direkt übermitteln.

Wie unterscheidet sich Infratest dimap von Infratest?

Infratest dimap entstand 1996 als eigenständiges Institut für politische Forschung. Es ist organisatorisch von der allgemeinen Marktforschung (heute Kantar) getrennt und hat sich ausschließlich auf Wahlforschung und politische Kommunikationsforschung spezialisiert.

Mehr dazu: Große Koalition · 5%-Hürde · Politik TV

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