TV-Interview-Situation: Joachim Gauck äußert sich bei Markus Lanz zur AfD

Gauck bei Lanz: Zweifel am eigenen Optimismus zur AfD

Joachim Gauck ist so etwas wie der traditionelle Sommergast bei Markus Lanz. Am 9. Juli 2026 saß der Bundespräsident a.D. wieder im ZDF-Studio, und diesmal ging es fast ausschließlich um ein Thema: die AfD und den Zustand der deutschen Demokratie. Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Nur zwei Monate vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 liegt die Partei dort in Umfragen bei rund 40 Prozent, bundesweit meldet die Sonntagsfrage ebenfalls historische Höchstwerte für die AfD.

Vor drei Jahren hatte Gauck in derselben Sendung noch einen fast schon trotzigen Optimismus verbreitet: Diese Typen, sagte er damals über die AfD, kämen in Deutschland niemals an die Macht. Deutschland sei doppelt geimpft, durch die Erfahrung mit einer braunen und einer roten Diktatur wolle man keine dritte. Lanz spielte diesen Ausschnitt erneut ein und konfrontierte Gauck mit der Frage, ob er sich heute noch genauso sicher sei. Die Antwort fiel deutlich vorsichtiger aus als 2023.

Video: Gauck über AfD und Demokratie

Eine Portion Optimismus zu viel

Gauck blieb bei seinem Grundsatz, dass Deutschland als Land eine funktionierende Demokratie mit genügend Demokraten sei, im Unterschied zur Weimarer Republik, die zwar eine Demokratie, aber nicht genügend Demokraten gehabt habe. Doch er ergänzte: "Das war eine Portion Optimismus zu viel." Die Aussicht auf einen mögliche AfD-Ministerpräsidenten in Sachsen-Anhalt sei ein Schritt, den er sich bei dem Interview vor drei Jahren so noch nicht vorstellen konnte. Sein Rat an alle, die das für aussichtslos halten: keine Feigheit zeigen, nicht den Kopf einziehen. "Das bringt uns nicht weiter", so Gauck, selbst wenn die AfD irgendwo an die Macht komme, wüchsen ihre Bäume nicht in den Himmel.

Weidel in Budapest: die "ungute Suppe" der Autokraten

Besonders deutlich wurde Gauck bei Alice Weidels Auftritt auf der CPAC-Konferenz in Budapest, wo sie laut Gaucks Schilderung dem ungarischen Regierungschef Viktor Orban zujubelte und von einer "felsenfesten Unterstützung" der ungarischen Bevölkerung für ihn sprach. Gauck konterte, dies habe sich später als nicht zutreffend erwiesen. Grundsätzlicher formulierte er seine Sorge über das ideologische Umfeld der Partei: Manche AfD-Anhänger träumten von einer autoritären Führerschaft, die wie Orban aussehen könne, für andere wie Erdogan, wieder andere mochten Trump oder hätten kein Problem mit dem, was er einen "Kriegsbrandstifter" nannte, Putin. "Das ist wirklich eine ungute Suppe, die die sich da zusammengerührt haben", sagte Gauck.

Die Brandmauer-Debatte: Gaucks differenzierte Position

Lanz zitierte den früheren saarländischen Ministerpräsidenten und Verfassungsrichter Peter Müller, der im April gefordert hatte, Parteien dürften eigene Positionen nicht nur deshalb aufgeben, weil sie auch von der AfD vertreten werden, und dass der Eindruck eines unfairen Umgangs mit frei gewählten Abgeordneten mehr schade als er nütze. Gauck räumte ein, diesen Punkt zu verstehen. Er verwies auf ein eigenes Buch über Toleranz, in dem er kritisiert hatte, dass der Bundestag keine AfD-Vizepräsidentin gewählt hatte: "Ich meinte, gewählte Abgeordnete, man solle ihnen die Möglichkeiten, die das Parlament nun mal bietet, nicht versagen." Auf Lanz' Nachfrage bestätigte er, dass dies auch für Fachausschüsse gelte. Eine klare Ausnahme macht Gauck jedoch beim Gremium für Sicherheitsfragen: Dort seien ihm AfD-Vertreter wegen ihrer Nähe zu Putin "zu unsicher". Wer nicht wisse, was ein Kriegsbrandstifter sei und wer nicht zwischen Opfer und Täter unterscheide, dem sei nicht zu trauen.

Merz' "Nörgler"-Satz

Auch zu einem aktuellen Zitat von Bundeskanzler Friedrich Merz wurde Gauck befragt, der Passage: "Kulturpessimisten, Untergangspropheten, Nöler, Nörgler, empörte Berufskritiker, wegtreten." Gauck verteidigte den Satz, solange er sich an Parteifreunde richte. Sollte Merz damit kritische Journalisten gemeint haben, wäre das ein schwerer Fehler, "aber dazu ist er zu demokratisch, das dürfen wir ihm nicht unterstellen." Gauck nutzte die Steilvorlage, um grundsätzlicher zu werden: Der Deutsche fühle sich oft erst wohl, wenn er sich unwohl fühle, und wer intelligent wirken wolle, dürfe nicht dankbar oder glücklich erscheinen.

Kein Ost-Phänomen: eine gemeinsame westliche Verunsicherung

Auf die Frage, ob der AfD-Erfolg spezifisch ostdeutsch geprägt sei, widersprach Gauck deutlich: Der Erfolg der Partei habe zwar im Osten begonnen, sei aber längst auch ein westdeutsches Phänomen. Er wandte sich zudem gegen Formulierungen wie "die gehen den Rechten auf den Leim", die er als Entmündigung von Bürgern kritisierte: "Du redest zu Menschen wie zu kleinen Kindern." Stattdessen brauche es mehr Interesse an den tatsächlichen Gründen, warum sich Menschen von der offenen Gesellschaft überfordert fühlen, ein Phänomen, das er auch in Schweden, den Niederlanden und der Schweiz beobachte. Wichtig sei dabei, den Vorwurf des Faschismus nicht inflationär zu verwenden: "Das ist der große Fehler der linken Protestkultur, dass sie so tun, als wären diese Leute alle bereit, morgen Adolf Hitler zuzujubeln."

Ausblick: Sachsen-Anhalt als Testfall

Für Gauck bleibt die Wahl in Sachsen-Anhalt am 6. September ein Testfall dafür, ob die demokratischen Parteien bereit sind, ungewöhnliche Bündnisse einzugehen, um eine AfD-Regierungsbeteiligung zu verhindern. Er selbst, erklärter Kritiker der Linkspartei, hält es für vorstellbar, dass die Union "die Kröte schlucken muss" und mit der Linken zusammenarbeitet, notfalls als Duldung statt als Koalition, um einen AfD-Ministerpräsidenten zu verhindern. Zugleich warnt er davor, das Wahlverhalten von AfD-Anhängern pauschal zu verurteilen: Er sehe sie nicht als Faschisten, sondern als Menschen auf einem "Irrweg". Wie sich diese doppelte Haltung, Härte gegenüber der Partei und Verständnis für ihre Wähler, in der politischen Praxis der kommenden Wochen niederschlägt, dürfte sich spätestens am Wahlabend im September zeigen. Einen ausführlichen Blick auf die Ausgangslage in Sachsen-Anhalt liefert die separate Analyse zur Landtagswahl, Hintergründe zu Koalitionsoptionen bietet der Ratgeber Koalitionen.

Häufige Fragen

Was sagte Joachim Gauck 2023 über die AfD?

Gauck sagte vor drei Jahren bei Markus Lanz, die AfD komme in Deutschland niemals an die Macht, weil das Land doppelt geimpft sei durch die Erfahrung mit einer braunen und einer roten Diktatur. Bei Lanz am 9. Juli 2026 relativierte er das als eine Portion Optimismus zu viel.

Was kritisierte Gauck an Alice Weidels Auftritt in Budapest?

Gauck kritisierte, dass Weidel bei der CPAC in Budapest dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban zujubelte und von einer felsenfesten Unterstützung der ungarischen Bevölkerung für ihn sprach.

Sollten AfD-Politiker nach Gaucks Ansicht Parlamentsposten bekleiden dürfen?

Ja, Gauck sprach sich dafür aus, gewählten AfD-Abgeordneten Positionen wie ein Bundestagsvizepräsidentenamt oder Fachausschussvorsitze nicht zu verweigern. Eine Ausnahme macht er beim Gremium für Sicherheitsfragen, wo er AfD-Vertretern wegen ihrer Nähe zu Putin nicht vertraut.

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