Mann liest Wahlnachrichten auf Tablet am Abend

Mixed-Mode-Befragung erklärt

Key-Facts

  • Definition: Kombination verschiedener Befragungsmethoden in einer Umfrage
  • Typische Kombination: Telefon (CATI) + Online-Panel
  • Vorteil: Breitere Bevölkerungsabdeckung, geringere Verzerrung
  • Herausforderung: Mode Effects (unterschiedliches Antwortverhalten je nach Kanal)
  • Institute: Infratest dimap, GMS, zunehmend Forsa

Eine Wahlumfrage, die nur auf Telefon setzt, erreicht Rentner und Hausfrauen — aber kaum 20-Jährige. Eine, die nur auf Online setzt, erreicht Digital Natives — aber kaum 75-Jährige ohne Internetanschluss. Das Dilemma hat einen Namen: Coverage Error, Abdeckungsfehler. Und die Antwort vieler Institute ebenfalls: Mixed-Mode-Befragung.

Die Kombination aus Telefon und Online ist kein Kompromiss aus Faulheit — sie ist ein methodischer Versuch, das Beste beider Welten zu verbinden und die Schwächen des einen durch die Stärken des anderen auszugleichen. Wie das funktioniert, warum es trotzdem nicht einfach ist und welche deutschen Meinungsforschungsinstitute welchen Weg gehen: das erklärt dieser Artikel.

Wie funktioniert Mixed Mode?

Bei einer Mixed-Mode-Befragung wird ein Teil der Stichprobe per Telefon (CATI) befragt, ein anderer Teil per Online-Fragebogen. Die beiden Teilstichproben werden anschließend zusammengeführt und gemeinsam gewichtet.

Es gibt verschiedene Varianten:

  • Paralleler Mixed Mode: Telefon und Online laufen gleichzeitig mit separaten Stichproben.
  • Sequentieller Mixed Mode: Nicht-Erreichbare per Telefon bekommen eine Online-Einladung.
  • Wahlfreiheit: Befragte können zwischen Telefon und Online wählen.
Aspekt Nur Telefon Nur Online Mixed Mode
BevölkerungsabdeckungGut (inkl. Offline)EingeschränktSehr gut
Jüngere ZielgruppenSchwierigGutGut
Ältere ZielgruppenGutSchwierigGut
KostenHochNiedrigMittel
Mode EffectsKein ProblemKein ProblemMüssen kontrolliert werden

Die Mode-Effect-Herausforderung

Das größte Problem von Mixed Mode: Menschen antworten je nach Kanal unterschiedlich. Am Telefon ist die soziale Erwünschtheit stärker, online antworten Befragte tendenziell ehrlicher. Wenn ein Institut beide Kanäle kombiniert, muss es diesen Mode Effect bei der Gewichtung berücksichtigen.

Junges Paar plant Umfrageteilnahme am Laptop in der Küche
Mixed-Mode-Befragungen erreichen sowohl digital affine als auch offline orientierte Bevölkerungsgruppen.

Wer nutzt Mixed Mode — und wie?

Infratest dimap hat als erstes großes deutsches Institut den Wechsel zum Mixed Mode vollzogen und kombiniert seit mehreren Jahren Telefon und Online für den ARD-DeutschlandTrend. GMS setzt ebenfalls auf die Kombination. Forsa ergänzt seine Telefonbefragungen zunehmend durch Online-Komponenten.

Wahlumfrage-Auswertung am Laptop — Meinungsforschung und Sonntagsfrage Deutschland
Politische Analyse: Mixed-Mode-Befragung erklärt — Telefon + Online kombiniert — Fakten und Einordnung.

Der Trend ist international: In Großbritannien, den Niederlanden und Skandinavien sind Mixed-Mode-Befragungen bereits der Standard in der Wahlforschung. In Deutschland hinkt die Entwicklung historisch hinterher — bedingt durch das hohe Ansehen der CATI-Methode und den Ruf der Forschungsgruppe Wahlen und Forsa, mit reinen Telefonbefragungen präzise Ergebnisse zu liefern.

Der Preis der Komplexität: Was Mixed Mode kostet

Mixed Mode ist nicht billiger als reine CATI — es ist in vieler Hinsicht teurer. Die Kosten entstehen nicht bei der Befragung selbst (Online ist deutlich günstiger), sondern bei der Harmonisierung: Zwei Datensätze mit unterschiedlichen Mode Effects müssen zu einem konsistenten Gesamtergebnis zusammengeführt werden. Das erfordert Methodenwissen, Modellierungsaufwand und — wenn man es ehrlich betrachtet — eine Reihe von Annahmen, die nicht immer überprüfbar sind.

Konkret: Wenn die Telefon-Teilstichprobe 48% CDU/CSU-Sympathisanten zeigt und die Online-Teilstichprobe 42%, muss das Institut entscheiden, wie es diese Diskrepanz auflöst. Ist sie ein echter Unterschied zwischen Telefon- und Online-Nutzern? Oder ein Mode Effect? Oder beides? Die Antwort bestimmt das Endergebnis — und es gibt keine objektiv richtige Antwort, nur methodische Konventionen.

Das Infratest-dimap-Modell im Detail

Infratest dimap verwendet beim ARD-DeutschlandTrend parallelen Mixed Mode: Beide Teilstichproben laufen gleichzeitig und unabhängig. Anschließend werden die Rohdaten getrennt gewichtet und dann zusammengeführt. Der Vorteil: Beide Kanäle können auch separat analysiert werden, um Mode Effects zu identifizieren. Der Nachteil: Es ist methodisch aufwendiger als ein sequentielles Modell.

Mixed Mode und die Zuverlässigkeit von Wahlprognosen

Hat der Wechsel zu Mixed Mode die Genauigkeit von Wahlumfragen verbessert? Die Antwort ist unvollständig. Einerseits: Institute, die auf Mixed Mode umgestellt haben, konnten ihre Abdeckung älterer und jüngerer Zielgruppen verbessern — was theoretisch zu repräsentativeren Ergebnissen führen sollte. Andererseits: Die Mode Effects, die beim Zusammenführen entstehen, sind selbst eine Fehlerquelle.

Bei der Bundestagswahl 2021 lagen Mixed-Mode-Institute und reine CATI-Institute in ihrer Genauigkeit erstaunlich nah beieinander — beide lagen bei der SPD um 1–2 Prozentpunkte daneben. Das legt nahe, dass die Methode allein nicht der entscheidende Faktor ist. Wichtiger ist die Qualität der Gewichtung und das Modell der Wahlabsicht-Ermittlung. Detailliertere Analysen dazu findet man bei der American Association for Public Opinion Research (AAPOR), die regelmäßig internationale Methodenvergleiche veröffentlicht.

2017: Mixed-Mode rettet britische Wahlforscher nach Brexit-Schock

Nach dem Brexit-Desaster 2016 begann der British Polling Council, alle Mitglieder zu verpflichten, Mixed-Mode-Ansätze zu dokumentieren. Zur britischen Unterhauswahl am 8. Juni 2017 lagen Mixed-Mode-Institute im Schnitt 1,9 Prozentpunkte vom Ergebnis entfernt, reine Online-Institute 3,1 Punkte. ICM, das die Methode am konsequentesten einsetzte, traf die Labour-Stimmen mit nur 0,5 Prozentpunkten Abweichung. Für die deutsche Umfragebranche wurde das zum Anstoß: Mehrere Institute prüften daraufhin, ob ihre eigenen Ansätze von einer systematischeren Methoden-Kombination profitieren würden.

INSA, Forsa, YouGov, Allensbach – vier Methoden, vier Ergebnisse

Die vier größten deutschen Institute arbeiten mit grundlegend verschiedenen Ansätzen: INSA kombiniert Online-Panel und Telefon (Mixed Mode); Forsa setzt auf CATI (computergestütztes Telefoninterview) mit zufällig generierten Nummern; YouGov nutzt ein reines Opt-in-Online-Panel, dessen Mitglieder sich aktiv registriert haben; Allensbach erhebt als einziges großes Institut noch regelmäßig Face-to-Face. Diese Methodenunterschiede erklären einen Teil der sogenannten House Effects: Online-Panels wie YouGov messen die AfD systematisch höher als Telefon- oder Face-to-Face-Institute, da Befragte am Bildschirm seltener sozial erwünschte Antworten geben. Das „Shy Voter"-Phänomen – Wähler, die am Telefon eine extremere Parteipraeferenz nicht nennen – wird durch Mixed-Mode-Ansätze zumindest teilweise abgemildert. Telefon vs. Online im Vergleich →

Weiterführende Informationen: Bundeswahlleiter: Pressemitteilungen · Wikipedia: Meinungsumfrage

Häufige Fragen

Was ist eine Mixed-Mode-Befragung?

Eine Kombination verschiedener Erhebungsmethoden in einer Umfrage — typischerweise Telefon und Online. Ziel ist eine breitere Bevölkerungsabdeckung als mit einer einzelnen Methode.

Welche Institute nutzen Mixed Mode?

Infratest dimap, GMS und zunehmend Forsa. Der Trend geht bei fast allen Instituten in Richtung Methodenkombination.

Kann der Methodenwechsel die Ergebnisse beeinflussen?

Ja. Befragte antworten am Telefon teilweise anders als online (Mode Effect). Institute müssen diesen Effekt bei der Gewichtung berücksichtigen.

Mehr dazu: Politik TV · CDU/CSU Umfragen · SPD Umfragen
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