Hart aber fair: Schmutzkampagne gegen Manuel Hagel in Baden-Württemberg?
Zehn Tage vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg wurde ein altes Video zum zentralen Thema des Wahlkampfs. Bei "Hart aber fair" am 9. März 2026, dem Abend nach der Wahl, ging es entsprechend zunächst nicht um Inhalte, sondern um die Frage, ob eine grüne Bundestagsabgeordnete mit der Veröffentlichung eines acht bis neun Jahre alten Videos von CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel eine reguläre Integritätsdebatte geführt oder eine gezielte Schmutzkampagne betrieben hatte.
Der Anlass für die Debatte war die knappe Niederlage der CDU gegen die Grünen, deren Spitzenkandidat Cem Özdemir als neuer Ministerpräsident die Nachfolge von Winfried Kretschmann antritt. Die Sendung zeigt exemplarisch, wie stark inzwischen selbst Landtagswahlen von einzelnen viral gewordenen Videoclips überschattet werden können, und wie unterschiedlich Politikerinnen und Politiker damit im Nachhinein umgehen.
Am Tisch saß unter anderem Mario Voigt, CDU-Ministerpräsident von Thüringen, der explizit klarstellte, nicht als Parteipolitiker, sondern als amtierender Ministerpräsident zu sprechen, sowie Felix Banaszak, Bundesvorsitzender der Grünen. Beide gerieten im Verlauf der Sendung auch inhaltlich aneinander, insbesondere beim Streit um den Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor.
Video: Schmutzkampagne oder berechtigte Debatte?
Ein Video, zwei Erzählungen
Mario Voigt formulierte die Kritik an der Vorgehensweise deutlich: Wenn "eine grüne Bundestagsabgeordnete, die dann auf einmal ein Video findet, was irgendwie 8 oder 9 Jahre alt ist", zum "zentralen Angelpunkt einer Wahlkampfkommunikation" werde, mache ihn das "nachdenklich". Er warnte vor einer weiteren Polarisierung des politischen Klimas und sagte, jede Seite trage dafür eine eigene Verantwortung. Gleichzeitig betonte er: "Das war ein Angriff auf Manuel Hagel, und das muss man auch als solches benennen."
Für Voigt passten zwei Reaktionen aus der Union nicht zusammen: Manuel Hagel selbst hatte das Video als "Mist" bezeichnet und sich vor allem mit Bezug auf eine Erklärung seiner Frau entschuldigt, was wie Reue wirkte. Andere Unionspolitiker sprachen dagegen von einer Schmutzkampagne. "Entweder das war Mist, dann muss man sich mit dem Thema auseinandersetzen, das adressiert wurde, oder es war eine böse Schmutzkampagne, dann gibt es offensichtlich keine Reflexion", brachte Voigt den Widerspruch auf den Punkt.
Eine Gesprächspartnerin aus dem grünen Lager widersprach der Einordnung als Schmutzkampagne deutlich. Sie verwies darauf, dass die betroffene Bundestagsabgeordnete in den vergangenen Jahren "haufenweise Erfahrung damit gemacht hat, wie in der Regel ältere Männer sich unangemessen und übergriffig ihr gegenüber geäußert und verhalten haben" und dies zunächst anonymisiert öffentlich gemacht habe, bevor ihr der Videoclip zugespielt worden sei. Sie fragte in Richtung Voigt, ob es tatsächlich der Wunsch sei, dass ein solches Video "auf keinen Fall von den Grünen an die Öffentlichkeit gebracht werden" dürfe, nur weil es Wahlentscheidungen beeinflussen könnte, und mahnte: "Ich würde mir diese Reflexion ehrlicherweise auch bei Ihnen wünschen."
Voigt selbst relativierte den Begriff Schmutzkampagne im Sendungsverlauf noch einmal: Nein, das sei kein "besonders schmutziger Wahlkampf" gewesen, sondern "dieses eine blöde Video", das viral gegangen sei. Irgendwann müsse man auch "einen Punkt machen" und nach vorne schauen.
Özdemirs Reaktion: Türen auf statt Abrechnung
Positiv hob Voigt ausdrücklich hervor, wie Cem Özdemir am Wahlabend auf seinen Sieg reagiert habe: "Er hat sofort die Türen aufgemacht, er hat sofort Angebote gemacht, er war nicht überheblich." Özdemir habe nicht mehr auf die Auseinandersetzungen der vorangegangenen zwei Wochen verwiesen, sondern erklärt, man wolle "auf Augenhöhe sein". In einem in der Sendung gezeigten Ausschnitt seiner Wahlabend-Botschaft sagte Özdemir: "Der Abgesang auf Klimaschutz, der Abgesang auf die Grünen war etwas verfrüht." Ausdrücklich bezog er das auf "diese Grünen" in Baden-Württemberg, nicht auf die Bundespartei, ein Nuance, die Moderator Klamroth in der Runde noch einmal herausarbeitete.
Der Verbrenner-Streit: Wie grün bleibt der neue Ministerpräsident?
Inhaltlich wurde es hitzig, als es um den Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor ging. Özdemir hatte im Wahlkampf erklärt, auf ein Jahr früher oder später komme es dabei nicht an, eine Formulierung, die deutlich von der Bundeslinie der Grünen abweicht, im Wahlprogramm ist explizit das Jahr 2035 festgeschrieben. Auf die direkte Frage, ob er mit dieser Aufweichung mitgehe, wich Banaszak zunächst aus und verwies stattdessen darauf, dass insbesondere auf europäischer Ebene "Manfred Weber und seine Fraktion alles dafür tun, den Green Deal der eigenen Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen komplett zu entkernen". Erst auf mehrfaches Nachfragen wurde er konkreter: Sollte am Ende einer politischen Aushandlung stehen, dass aus 2035 das Jahr 2036 werde, würden die Grünen "keine Massendemonstration" dagegen organisieren. Zugleich betonte er, es brauche in Zeiten, in denen Union-Politiker "die Energie- und Wärmewende wieder abwracken" wollten, weiterhin eine politische Kraft, die "Kurs halten" müsse.
Voigt nutzte die Debatte, um vor einer "ideologischen Politik vom grünen Tisch aus Berlin" zu warnen und verwies auf konkrete Zahlen aus seiner Wahrnehmung als Ministerpräsident: In Deutschland gingen derzeit monatlich rund 10.000 Industriearbeitsplätze verloren, der Liter Kraftstoff koste an der Tanksäule 2,25 Euro. Sein eigenes Bundesland Thüringen habe im vergangenen Jahr das stärkste Wirtschaftswachstum aller Flächenländer erzielt, weil man versucht habe, "vernünftige Rahmenbedingungen zu setzen". Energiepolitik sei für ihn deshalb "eine ganz zentrale Frage" für die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands insgesamt.
Ausblick: Ein Muster für 2026
Die Sendung machte deutlich, dass mit dem Machtwechsel in Baden-Württemberg zwei Konflikte parallel weiterlaufen werden. Zum einen der Streit über den politischen Umgangston im Wahlkampf, der angesichts der ohnehin angespannten politischen Stimmung in Deutschland kaum an Schärfe verlieren dürfte. Zum anderen der Grundsatzkonflikt zwischen einem pragmatischeren, auf wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit ausgerichteten Landesflügel der Grünen und der auf feste Klimaziele pochenden Bundespartei, wie ihn auch die ausführliche Analyse zum grünen Comeback und Schwarz-Grün 2026 beschreibt.
Für die kommenden Monate wird entscheidend sein, ob Özdemir seinen im Wahlkampf gezeigten pragmatischen Kurs auch in der Regierungsarbeit fortsetzt, und wie die Bundespartei mit den daraus entstehenden Zielkonflikten umgeht. Wie sich das auf die bundesweite Stimmung für die Grünen auswirkt, lässt sich fortlaufend in der Sonntagsfrage nachverfolgen.
Häufige Fragen
Was war die Schmutzkampagne gegen Manuel Hagel bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg?
Zehn Tage vor der Wahl brachte eine grüne Bundestagsabgeordnete ein acht bis neun Jahre altes Video von CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel in die öffentliche Debatte. Teile der Union werteten das als gezielten Angriff kurz vor der Wahl, Hagel selbst entschuldigte sich und nannte sein damaliges Verhalten Mist.
Wie hat Cem Özdemir nach seinem Wahlsieg reagiert?
Cem Özdemir, der als neuer Ministerpräsident von Baden-Württemberg auf Winfried Kretschmann folgt, reagierte nach Wahrnehmung der Runde versöhnlich: Er machte sofort Kooperationsangebote, verzichtete auf Häme gegenüber der CDU und betonte, man wolle jetzt auf Augenhöhe nach vorne schauen statt zurück auf den Wahlkampf.
Worüber streiten CDU und Grüne beim Ausstiegsdatum für Verbrennungsmotoren?
Der designierte Ministerpräsident hatte im Wahlkampf signalisiert, dass es auf ein Jahr früher oder später beim Verbrenner-Ausstieg nicht ankomme. Grünen-Bundesvorsitzender Felix Banaszak hielt dagegen am Bundes-Wahlprogramm fest, das explizit am Zieljahr 2035 festhält, und warnte vor einem Aufweichen des Green Deal durch die Union auf EU-Ebene.


