Tablet mit Politik-App und Wahlumfrage auf Schreibtisch
Umfrageinstitut

Ipsos — Der Weltkonzern, der spät nach Deutschland kam

In Frankreich kennt jeder Ipsos. In Großbritannien ist das Institut eine feste Größe der Wahlberichterstattung. In den USA liefert Ipsos Daten für Reuters. Aber in Deutschland? Da war Ipsos jahrzehntelang vor allem eins: ein Marktforschungskonzern, der Konsumentenverhalten analysiert und Werbekampagnen testet. Dass dieses Unternehmen seit 2021 auch eine deutsche Sonntagsfrage veröffentlicht, haben viele erst bemerkt, als der Tagesspiegel plötzlich eigene Umfragewerte präsentierte, die nicht von den üblichen Verdächtigen stammten.

Ipsos ist damit der umgekehrte Fall von GMS: Dort kennt niemand den Namen, hier kennt ihn jeder — nur nicht im Kontext deutscher Wahlforschung.

Ipsos im Überblick

  • Gründung: 1975 (Frankreich), deutsche Sonntagsfrage seit 2021
  • Sitz: Hamburg (Deutschland), Konzernzentrale Paris
  • Auftraggeber: Der Tagesspiegel
  • Methode: Online-Panel
  • Frequenz: Alle 2 Wochen
  • Stichprobe: ca. 1.500 Befragte
  • Börsennotiert: Euronext Paris
  • Letzte Erhebung: 13.05.2026

Von Paris über London nach Hamburg

Ipsos wurde 1975 von Didier Truchot in Paris gegründet. Der Name steht als Akronym für „Institut Public de Sondage d’Opinion Secteur". Heute ist der Konzern in über 90 Ländern aktiv, beschäftigt weltweit rund 20.000 Mitarbeiter und ist an der Pariser Börse notiert. Es ist bemerkenswert, dass ein Unternehmen dieser Größe in Deutschland so lange keine eigene politische Umfrage veröffentlicht hat — ein Zeichen dafür, wie fest die Positionen zwischen Forsa, Infratest dimap, Allensbach und der Forschungsgruppe Wahlen verteilt waren.

Der Schritt zur deutschen Sonntagsfrage fiel 2021 in eine Zeit, in der die Medienlandschaft sich diversifizierte und digitale Formate nach eigenen Datenquellen verlangten. Für den Tagesspiegel war die Kooperation eine Möglichkeit, sich von den Zahlen anderer Medienhäuser unabhängig zu machen.

Online-Panel mit internationaler Infrastruktur

Ipsos erhebt seine Sonntagsfrage über ein Online-Panel. Rund 1.500 Personen werden aus einem großen Pool registrierter Teilnehmer ausgewählt und füllen den standardisierten Fragebogen digital aus. Die Feldzeit beträgt ein bis zwei Tage — deutlich schneller als bei Allensbach, das für seine Face-to-Face-Erhebung zwei bis drei Wochen benötigt.

Der entscheidende Vorteil von Ipsos gegenüber rein deutschen Online-Instituten wie INSA oder YouGov ist die internationale Infrastruktur. Die Gewichtungsmodelle, die in Frankreich und Großbritannien über Jahrzehnte verfeinert wurden, fließen in die deutsche Methodik ein. Gleichzeitig müssen diese Modelle an die Besonderheiten des deutschen Parteiensystems angepasst werden — ein Mehrparteiensystem mit Fünf-Prozent-Hürde ist etwas anderes als ein Zweiparteiensystem.

Die alle zwei Wochen erscheinende Erhebung positioniert Ipsos zwischen den wöchentlichen Instituten und den monatlich erhebenden. Dieser Rhythmus liefert genügend Datenpunkte für Trendanalysen, ohne in die kurzfristigen Schwankungen täglicher Nachrichtenzyklen zu geraten.

Studentin auf Campus prüft Politik-App mit Wahlumfrage auf Smartphone
Online-Panel-Befragungen erreichen jüngere Zielgruppen besser als traditionelle Telefonumfragen.

Aktuelle Erhebungen von Ipsos

DatumCDU/CSUSPDGrüneFDPAfDBSWLinke
13.05.2026 23,0% 13,0% 14,0% 4,0% 26,0% 3,0% 12,0%

Einordnung — noch jung, aber erfahren

Da Ipsos erst seit 2021 eine deutsche Sonntagsfrage veröffentlicht, ist der Track Record für eine langfristige Bewertung begrenzt. Bei der Bundestagswahl 2025 lagen die letzten Ipsos-Werte im Rahmen der üblichen Schwankungsbreite. Der Vergleich mit YouGov, das ebenfalls rein online erhebt, zeigt, dass beide Institute zu ähnlichen Ergebnissen tendieren — was für die methodische Konsistenz des Online-Ansatzes spricht.

Die Frage, die sich für Ipsos in Deutschland stellt, ist strategischer Natur: Reicht der Tagesspiegel als alleiniger Medienpartner, um langfristig als relevantes Institut wahrgenommen zu werden? Oder braucht es — wie bei Forsa (RTL) oder Infratest dimap (ARD) — einen Fernsehsender, der die Zahlen einem Massenpublikum präsentiert?

2016: Ipsos versagt bei Brexit – und ändert daraufhin seine Methodik

Am 23. Juni 2016 prognostizierte Ipsos UK in seiner finalen Vorwahlumfrage einen knappen Remain-Sieg: 52 zu 48 Prozent. Das Ergebnis war das Gegenteil – Leave gewann mit exakt demselben Verhältnis 52:48. Die globale Ipsos-Gruppe initiierte daraufhin eine umfassende methodische Revision. Für Deutschland bedeutete das: Ipsos führte ab 2017 deutlich häufiger politische Umfragen durch und veröffentlichte erstmals regelmäßig Bundestagswahlumfragen.

Häufige Fragen

Seit wann veröffentlicht Ipsos eine Sonntagsfrage für Deutschland?

Ipsos veröffentlicht seit 2021 regelmäßig eine Sonntagsfrage für den deutschen Markt, exklusiv in Kooperation mit dem Tagesspiegel. Die internationale Erfahrung des Konzerns in der politischen Meinungsforschung reicht aber Jahrzehnte zurück.

Ist Ipsos ein deutsches Institut?

Nein. Ipsos ist ein internationaler Marktforschungskonzern mit Hauptsitz in Paris, gegründet 1975, aktiv in über 90 Ländern. Die deutsche Niederlassung in Hamburg betreut die Sonntagsfrage und weitere Studien für den DACH-Raum.

Welche Methode verwendet Ipsos für Wahlumfragen?

Ipsos setzt auf ein Online-Panel. Rund 1.500 Personen werden aus einem Pool registrierter Teilnehmer ausgewählt und füllen den Fragebogen digital aus. Die Gewichtung basiert auf internationalen Methodenstandards.

Mehr dazu: Erststimme und Zweitstimme · Glossar · Politik TV

Wahlumfrage-Benachrichtigungen

Sofort informiert bei neuen Umfragen — direkt im Browser, kein Spam.

Mehr erfahren →