Seit über einem halben Jahrhundert läuft freitagabends im ZDF das Politbarometer. Es gibt kaum ein politisches Umfrageformat in Deutschland, das so lange existiert, so leise arbeitet und so zuverlässig liefert. Die Forschungsgruppe Wahlen — das Institut hinter dem Politbarometer — ist das Gegenteil einer Schlagzeilenmaschine. Kein Chef, der in Talkshows sitzt. Keine Kontroversen über Methodik. Kein Twitter-Auftritt, der für Aufregung sorgt. Stattdessen: akademische Präzision, seit 1974, ohne Unterbrechung.
In einer Branche, in der andere Institute über Medienpräsenz und Frequenz um Aufmerksamkeit konkurrieren, hat die Forschungsgruppe Wahlen einen anderen Weg gewählt: weniger reden, besser messen.
Key-Facts: Forschungsgruppe Wahlen
- Vollständiger Name: Forschungsgruppe Wahlen e.V.
- Gründung: 1974 in Mannheim
- Sitz: Mannheim
- Hauptauftraggeber: ZDF
- Methode: Telefon (CATI)
- Frequenz: Alle 2 Wochen (Freitag)
- Stichprobe: ca. 1.300 Befragte
- Bekannt für: ZDF-Politbarometer, akademischer Ansatz
- Letzte Erhebung: 22.05.2026
Mannheim — Deutschlands heimliche Hauptstadt der Sozialforschung
Die Forschungsgruppe Wahlen wurde 1974 von Wissenschaftlern aus dem Umfeld der Universität Mannheim gegründet. Der Standort ist kein Zufall: Mannheim beherbergt mit der Universität, dem Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften (GESIS) und dem Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES) eine einzigartige Konzentration sozialwissenschaftlicher Kompetenz. Wer in Deutschland empirische Sozialforschung betreibt, kommt an Mannheim nicht vorbei.
Das Institut ist als eingetragener Verein organisiert — eine in der Branche ungewöhnliche Rechtsform. Wo Forsa eine GmbH ist und YouGov ein börsennotierter Konzern, signalisiert der e.V. den gemeinnützigen und wissenschaftlichen Charakter der Forschungsgruppe Wahlen. Es geht hier nicht um Umsatz, sondern um Erkenntnisgewinn — zumindest dem Selbstverständnis nach.
Von Anfang an bestand die exklusive Zusammenarbeit mit dem ZDF — die längste Auftraggeber-Beziehung in der deutschen Wahlforschung.
Das Politbarometer — mehr als eine Sonntagsfrage
Was das Politbarometer von einer reinen Sonntagsfrage unterscheidet, ist seine Breite. Alle zwei Wochen freitags präsentiert im „heute journal":
- Sonntagsfrage: Parteienpräferenzen der Wahlberechtigten
- Politiker-Ranking: Zufriedenheit mit den zehn wichtigsten Politikern
- Themenbewertung: Einschätzung aktueller politischer Themen
- Kompetenzwerte: Welcher Partei trauen die Bürger bei bestimmten Themen am meisten zu
- Kanzlerfrage: Direktwahlpräferenz zwischen den Spitzenkandidaten
Dieser Umfang macht das Politbarometer zu einem der inhaltlich reichsten Umfrageformate in der deutschen Medienlandschaft. Während eine reine Sonntagsfrage nur eine Momentaufnahme der Parteienstärke liefert, bildet das Politbarometer auch die dahinterliegenden Bewertungen ab: Warum sind die Werte so, wie sie sind? Welche Themen treiben die Wähler? Wem vertrauen sie?
Methodik — konservativ im besten Sinne
Die Forschungsgruppe Wahlen setzt bei der Datenerhebung auf das CATI-Verfahren (Computer Assisted Telephone Interviewing). Die Stichprobe wird über ein Zufallsverfahren generiert, das Festnetz- und Mobilfunknummern einschließt. Pro Erhebung werden rund 1.300 Wahlberechtigte befragt.
Die Stichprobengröße ist damit kleiner als bei Forsa (2.500) oder INSA (2.000). Die Forschungsgruppe Wahlen kompensiert dies durch ein besonders sorgfältiges Gewichtungsverfahren, das neben den üblichen demografischen Merkmalen auch die Wahlbeteiligungswahrscheinlichkeit berücksichtigt — eine Variable, die besonders bei Nebenwahlen entscheidend sein kann.
Ein bemerkenswerter methodischer Punkt: Die Forschungsgruppe Wahlen verzichtet in der Standarderhebung auf eine Online-Komponente. Während fast alle Konkurrenten auf Mixed-Mode-Verfahren umgestellt haben, hält Mannheim am Telefon als Kernmethode fest. Die Begründung: Telefoninterviews bieten bessere Kontrolle über den Befragungsprozess und vermeiden die Selbstselektionsprobleme von Online-Panels. Ob dieser Ansatz langfristig tragfähig bleibt, ist in der Branche umstritten — die sinkende Erreichbarkeit über Telefon ist eine Herausforderung für alle telefonbasierten Institute.
Aktuelle Politbarometer-Umfragen — Sonntagsfrage
| Datum | CDU/CSU | SPD | Grüne | FDP | AfD | BSW | Linke |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 22.05.2026 | 24,0% | 12,0% | 15,0% | 3,0% | 26,0% | — | 12,0% |
| 08.05.2026 | 25,0% | 12,0% | 13,0% | 3,0% | 27,0% | — | 11,0% |
Die Tabelle zeigt die jüngsten Politbarometer-Erhebungen. Aufgrund der zweiwochentlichen Frequenz umfasst die Übersicht einen längeren Zeitraum als bei wöchentlich erhebenden Instituten — aber genau das ist beabsichtigt: Nicht jede Nachrichtenzykluswelle wird gemessen, sondern tatsächliche Stimmungsveränderungen. Die statistische Fehlermarge liegt bei ±3 Prozentpunkten.
Treffsicherheit — 50 Jahre Erfahrung
Die Forschungsgruppe Wahlen verfügt über den längsten Track Record aller aktiven deutschen Umfrageinstitute. Bei den letzten Bundestagswahlen lag die durchschnittliche Abweichung der letzten Politbarometer-Erhebung vom Wahlergebnis bei rund 1,5 bis 2 Prozentpunkten pro Partei. Die 18-Uhr-Prognose für das ZDF am Wahlabend zeichnet sich durch hohe Präzision aus: Die Abweichungen vom Endergebnis liegen typischerweise unter einem Prozentpunkt.
Der akademische Hintergrund zeigt sich auch in der Kommunikation: Die Forschungsgruppe Wahlen betont stärker als andere Institute die methodischen Grenzen von Umfragen und weist konsequent auf Fehlermargen hin. Diese Zurückhaltung in der Interpretation wird von Methodenexperten positiv bewertet, führt aber gelegentlich dazu, dass die Ergebnisse in den Medien weniger dramatisch präsentiert werden als die Zahlen der Konkurrenz. Das ist kein Bug, das ist ein Feature.
2021: Politbarometer zeigt SPD-Führung 7 Tage vor allen anderen
Am 19. September 2021 veröffentlichte die Forschungsgruppe Wahlen im ZDF-Politbarometer: SPD 25 Prozent, CDU/CSU 22 Prozent. Zum ersten Mal lag die Union im Politbarometer dreistellig hinter der SPD. Es war der Moment, ab dem Olaf Scholz als realer Kanzlerkandidat wahrgenommen wurde. Am 26. September wurden es SPD 25,7%, CDU/CSU 24,1%.
Häufige Fragen zur Forschungsgruppe Wahlen
Was ist das ZDF-Politbarometer?
Das ZDF-Politbarometer ist eine regelmäßige repräsentative Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag des ZDF. Es erscheint in der Regel alle zwei Wochen freitags und umfasst neben der Sonntagsfrage auch Politiker-Rankings, Kompetenzwerte und Themenbewertungen.
Warum erhebt die Forschungsgruppe Wahlen seltener als andere Institute?
Die Forschungsgruppe Wahlen erhebt alle zwei Wochen statt wöchentlich. Dies spiegelt den akademischen Ansatz des Instituts wider: Qualität und methodische Sorgfalt haben Vorrang vor maximaler Erhebungsfrequenz. Die größeren Zeitabstände ermöglichen die Erfassung tatsächlicher Stimmungsveränderungen statt statistischem Rauschen.
Seit wann gibt es die Forschungsgruppe Wahlen?
Die Forschungsgruppe Wahlen wurde 1974 in Mannheim gegründet und ist damit das älteste noch aktive Umfrageinstitut für politische Forschung in Deutschland. Seit der Gründung besteht die exklusive Zusammenarbeit mit dem ZDF.
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