Bundeskanzler Friedrich Merz im Interview, Thema Unzufriedenheit in Umfragen 2026

Hart aber fair extra: Bürger rechnet mit Friedrich Merz ab

Kein Bundeskanzler war seit Bestehen der Bundesrepublik unpopulärer. Das ist keine Zuspitzung der Opposition, sondern das Ergebnis des ARD-Deutschlandtrends: 83 Prozent der Befragten sind mit der Arbeit von Bundeskanzler Friedrich Merz unzufrieden. Am 1. Juni 2026 stellte sich die Sendung "Hart aber fair" genau dieser Zahl: In einer Sonderausgabe im Rahmen der ARD-Dialogwochen saßen keine Berufspolitiker unter sich, sondern Bürgerinnen und Bürger direkt mit Spitzenpolitikern an einem Tisch, moderiert von Louis Klamroth.

Der Anlass für das Format ist die tiefe Vertrauenskrise, in der sich die schwarz rote Koalition gut ein Jahr nach Amtsantritt befindet. Statt der üblichen Studiodebatte zwischen Talkgästen ging es diesmal darum, echte Bürgerinnen und Bürger unmittelbar mit ihrer Kritik zu Wort kommen zu lassen und Politiker mit dieser Kritik direkt zu konfrontieren. Am Tisch saßen unter anderem die Grünen-Politikerin Ricarda Lang, der frühere Außenminister Sigmar Gabriel sowie der Politiker Schulze, dazu Bürgerinnen und Bürger aus unterschiedlichen Berufen, darunter der Reifenhändler Ingo und der Pensionsbetreiber Thorsten aus Dresden.

Für die CDU/CSU und die SPD ist das ein Alarmsignal, das sich auch in der Sonntagsfrage längst niederschlägt. Der Deutschlandtrend wird für die ARD unter anderem von Infratest dimap erhoben und gilt als einer der Referenzwerte für die Stimmung im Land. Dass ein amtierender Kanzler dort historisch schlecht abschneidet, war der eigentliche Ausgangspunkt der Sendung.

Video: Bürger konfrontiert Kanzler Merz

"Ich glaube ihm leider gar nichts"

Den Ton der Sendung gab ein Bürger vor, der auf die Frage, wie zufrieden er mit dem Kanzler sei, knapp antwortete: "Gar nicht." Er ging noch weiter und sagte, bei den 83 Prozent Unzufriedenen fühle er sich "eher noch geschmeichelt". Sein Vorwurf: Merz habe von der ersten Sekunde an nicht die Wahrheit gesagt, konkret bei der Grenzöffnung, bei Taurus-Lieferungen und bei einem Ultimatum an Wladimir Putin, das er nach eigener Ankündigung 24 Stunden später bereits wieder relativiert habe. Sein Fazit fiel entsprechend hart aus: "Ich glaube die guten Herren leider gar nichts."

Nicht alle am Tisch teilten diese Härte. Ein weiterer Bürger relativierte, ihm gehe es "nicht so schlimm", teilweise könne er sich in Merz sogar wiedererkennen, weil auch er selbst manchmal impulsiv reagiere. Beim Vorwurf, Merz habe eine Erwartungshaltung geschürt, die er nicht eingehalten habe, stimmte er jedoch zu: "Ich hätte da von ihm teilweise mehr erwartet."

Ricarda Lang: "Das Problem ist, was er denkt"

Für Ricarda Lang von den Grünen reicht die Erklärung über schlechte Umfragen allein nicht aus. Sie warnte davor, sich "wie das Kaninchen vor der Schlange" von Beliebtheitswerten treiben zu lassen, sah das eigentliche Problem bei Merz aber tiefer: "Ich glaube, bei ihm ist halt das Problem, was er denkt." Bei vielen Menschen entstehe der Eindruck, dass er auf sie herabblicke, gerade in einer Zeit, die für viele hart sei. Sie fasste die wahrgenommene Botschaft der Regierung so zusammen: "Ihr arbeitet allzu wenig, ihr seid zu faul, ihr seid zu viel krank." Ihre Kritik richtete sich dabei nicht nur an die Union: Während die CDU einen "sehr kalten Blick auf die eigene Bevölkerung" habe, tue die SPD so, als könne alles bleiben, wie es ist. Beides sei falsch, so Lang, Reformen seien notwendig, dürften aber nicht ausgerechnet kleine Einkommen am härtesten treffen.

Sigmar Gabriel: Die Umfragen sind das Symptom, nicht die Ursache

Der frühere SPD-Außenminister Sigmar Gabriel ordnete das Umfragetief historisch ein. Aus eigener Erfahrung wisse er: "Davor müssen Sie sich nicht wirklich kümmern, aber je näher die Wahl kommt, dann werden nicht Sie nervös, sondern Ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter." Als Beispiel nannte er die zuletzt kursierende Debatte über einen möglichen Kanzlertausch, die er scharf kritisierte: Da hätten "irgendwelche Leute aus der dritten, vierten Reihe ihre feuchten Träume veröffentlicht", ohne auch nur einen Blick in die Verfassung geworfen zu haben.

Die eigentliche Ursache der Unzufriedenheit sah Gabriel in der wirtschaftlichen Lage und in einem strukturellen Problem der Politik insgesamt: Parteien würden im Wahlkampf 150-seitige Programme vorlegen, in denen alle möglichen Forderungen addiert würden, statt sich auf das zu beschränken, was in einer Legislaturperiode tatsächlich umsetzbar sei. Sein Vorschlag: ein Wahlprogramm auf eine Seite, dafür aber mit Versprechen, die am Ende auch eingehalten werden. "Das wäre mal was Neues", sagte er.

Die Wirtschaft der kleinen Leute: Ingo und Thorsten

Besonders eindrücklich wurde die Debatte, als es nicht mehr um Umfragewerte, sondern um den Alltag zweier Bürger ging. Ingo, Reifenmonteur mit eigenem Betrieb und nebenbei im Garten- und Landschaftsbau tätig, berichtete, dass sich der Preis für ein Verfüllverfahren auf Ölbasis binnen vier Wochen dreimal erhöht habe. Ein zunächst zugesagter Festpreis sei nach 24 Stunden schon wieder hinfällig gewesen, weil, wie er es beschrieb, "der Herr Trump dann irgendein wildes Werk da hinten macht". Zusätzlich belaste die CO2-Steuer kleine Handwerksbetriebe, die anders als große Unternehmen keine Ausweichmöglichkeiten hätten. Am Ende, so Ingo, müsse er die höheren Kosten an seine Kunden weitergeben, etwa an "die ältere Frau", für die er die Hecke schneidet.

Thorsten, ein früherer Ingenieur aus einem Atomkraftwerk vor der Wende und heute Betreiber einer Pension in Dresden, beschrieb einen ähnlichen Befund aus der Tourismusbranche: Spontane Wochenendgäste blieben inzwischen aus, selbst rund um den Striezelmarkt habe er erstmals freie Zimmer. Als besonders alarmierendes Zeichen nannte er eine Zeitungsmeldung, wonach einem Hotelbesitzer, der sein Haus zu einer Tagespflegeeinrichtung umbaute, danach 20 weitere Hotels zur Pacht angeboten worden seien. Sein Schluss: "Irgendwas läuft schief, dass die Leute das Geld dafür nicht haben oder nicht bereit sind auszugeben."

Ausblick: Sommer 2026 als Bewährungsprobe

Die Sendung zeigte exemplarisch, warum die Zustimmungswerte für Friedrich Merz und seine Koalition seit Monaten so niedrig bleiben: Es ist eine Mischung aus enttäuschten Erwartungen, empfundener Distanz zur Lebensrealität vieler Bürger und einer Wirtschaftslage, die sich für Handwerk und Tourismus in vielen Regionen konkret verschlechtert. Gabriel selbst benannte das Sommerhalbjahr 2026 als Phase, in der sich entscheiden muss, ob die Regierung innenpolitisch liefern kann, nachdem außenpolitisch bereits Punkte gesammelt worden seien.

Für die kommenden Monate dürfte entscheidend sein, ob sich die in der Sendung sichtbare Kluft zwischen Ankündigung und Umsetzung verkleinert, oder ob sie sich in weiter sinkenden Zustimmungswerten fortsetzt. Wie sich diese Stimmung konkret in Zahlen niederschlägt, lässt sich fortlaufend in der Sonntagsfrage und in der ausführlichen Bilanz der Merz-Regierung nachvollziehen.

Häufige Fragen

Warum ist Friedrich Merz laut Umfragen so unpopulär?

Laut ARD-Deutschlandtrend sind 83 Prozent der Befragten mit der Arbeit von Bundeskanzler Friedrich Merz unzufrieden. Damit gilt er als der unbeliebteste Bundeskanzler seit Bestehen der Bundesrepublik. Bürger werfen ihm vor, zentrale Ankündigungen zu Themen wie Grenzöffnung, Taurus-Lieferungen und dem Ultimatum an Putin nicht eingehalten zu haben.

Was kritisierte der Bürger bei Hart aber fair extra konkret an Merz?

Ein Gast der Sendung bezeichnete Merz als jemanden, der von der ersten Sekunde an nicht die Wahrheit gesagt habe, etwa bei Grenzöffnung und Taurus-Lieferungen, und der ein Putin-Ultimatum gestellt habe, das er 24 Stunden später relativierte. Er sagte wörtlich, er glaube dem Kanzler leider gar nichts mehr.

Wie erklärten Sigmar Gabriel und Ricarda Lang die schlechten Umfragewerte?

Ricarda Lang sah das Problem tiefer als in einzelnen Umfragewerten: Merz erwecke bei vielen Menschen den Eindruck, auf sie herabzublicken. Sigmar Gabriel argumentierte, Umfragen würden erst kurz vor Wahlen zum echten Problem, weil dann die eigenen Parteikollegen nervös würden. Die eigentliche Ursache sah er in der wirtschaftlichen Lage und in Wahlversprechen, die von Anfang an nicht realistisch gewesen seien.

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