Warum Forsa und INSA anders messen
Key-Facts
- Normale Abweichung: 2–3 Prozentpunkte zwischen Instituten sind üblich
- Hauptursachen: Methode, Gewichtung, Befragungszeitraum, House Effects
- Forsa-Effekt: Tendiert zu höheren Werten für SPD/Grüne
- INSA-Effekt: Tendiert zu höheren Werten für AfD
- Empfehlung: Durchschnitt aller Institute ist am zuverlässigsten
Wer Wahlumfragen verfolgt, kennt das Phänomen: Forsa sieht die CDU/CSU bei 29%, INSA bei 31%, Infratest dimap bei 30%. Alle drei befragen in der gleichen Woche — trotzdem unterscheiden sich die Ergebnisse. Ist das ein Zeichen für schlechte Qualität? Nein. Es ist eine logische Konsequenz unterschiedlicher Methoden und Modelle.
Dieser Ratgeber erklärt die vier Hauptgründe, warum Umfrageinstitute zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, und zeigt, wie Sie die Unterschiede einordnen können.
Grund 1: Unterschiedliche Befragungsmethoden
Der offensichtlichste Unterschied: Institute nutzen verschiedene Befragungsmethoden.
| Institut | Methode | Stichprobe | Frequenz | Auftraggeber |
|---|---|---|---|---|
| Forsa | Telefon + Online | ~2.500 | Wöchentlich | RTL/ntv |
| INSA | Online-Panel | ~2.000 | Wöchentlich | BILD |
| Infratest dimap | Telefon + Online | ~1.500 | Wöchentlich | ARD |
| FGW | Telefon | ~1.300 | Alle 2 Wochen | ZDF |
| Allensbach | Face-to-Face | ~1.000 | Monatlich | FAZ |
| GMS | Telefon + Online | ~1.500 | Unregelmäßig | SAT.1 |
| Ipsos | Online-Panel | ~1.500 | Alle 2 Wochen | Tagesspiegel |
| YouGov | Online-Panel | ~2.000 | Wöchentlich | YouGov |
Jede Methode hat spezifische Stärken und Schwächen. Telefonumfragen erreichen auch Personen ohne Internet, haben aber eine sinkende Antwortrate. Online-Panels sind schnell und günstig, erreichen aber keine Offline-Bevölkerung.
Grund 2: Unterschiedliche Gewichtungsmodelle
Die Gewichtung ist der wichtigste und gleichzeitig intransparenteste Faktor. Jedes Institut hat ein eigenes statistisches Modell, um die Rohdaten an die Bevölkerungsstruktur anzupassen.
Zentrale Gewichtungsfragen, bei denen sich die Institute unterscheiden:
- Recall-Gewichtung: Wie stark wird das frühere Wahlverhalten berücksichtigt?
- Unentschlossene: Wie werden Befragte ohne klare Präferenz behandelt?
- Nichtwähler: Wie wird zwischen „will nicht wählen" und „wird trotzdem wählen" unterschieden?
- Parteiidentifikation: Werden langfristige Bindungen berücksichtigt?
Grund 3: House Effects
House Effects sind systematische Abweichungen eines Instituts vom Durchschnitt. Sie sind über längere Zeiträume messbar und relativ stabil. Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit:
- INSA misst die AfD tendenziell höher als andere Institute — möglicherweise, weil die Anonymität des Online-Panels ehrlichere Antworten fördert.
- Forsa sieht die SPD und Grüne tendenziell etwas stärker — was mit der Gewichtungsmethode zusammenhängen kann.
- Allensbach zeigt oft etwas andere Werte, weil die Face-to-Face-Methode andere Bevölkerungsgruppen erreicht.
Grund 4: Unterschiedliche Erhebungszeiträume
Selbst innerhalb einer Woche kann sich die Stimmung verändern. Forsa erhebt Dienstag bis Donnerstag, INSA typischerweise Freitag bis Montag. Wenn am Mittwoch ein politisches Ereignis stattfindet, erfasst Forsa es noch, INSA erst in der nächsten Woche.
Wie damit umgehen?
- Immer den Durchschnitt betrachten: Der Mittelwert aller Institute glättet institutsspezifische Verzerrungen.
- Trends über Zeit: Wenn alle Institute einen Trend zeigen, ist er robust.
- Methode kennen: Wer die Methodik eines Instituts kennt, kann dessen Ergebnisse besser einordnen.
- Fehlertoleranz beachten: Unterschiede innerhalb der Schwankungsbreite sind statistisch nicht relevant.
2021: Forsa vs. INSA – dieselbe Woche, 6 Punkte Unterschied bei der AfD
In der Woche vor der Bundestagswahl 2021 veröffentlichten Forsa und INSA an denselben Tagen ihre Sonntagsfragen. Forsa: AfD 10 Prozent. INSA: AfD 16 Prozent. Die Differenz betrug 6 Prozentpunkte bei derselben Partei, zur selben Zeit. Der Grund: Forsa nutzte Telefoninterviews, INSA Online-Panels. Telefon-Befragte gaben AfD-Präferenzen seltener zu. Das tatsächliche Ergebnis am 26. September: 10,3 Prozent. Diesmal hatte Forsa recht. Aber die 6-Punkte-Luecke zeigt, warum ein Vergleich zweier Institute ohne Methodenkenntnis irreführend ist.
Der Allensbach-INSA-Graben: Warum zwei seriöse Institute die AfD um 3 Punkte anders messen
Ein konkretes Beispiel für House Effects: Allensbach misst die AfD regelmäßig 2–3 Prozentpunkte niedriger als INSA. Der Grund liegt nicht in Parteilichkeit, sondern in Methodik. Allensbach nutzt face-to-face-Interviews — dort ist die soziale Erwünschtheit höher und AfD-Präferenz wird häufiger verheimlicht. INSA nutzt Online-Panels, wo die Anonymität größer ist. Dazu kommen unterschiedliche Frageformulierungen, Erhebungszeiträume und Gewichtungsschemata. Kein Institut lügt — sie messen nur unterschiedlich. Der Aggregat-Ansatz (Mittelwert aus mehreren Instituten) ist deshalb genauer als jede Einzelmessung.
Weiterführende Informationen: Bundeswahlleiter: Pressemitteilungen · Wikipedia: Meinungsumfrage
Häufige Fragen
Warum zeigen Forsa und INSA unterschiedliche Werte?
Forsa nutzt primär Telefonbefragungen, INSA ein Online-Panel. Zudem unterscheiden sich die Gewichtungsmodelle und die sogenannten House Effects. Abweichungen von 2–3 Prozentpunkten sind normal und kein Zeichen für mangelnde Qualität.
Welches Institut hat recht?
Kein Institut hat automatisch recht. Jedes misst mit anderen Methoden und erreicht andere Bevölkerungsgruppen. Der Durchschnitt aller Institute ist zuverlässiger als jede Einzelumfrage.
Was sind House Effects?
House Effects sind systematische Abweichungen eines Instituts vom Institutsdurchschnitt. Sie entstehen durch Methoden- und Gewichtungsunterschiede und sind bei jedem Institut messbar und relativ stabil.
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