Plenarsaal des Bundestags während einer Sitzung zur Wahlrechtsreform

Bundestag — Aufgaben, Zusammensetzung und Wahl

Als am 7. September 1949 der erste Deutsche Bundestag im Bonner Museum König zusammentrat, saßen 410 Abgeordnete in einem provisorischen Plenarsaal. Heute tagt das Parlament im Reichstag in Berlin, hat 630 Sitze und ist das einzige Verfassungsorgan, das direkt vom Volk gewählt wird. Der Bundestag ist das demokratische Herzstück der Bundesrepublik — und bei genauerer Betrachtung weitaus mächtiger, als viele Bürger glauben.

Der Bundestag in Zahlen

  • 630 Sitze (fest seit der Wahlrechtsreform 2023)
  • 299 Wahlkreise für die Erststimme
  • 5 Fraktionen + 1 Gruppe im 21. Bundestag (seit 2025)
  • 24 ständige Ausschüsse für die Detailarbeit
  • Sitz: Reichstagsgebäude, Berlin

Wie der Bundestag gewählt wird

Jeder Wähler hat bei der Bundestagswahl zwei Stimmen. Dieses System ist weltweit ziemlich einzigartig:

Stimme Wählt Prinzip
Erststimme Einen Direktkandidaten im Wahlkreis Wer die meisten Stimmen hat, gewinnt das Direktmandat
Zweitstimme Die Landesliste einer Partei Bestimmt die Sitzverteilung im Bundestag

Die Zweitstimme ist die entscheidende: Sie bestimmt, wie viele der 630 Sitze jede Partei erhält. Die Verteilung erfolgt nach dem Sainte-Laguë/Schepers-Verfahren. Um überhaupt einzuziehen, muss eine Partei die Fünfprozenthürde überwinden — eine Sperrklausel, die seit 1953 gilt und Zersplitterung verhindern soll.

Vier Aufgaben, eine Kernmission

1. Gesetzgebung: Der Bundestag ist das wichtigste Gesetzgebungsorgan. Gesetzentwuürfe durchlaufen drei Lesungen. Die eigentliche Arbeit passiert in den Ausschüssen — 24 ständige Fachausschüsse, in denen die Details ausgehandelt werden, bevor das Plenum abstimmt.

Wählerinnen und Wähler im Wahllokal bei der Stimmabgabe — Demokratie in Deutschland
Im Wahllokal: Bürgerinnen und Bürger geben ihre Stimme ab.

2. Kanzlerwahl: Nur der Bundestag wählt den Bundeskanzler. Kein Volkswahlen, kein Wahlmänner-Gremium — eine direkte Parlamentswahl. Ebenso kann er den Kanzler durch ein konstruktives Misstrauensvotum abwählen.

3. Haushaltskontrolle: Das Budgetrecht wird gern als „Königsrecht des Parlaments" bezeichnet. Ohne Zustimmung des Bundestags darf die Bundesregierung keinen Cent ausgeben. Im Bundeshaushalt 2025 ging es um rund 480 Milliarden Euro.

4. Regierungskontrolle: Durch Anfragen, Aktuelle Stunden, Untersuchungsausschüsse und das Fragerecht gegenüber Ministern überwacht das Parlament die Exekutive. Die Opposition spielt dabei eine besonders aktive Rolle.

Der Reichstag in Berlin — Sitz des Deutschen Bundestags seit 1999
Debatte im Plenarsaal — das sichtbarste Element der parlamentarischen Arbeit, aber bei weitem nicht das einzige.

Die Fraktionen im 21. Bundestag

Nach der Wahl vom Februar 2025 setzt sich der Bundestag aus vier Fraktionen und einer Gruppe zusammen:

Fraktion / Gruppe Partei(en) Sitze Status
CDU/CSUChristlich Demokratische/Soziale Union220Regierung
AfDAlternative für Deutschland160Opposition
SPDSozialdemokratische Partei158Regierung
GrüneBündnis 90/Die Grünen89Opposition
Die LinkeDie Linke64Opposition
BSWBündnis Sahra Wagenknecht2Gruppe

Auffällig: Das BSW zog 2025 als völlig neue politische Kraft in den Bundestag ein — allerdings nur als Gruppe (nicht als Fraktion), da es mit 4,97% unter der Fünfprozenthsürde blieb und lediglich 2 Direktmandate gewann. Die FDP scheiterte mit 4,3% an der Hürde — ein historischer Einschnitt für die älteste liberale Partei Europas. Die Linke schaffte mit 8,8% und 64 Sitzen den Wiedereinzug als Fraktion — ein Comeback nach dem BSW-Abspaltungs-Tief.

Vom Provisorium zum Reichstag

Was viele nicht wissen: Der Bundestag saß 50 Jahre lang nicht in Berlin. Von 1949 bis 1999 tagte er in Bonn — erst im umgebauten Wasserwerk, dann im eigens errichteten Plenarsaal. Erst nach der Wiedervereinigung und einer knappen Abstimmung (337:320 Stimmen) zog das Parlament 1999 in den historisch aufgeladenen Reichstag um, der von Norman Foster mit seiner berühmten Glaskuppel umgebaut worden war.

Die Kuppel ist übrigens kein architektonisches Beiwerk: Besucher können von oben in den Plenarsaal hinunterblicken. Symbolik für den Gedanken, dass die Bürger über dem Parlament stehen — und nicht umgekehrt.

20. Juni 1991: 337 gegen 320 — der engste Beschluss, der Berlin zur Hauptstadt machte

Am 20. Juni 1991 debattierte der Bundestag über eine Frage, die Deutschland seit der Wiedervereinigung spaltete: Soll Bonn Regierungssitz bleiben — oder wird Berlin Hauptstadt? Zwölf Stunden lang sprachen 103 Abgeordnete. Dann die Abstimmung: 337 gegen 320 Stimmen — 17 Stimmen Mehrheit für den Umzug nach Berlin. Die Entscheidung war denkbar knapp. Hätten acht Abgeordnete anders gestimmt, wäre die Bundesrepublik in Bonn geblieben. Die Abstimmung war fraktionsübergreifend und frei — keine Koalitionsdisziplin, kein Fraktionszwang. CDU-Abgeordnete stimmten gegen CDU-Abgeordnete, SPD-Mitglieder gegen SPD-Mitglieder. Bundeskanzler Helmut Kohl stimmte für Berlin; sein Innenminister Wolfgang Schäuble ebenfalls. Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth stimmte für Bonn. Willy Brandt hielt die emotionalste Rede des Tages. Die beschlossene Verlagerung dauerte dann acht Jahre: Erst am 19. April 1999 trat der Bundestag erstmals im Berliner Reichstag zusammen.

1956: Die Vertrauensfrage als Waffe – wie Adenauer den Bundestag unter Druck setzte

Die Vertrauensfrage ist das schärfste Instrument eines Bundeskanzlers gegen das eigene Parlament. Adenauer stellte sie 1956 nach dem Austritt der FDP aus der Koalition. Er gewann. Brandt nutzte sie 1972 bewusst, um eine Niederlage zu erzwingen und Neuwahlen zu ermöglichen. Schmidt verlor sie 1982 echt – und wurde gestürzt. Kohl nutzte sie 1983 bewusst für Neuwahlen. Schröder 2005 ebenfalls. Scholz 2024 verlor sie bewusst. Das Instrument der Vertrauensfrage ist in Deutschland einzigartig: Sie kann politische Selbstauflösung sein – oder echter Machtverlust. Beides ist Teil der Demokratie.

Alle Informationen rund um den Bundestag stellt der Deutsche Bundestag – Aufgaben und Organisation bereit. Hintergrundwissen bietet die Bundeszentrale für politische Bildung. Weiterführend: Bundestagswahl, Fraktionen, Mandat und Sonntagsfrage.

Häufige Fragen

Was ist der Bundestag?

Das Parlament der Bundesrepublik Deutschland. Er wird alle vier Jahre direkt vom Volk gewählt und ist das zentrale Organ der Gesetzgebung.

Warum hat der Bundestag genau 630 Sitze?

Seit der Wahlrechtsreform 2023 ist die Zahl fest. Zuvor konnte sie durch Überhangmandate und Ausgleichsmandate schwanken — 2021 waren es sogar 736.

Was macht der Bundestag?

Der Bundestag verabschiedet Gesetze, beschließt den Bundeshaushalt, wählt den Bundeskanzler und kontrolliert die Bundesregierung. Er tagt regelmäßig im Berliner Reichsgebäude und ist öffentlich zugänglich.

Wie lange dauert eine Legislaturperiode?

Eine Legislaturperiode dauert vier Jahre. Durch ein konstruktives Misstrauensvotum oder eine verlorene Vertrauensfrage kann der Bundestag früher aufgelöst werden — so geschehen 2024/2025 nach dem Ampel-Scheitern.

Was sind Fraktionen im Bundestag?

Fraktionen sind Zusammenschlüsse von Abgeordneten derselben oder ähnlicher Parteien. Mindestens 5 % der Abgeordneten (32 Personen) müssen eine Fraktion bilden, um besondere Rechte wie Redezeiten, Ausschusssitze und Mitarbeiter zu erhalten.

Mehr dazu: Wahlbeteiligung · Politik-News

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