Politikerin hält eine Rede im Plenum des Bundestags in Nahaufnahme

Erststimme — Definition, Bedeutung und Funktion

Links auf dem Stimmzettel: Namen. Rechts auf dem Stimmzettel: Parteien. Diese Zweiteilung verwirrt regelmäßig Erstwähler — und selbst manche langjährige Wähler wissen nicht genau, was die Erststimme bewirkt. Dabei ist sie das persoenlichste Element des deutschen Wahlsystems: Mit ihr wählen Sie nicht eine Partei, sondern einen Menschen.

Erststimme auf einen Blick

  • Position: Linke Spalte des Stimmzettels
  • Wirkung: Wählt einen Direktkandidaten im Wahlkreis
  • Prinzip: Wer die meisten Stimmen hat, gewinnt
  • Ergebnis: Das Direktmandat
  • Wahlkreise: 299 in ganz Deutschland

Erststimme vs. Zweitstimme

Erststimme Zweitstimme
Wo auf dem Zettel? Links Rechts
Was wählen Sie? Einen Menschen (Direktkandidat) Eine Partei (Landesliste)
Wahlprinzip Mehrheitswahl Verhältniswahl
Bestimmt Wer den Wahlkreis vertritt Sitzverteilung im Bundestag

Die Zweitstimme ist für die Machtverhältnisse im Parlament entscheidender — sie bestimmt, wie viele der 630 Sitze jede Partei erhält. Die Erststimme wählt die Person, die einen bestimmten Wahlkreis vertritt. Beide zusammen ergeben das, was Politikwissenschaftler „personalisierte Verhältniswahl" nennen.

Mann liest politische Nachrichten am Computer zuhause
Erst- und Zweitstimme verstehen — die Grundlage für eine informierte Wahlentscheidung.

Stimmensplitting: Erlaubt und verbreitet

Viele Wähler geben Erst- und Zweitstimme verschiedenen Parteien. Bei der Bundestagswahl 2025 machten rund 25 % davon Gebrauch. Ein typisches Beispiel: Die Erststimme dem bekannten CDU-Kandidaten vor Ort, die Zweitstimme den Grünen für die bundespolitische Ausrichtung.

Wählerinnen und Wähler im Wahllokal bei der Stimmabgabe — Demokratie in Deutschland
Im Wahllokal: Bürgerinnen und Bürger geben ihre Stimme ab.

Was die Reform geändert hat

Seit der Wahlrechtsreform 2023 hat die Erststimme an Durchschlagskraft verloren. Früher war der Wahlkreissieg eine Garantie für den Einzug. Heute kann es passieren, dass ein Kandidat seinen Wahlkreis gewinnt, aber nicht einzieht, weil seiner Partei nach Zweitstimmenanteil nicht genug Sitze zustehen. Die Erststimme ist damit kein sicheres Ticket mehr — sondern eine Stimme unter Vorbehalt.

2025: Wahlkreisgewinner, die nicht einziehen durften — ein Novum

Am 23. Februar 2025 gewannen mehrere CDU-Kandidaten ihren Wahlkreis — und zogen trotzdem nicht in den Bundestag ein. Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik griff die neue Kappungsregel der Wahlrechtsreform 2023: Die CDU/CSU gewann bundesweit mehr Direktmandate, als ihr nach Zweitstimmen zustanden. Die überzähligen Wahlkreisgewinner wurden nach ihrem Erststimmenanteil gereiht — wer am wenigsten Stimmen im Vergleich zu anderen CDU-Gewinnern im selben Land hatte, schied aus. Betroffen waren vor allem Kandidaten in Berlin und Nordrhein-Westfalen. Sie hatten ihren Wahlkreis im fairen Wettbewerb gewonnen — und fuhren trotzdem ohne Mandat nach Hause. Das Bundesverfassungsgericht wurde angerufen. Die Entscheidung steht noch aus.

1976: Die Wahlkampfkostenerstattung – wie der Staat Parteien finanziert

Seit 1959 erhalten Parteien in Deutschland eine staatliche Wahlkampfkostenerstattung. Heute: Bis zu 0,83 Euro pro Zweitstimme (bei bis zu 4 Millionen Stimmen), darüber 0,70 Euro. Plus: Erstattung pro Euro Mitgliedsbeitrag. 2021 erhielt die SPD rund 48 Millionen Euro. Große Parteien profitieren am meisten. Die staatliche Parteienfinanzierung war umstritten: Ist es demokratische Notwendigkeit oder Selbstbedienung? Das Bundesverfassungsgericht setzte 1992 Grenzen: Die staatliche Finanzierung darf nicht mehr als die Eigeneinnahmen der Partei betragen. Deutschland ist damit ein Mittelweg zwischen US-Spendenfreiheit und strengen europäischen Deckelungen.

Offiziell erklärt: Bundeswahlleiter — Stimmzettel und Stimmabgabe. Das Zusammenspiel von Erststimme und Zweitstimme und wie der Koalitionsrechner Mandatsverteilungen berechnet.

Häufige Fragen

Was passiert, wenn ich nur die Erststimme abgebe?

Die Erststimme zählt, die Zweitstimme verfällt. Der Stimmzettel ist nicht ungültig — aber Sie verschenken die Stimme, die über die Sitzverteilung im Bundestag entscheidet.

Können Erst- und Zweitstimme verschiedenen Parteien gelten?

Ja. Das nennt sich Stimmensplitting und ist völlig legal. Rund ein Viertel der Wähler nutzt diese Möglichkeit.

Mehr dazu: AfD Umfragen · der Bundestag · CDU/CSU Umfragen

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