Familie verfolgt Bundestagswahl-Ergebnisse im Fernsehen

20 Wahlen, 75 Jahre, eine Demokratie

Die großen Zahlen

  • 20 Wahlen seit 1949 — davon 4 vorgezogen (1972, 1983, 2005, 2025)
  • 10 Kanzler: Adenauer, Erhard, Kiesinger, Brandt, Schmidt, Kohl, Schröder, Merkel, Scholz, Merz (seit 2025)
  • Höchste Beteiligung: 91,1 % (1972) — Brandts Ostpolitik mobilisierte das ganze Land
  • Tiefste Beteiligung: 70,8 % (2009) — jeder Dritte blieb zu Hause
  • Einzige absolute Mehrheit: CDU/CSU 1957 mit 50,2 % („Keine Experimente")

Alles, was man über die deutsche Demokratie wissen muss, steht in der Tabelle weiter unten. 20 Zeilen, 20 Wahlen, 75 Jahre Geschichte. Von Adenauers knapper Wahl mit einer Stimme Mehrheit bis zu Merkels Abschieds-GroKo, von 11 Parteien im ersten Bundestag bis zur Sechs-Fraktionen-Landschaft der 2020er — jede Zeile ist eine eigene Geschichte.

Diese Seite liefert den Überblick: die große Tabelle aller Wahlen als Herzstück, dazu kurze Einordnungen nach Jahrzehnten. Wer tiefer einsteigen will, findet Links zu den einzelnen Epochen — von der Weimarer Vorgeschichte über die Wiedervereinigungswahl bis zur Ampel-Koalition.

Bundestagswahlen Seit 1949
Deutsche Wahlgeschichte: Demokratie im Wandel | BWU Redaktion

Alle Bundestagswahlen im Überblick

Die folgende Tabelle zeigt alle 20 Bundestagswahlen mit den jeweils stärksten Parteien, der gebildeten Koalition und der Wahlbeteiligung:

Nr. Datum Kanzler CDU/CSU SPD Koalition Beteiligung
1.14.08.1949Adenauer31,0 %29,2 %CDU/CSU, FDP, DP78,5 %
2.06.09.1953Adenauer45,2 %28,8 %CDU/CSU, FDP, DP, GB/BHE86,0 %
3.15.09.1957Adenauer50,2 %31,8 %CDU/CSU, DP87,8 %
4.17.09.1961Adenauer45,3 %36,2 %CDU/CSU, FDP87,7 %
5.19.09.1965Erhard47,6 %39,3 %CDU/CSU, FDP86,8 %
6.28.09.1969Brandt46,1 %42,7 %SPD, FDP86,7 %
7.19.11.1972Brandt44,9 %45,8 %SPD, FDP91,1 %
8.03.10.1976Schmidt48,6 %42,6 %SPD, FDP90,7 %
9.05.10.1980Schmidt44,5 %42,9 %SPD, FDP88,6 %
10.06.03.1983Kohl48,8 %38,2 %CDU/CSU, FDP89,1 %
11.25.01.1987Kohl44,3 %37,0 %CDU/CSU, FDP84,3 %
12.02.12.1990Kohl43,8 %33,5 %CDU/CSU, FDP77,8 %
13.16.10.1994Kohl41,4 %36,4 %CDU/CSU, FDP79,0 %
14.27.09.1998Schröder35,1 %40,9 %SPD, Grüne82,2 %
15.22.09.2002Schröder38,5 %38,5 %SPD, Grüne79,1 %
16.18.09.2005Merkel35,2 %34,2 %CDU/CSU, SPD77,7 %
17.27.09.2009Merkel33,8 %23,0 %CDU/CSU, FDP70,8 %
18.22.09.2013Merkel41,5 %25,7 %CDU/CSU, SPD71,5 %
19.24.09.2017Merkel32,9 %20,5 %CDU/CSU, SPD76,2 %
20.26.09.2021Scholz24,1 %25,7 %SPD, Grüne, FDP76,6 %

1949–1961: Elf Parteien werden drei

Die erste Wahl 1949 fand im August statt — dem einzigen Sommertermin der Geschichte. 31 Millionen Wähler, elf Parteien im Bundestag, ein Kanzler mit einer Stimme Mehrheit. Adenauer scherzte später, er habe sich selbst gewählt. Die Wahlbeteiligung lag bei 78,5 % — was man heute feiern würde. Damals war man enttäuscht.

Die Reform 1953 änderte alles: bundesweite Fünf-Prozent-Hürde, Zweitstimme, Schluss mit dem Flickenteppich. Bis 1961 waren nur noch CDU/CSU, SPD und FDP übrig. Die Bayernpartei? Verschwunden. Das Zentrum? Aufgelöst. Die KPD? 1956 verboten.

Den Rekord der Ära setzte die Wahl 1957: 50,2 % für die CDU/CSU. Absolute Mehrheit. Nie wieder erreicht. Adenauers Slogan „Keine Experimente" traf eine Bevölkerung, die gerade erst angefangen hatte zu atmen.

Bürger informiert sich über historische Wahlergebnisse am Computer
Die Geschichte der Bundestagswahlen reicht über 75 Jahre zurück und umfasst 20 Wahlen.

1969–1982: Brandt, Schmidt und die heisseste Phase

1969: Erster Machtwechsel. CDU/CSU stärkste Kraft, trotzdem regiert SPD-Chef Willy Brandt mit der FDP. „Mehr Demokratie wagen" — ein Satz, der eine Generation elektrisierte.

1972: 91,1 % Wahlbeteiligung. Nie vorher, nie danach. Die SPD wird mit 45,8 % zum einzigen Mal stärkste Kraft. Erstmals wählen 18-Jährige. Die Wahl ist ein Plebiszit über die Ostpolitik — und die Deutschen sagen Ja.

1974: Brandts Referent entpuppt sich als DDR-Spion. Brandt tritt zurück. Helmut Schmidt übernimmt — pragmatisch, nüchtern, die Anti-Brandt. 1982 wechselt die FDP innerhalb von 23 Tagen die Koalition. Kohl wird Kanzler. Die sozialliberale Ära ist vorbei.

1982–1998: Kohls 16 Jahre

Helmut Kohl gewann vier Wahlen in Folge — und die Wiedervereinigung. Die Einheitswahl 1990 war sein Triumph: 43,8 %, „Kanzler der Einheit". 1983 zogen die Grünen erstmals in den Bundestag (5,6 %) — das Ende des Drei-Parteien-Systems. 1994 wurde es knapp: Kohl siegte mit 41,4 %, die SPD holte auf. Das „blühende Landschaften"-Versprechen lastete auf ihm.

1998–2005: Rot-Grün verändert die Republik

1998 wählten die Deutschen Kohl ab — zum ersten Mal in der Geschichte wechselte eine Regierung komplett durch eine Wahl. Schröder (SPD, 40,9 %) und Fischer (Grüne, 6,7 %) regierten sieben Jahre. Atomausstieg, Ökosteuer, Lebenspartnerschaft, Agenda 2010 — und am Ende die Vertrauensfrage 2005, die zur Ära Merkel führte.

Jahrzehnt Prägende Themen Koalitionstypen Durchschn. Beteiligung
1949–1959Wiederaufbau, Westintegration, WirtschaftswunderBürgerliche Koalitionen84,1 %
1960–1969Mauerbau, Große Koalition, APOSchwarz-Gelb, GroKo, Sozialliberal87,1 %
1970–1979Ostpolitik, Ölkrise, RAF-TerrorSozialliberal90,9 %
1980–1989Nachrüstung, Tschernobyl, MauerfallSozialliberal, Schwarz-Gelb87,3 %
1990–1999Wiedervereinigung, EU-Vertrag, EuroSchwarz-Gelb, Rot-Grün79,7 %
2000–2009Agenda 2010, Finanzkrise, AfghanistanRot-Grün, GroKo, Schwarz-Gelb75,9 %
2010–2019Euro-Krise, Flüchtlingskrise, AfD-AufstiegGroKo73,9 %
2020–2025Corona, Ukraine, EnergiekriseAmpel76,6 %

2005–2021: Merkel und die Fragmentierung

Angela Merkel regierte 16 Jahre, gewann vier Wahlen, führte drei Große Koalitionen. Unter ihr fragmentierte sich das Parteiensystem wie nie zuvor: Die FDP flog 2013 aus dem Bundestag (4,8 % — zum ersten Mal in der Geschichte). Die AfD zog 2017 mit 12,6 % als sechste Fraktion ein. Jamaika scheiterte. Die Volksparteien verloren zusammen fast 30 Punkte. Die Ära endete 2021 mit dem schlechtesten CDU/CSU-Ergebnis aller Zeiten: 24,1 %.

2021–2025: Ampel, Bruch, Neuwahl

Die Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP war ein Experiment — das nach drei Jahren scheiterte. Im November 2024 entließ Scholz Finanzminister Lindner. Die vorgezogene Neuwahl am 23. Februar 2025 brachte Friedrich Merz (CDU) ins Kanzleramt. Die CDU/CSU erholte sich deutlich. Die SPD stürzte ab. Die FDP kämpfte ums Überleben.

Ein Kuriosum aus dieser Phase: Die Wahlwiederholung in Berlin 2024 war die erste partielle Bundestagswahl-Wiederholung in der Geschichte der BRD — ausgelöst durch Organisationspannen am Wahltag 2021 (zu wenige Stimmzettel, zu lange Schlangen, Wahllokale neben einem Marathon).

Entwicklung der Wahlbeteiligung

Die Wahlbeteiligung bei Bundestagswahlen zeigt einen langfristigen Abwärtstrend. Während in den 1970er-Jahren regelmäßig über 90 % der Wahlberechtigten ihre Stimme abgaben, sank die Beteiligung ab den 1990er-Jahren deutlich. Den Tiefpunkt erreichte sie 2009 mit nur 70,8 %. Seitdem hat sich die Beteiligung auf einem Niveau von rund 76 % stabilisiert.

Die Gründe für den Rückgang sind vielfältig: Politikverdrossenheit, das Gefühl mangelnder Unterschiede zwischen den Parteien und die Zunahme der Nichtwähler als größte „Partei". Gleichzeitig gibt es Gegentrends — etwa die Mobilisierung durch polarisierende Themen wie die Flüchtlingskrise 2015 oder die Corona-Pandemie.

Veränderungen im Parteiensystem

Das deutsche Parteiensystem hat sich seit 1949 grundlegend gewandelt. In den Anfängen zogen bis zu elf Parteien in den Bundestag ein. Ab den 1960er-Jahren etablierte sich ein stabiles Drei-Parteien-System aus CDU/CSU, SPD und FDP. Die Grünen erweiterten es ab 1983 zum Vier-Parteien-System, nach der Wiedervereinigung kam die PDS (später Die Linke) hinzu.

Von 2017 bis 2025 war der Bundestag mit bis zu sechs Fraktionen so fragmentiert wie nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Gründung des BSW durch Sahra Wagenknecht 2024 schien diesen Trend zu verstärken — doch die Bundestagswahl 2025 brachte eine Konsolidierung: FDP und Die Linke scheiterten an der Fünf-Prozent-Hürde, BSW blieb knapp darunter. Der 21. Bundestag hat nur noch vier Fraktionen: CDU/CSU, AfD, SPD und Grüne.

Ehepaar diskutiert am Wahlabend über Ergebnisse
Wahlabende gehören seit Jahrzehnten zur deutschen Demokratie-Tradition.

Was die Tabelle zeigt

Drei Trends springen ins Auge, wenn man alle 20 Wahlen nebeneinanderlegt. Erstens: Die Wahlbeteiligung sinkt — von 91,1 % (1972) auf rund 76 % in den 2020ern. Zweitens: Die Volksparteien schrumpfen — CDU/CSU und SPD holten 1976 zusammen 91,2 %, 2021 nur noch 49,8 %. Drittens: Die Koalitionen werden komplizierter — von der Zweierkoalition zur Dreierkonstellation.

Gleichzeitig zeigt die Tabelle bemerkenswerte Stabilität. 10 Kanzler in 76 Jahren. Kein einziger Putsch, keine Verfassungskrise, kein Systemwechsel. Das Grundgesetz hat geliefert — genau die Stabilität, die die Weimarer Republik nie hatte. Die Fünf-Prozent-Hürde, das konstruktive Misstrauensvotum, der schwache Präsident — jede einzelne Schraube sitzt. Die Bundestagswahl 2025 hat gezeigt, dass das System anpassungsfähig ist: Nach einer Phase der Fragmentierung (sechs Fraktionen 2017–2021) hat es sich wieder konsolidiert — auf vier Fraktionen und eine einfache Zweier-Koalition (CDU/CSU + SPD).

48,6 Prozent — und trotzdem verloren: Die CDU 1976

Am 3. Oktober 1976 erhielt die CDU/CSU unter Helmut Kohl 48,6 Prozent der Zweitstimmen — das beste Ergebnis einer Oppositionspartei in der Geschichte der Bundesrepublik und bis heute unerreicht. Die SPD bekam 42,6 Prozent. Trotzdem bildete Helmut Schmidt eine Koalition mit der FDP (7,9 %) und wurde Kanzler. CDU/CSU hatte 243 Sitze, SPD+FDP 254 Sitze. Der Kanzler der unterlegenen Koalition blieb im Amt. Kohl musste warten — sechs weitere Jahre, bis 1982 die FDP die Koalition wechselte. Die 1976er-Wahl zeigt das Grundprinzip des Verhältniswahlrechts: Mehrheit an Stimmen bedeutet nicht automatisch Mehrheit an der Macht. Koalitionsarithmetik entscheidet. Kohl gewöhnte sich: Sechs Jahre später wurde er durch das konstruktive Misstrauensvotum Kanzler — ohne Wahl. Und 1983 gewann er dann auch die Wahl, mit 48,8 % für die Union.

1968: APO und Große Koalition – wie Studenten das Wahlrecht veränderten

Die Außerparlamentarische Opposition (APO) 1968 entstand, weil CDU und SPD gemeinsam regierten – keine echte Opposition. Studenten demonstrierten gegen Notstandsgesetze, Vietnam, Autoritarismus. Rudi Dutschke wurde angeschossen. Die 68er-Bewegung hatte langfristige Wirkung: Wahlalter wurde 1970 auf 18 gesenkt. Die Grünen gründeten sich 1980 aus 68er-Netzwerken. Die Parlamentarisierung der Außerparlamentarischen: Joschka Fischer, Fischer-Apparat, Rot-Grün 1998.

Häufige Fragen zu Bundestagswahlen

Wie viele Bundestagswahlen gab es seit 1949?

Seit 1949 fanden 20 Bundestagswahlen statt. Die erste Wahl war am 14. August 1949, die jüngste am 23. Februar 2025. Der reguläre Wahlzyklus beträgt vier Jahre, allerdings gab es mehrfach vorgezogene Neuwahlen — etwa 1972, 1983, 2005 und 2025.

Welcher Kanzler regierte am längsten?

Helmut Kohl und Angela Merkel regierten jeweils 16 Jahre lang. Kohl war von 1982 bis 1998 im Amt, Merkel von 2005 bis 2021. Konrad Adenauer regierte 14 Jahre (1949–1963). Die kürzeste Amtszeit hatte Ludwig Erhard mit rund drei Jahren (1963–1966).

Wann war die höchste Wahlbeteiligung bei einer Bundestagswahl?

Die höchste Wahlbeteiligung wurde 1972 mit 91,1 % erreicht. Diese Wahl fand vor dem Hintergrund der Ostpolitik Willy Brandts statt, die das Land stark polarisierte. Die niedrigste Beteiligung gab es 2009 mit nur 70,8 %.

Mehr dazu: Bundestagswahl 2025 Ergebnis

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