Der Kniefall, der Spion und die Rekordwahl
Key-Facts: Brandt und die Ostpolitik
- Kanzlerschaft: 21. Oktober 1969 – 7. Mai 1974
- Motto: „Mehr Demokratie wagen"
- Friedensnobelpreis: 1971 — für die Ostpolitik
- Bundestagswahl 1972: 91,1 % Beteiligung (nie wieder erreicht)
- SPD-Ergebnis 1972: 45,8 % — einziges Mal stärkste Kraft
- Ende: Guillaume-Affäre — Brandts Referent war DDR-Spion
Willy Brandt kniete. Am 7. Dezember 1970, vor dem Denkmal für die Opfer des Warschauer Ghettoaufstandes, sank der deutsche Bundeskanzler auf die Knie. Es war nicht geplant. Es gab kein Skript, keinen Hinweis an die Presse. Brandt kniete einfach — und die Welt hielt den Atem an.
In Deutschland waren die Reaktionen gespalten. Eine SPIEGEL-Umfrage ergab: 48 % fanden die Geste übertrieben, 41 % angemessen. Ein Riss ging durch die Gesellschaft — derselbe Riss, der die gesamte Ostpolitik begleitete. Für die einen war Brandt ein Landesverräter, der deutsche Gebiete preisgab. Für die anderen war er der Mann, der den Kalten Krieg zu entschärfen versuchte. 1971 bekam er den Friedensnobelpreis. Bei der Bundestagswahl 1972 gingen 91,1 % der Deutschen wählen — mehr als je zuvor, mehr als je danach.
„Wandel durch Annäherung"
Die Formel stammte von Brandts Berater Egon Bahr. Die Idee war revolutionär: Statt die DDR zu isolieren, sollte man mit ihr reden. Statt den Status quo zu leugnen, sollte man ihn als Ausgangspunkt für Veränderung nutzen. Das Ergebnis war eine Serie von Verträgen, die Europa veränderten:
| Datum | Ereignis | Bedeutung |
|---|---|---|
| 19.03.1970 | Treffen Brandt-Stoph in Erfurt | Erstes Treffen der Regierungschefs — Menschen riefen „Willy! Willy!" |
| 12.08.1970 | Moskauer Vertrag | Gewaltverzicht, Anerkennung der Grenzen |
| 07.12.1970 | Warschauer Vertrag | Oder-Neiße-Grenze anerkannt — und der Kniefall |
| 03.09.1971 | Viermächteabkommen Berlin | Transitverkehr nach West-Berlin geregelt |
| 21.12.1972 | Grundlagenvertrag mit der DDR | Gegenseitige Anerkennung, ständige Vertretungen |
Der bestochene Bundestag
Die Ostpolitik spaltete nicht nur die Öffentlichkeit — sie spaltete den Bundestag. Mehrere SPD- und FDP-Abgeordnete lehnten die Ostverträge ab und wechselten zur CDU/CSU. Brandts Mehrheit schmolz. Am 27. April 1972 wagte die Opposition den Angriff: CDU/CSU-Chef Rainer Barzel stellte ein konstruktives Misstrauensvotum.
Es fehlten zwei Stimmen. 247 stimmten für Barzel, 249 dagegen — er brauchte 249 Ja-Stimmen. Das Misstrauensvotum scheiterte denkbar knapp. Erst Jahrzehnte später kam heraus, warum: Die DDR-Staatssicherheit hatte mindestens zwei CDU/CSU-Abgeordnete bestochen — Julius Steiner erhielt 50.000 DM dafür, gegen Barzel zu stimmen. Die Ostpolitik wurde also mit den Mitteln jenes Staates gerettet, mit dem Brandt den Dialog suchte. Eine Ironie, die an Zynismus grenzt.
91,1 Prozent — die Rekordwahl
Brandt stellte am 22. September 1972 die Vertrauensfrage — und verlor sie absichtlich. Neuwahlen. Am 19. November 1972 wurde gewählt. Erstmals durften 18-Jährige an die Urne — 2,5 Millionen neue Erstwähler. Die Wahlbeteiligung explodierte auf 91,1 %. Die SPD erreichte 45,8 % und wurde zum ersten und bis heute einzigen Mal stärkste Kraft bei einer Bundestagswahl.
Die Wahl war ein Plebiszit über die Ostpolitik — und die Deutschen sagten Ja. Mit einer Deutlichkeit, die niemand erwartet hatte. Brandt hatte gewonnen. Doch sein Triumph sollte nur anderthalb Jahre halten.
Der Spion im Vorzimmer
Am 24. April 1974 wurde Günter Guillaume verhaftet — Brandts persönlicher Referent. Ein Mann, der Zugang zu geheimsten Dokumenten hatte, der den Kanzler auf Reisen begleitete, der seine privaten Gewohnheiten kannte. Guillaume war Offizier der Hauptverwaltung Aufklärung des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit. Seit 1956 im Westen, seit 1970 im engsten Umfeld des Kanzlers.
Brandt trat am 7. Mai 1974 zurück. Er hätte bleiben können — er hatte von der Spionage nichts gewusst. Aber er übernahm die Verantwortung. Der Satz, den er später dazu sagte, wurde berühmt: „Ich übernehme die politische Verantwortung für Fahrlässigkeiten in Zusammenhang mit der Affäre Guillaume." Sein Nachfolger Helmut Schmidt führte die sozialliberale Koalition fort — bis 1982.
Brandts Ostpolitik überdauerte seinen Rücktritt. Die Entspannung, die er eingeleitet hatte, wirkte über Jahrzehnte. Ohne sie, argumentieren Historiker, hätte es die Ereignisse von 1989 — den Mauerfall, die Wiedervereinigung — in dieser Form nicht gegeben.
7. Dezember 1970, 19 Sekunden: Der Kniefall von Warschau
Willy Brandts Besuch am Denkmal für den Aufstand des Warschauer Ghettos am 7. Dezember 1970 war protokollarisch geplant: Kranzniederlegung, kurzes Innehalten, Weitergehen. Was dann passierte, war nicht geplant. Brandt kniete spontan nieder — 19 Sekunden lang, ohne zu beten, ohne zu sprechen. Der Photograph Hanns-Michael Lux schöss das Bild. Der Kniefall wurde weltweit verbreitet. In Deutschland fragte Der Spiegel seine Leser: War die Geste angemessen? 48 % sagten „übertrieben", 41 % „angemessen", 11 % „unzureichend". 1971 erhielt Brandt den Friedensnobelpreis — begründet auch mit dieser Geste. 1972 gewann die SPD mit 45,8 % die Bundestagswahl — ihr bestes Ergebnis aller Zeiten. Brandt hatte gezeigt, dass nationale Demut und politische Stärke keine Gegensätze sind. Ob der Kniefall ihm Stimmen kostete oder brachte, lässt sich nicht messen — aber er blieb sein dauerhaftestes politisches Bild.
1955: Saarland-Volksabstimmung – das letzte Territoriale Puzzle vor der Einheit
Am 23. Oktober 1955 stimmten die Saarländer ab: 67,7 Prozent lehnten die europäische Autonomie ab. Am 1. Januar 1957 wurde das Saarland wirtschaftlich deutsch, am 1. Juli 1959 politisch vollständig. Das Saarland war das letzte Territorial-Puzzle der Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung.
Häufige Fragen zu Brandt und der Ostpolitik
Was war die Ostpolitik Willy Brandts?
Die Ostpolitik war Brandts Strategie der Entspannung gegenüber der DDR, der Sowjetunion und den osteuropäischen Staaten. Das Prinzip lautete „Wandel durch Annäherung". Kernelemente waren der Moskauer Vertrag (1970), der Warschauer Vertrag (1970) und der Grundlagenvertrag mit der DDR (1972).
Warum stellte Brandt 1972 die Vertrauensfrage?
Mehrere Abgeordnete waren zur CDU/CSU übergelaufen. Brandt verlor seine Mehrheit. Nach einem knapp gescheiterten Misstrauensvotum stellte er die Vertrauensfrage, um Neuwahlen herbeizuführen.
Was war das Besondere an der Bundestagswahl 1972?
Mit 91,1 % wurde die höchste Wahlbeteiligung der Geschichte erreicht. Die SPD wurde erstmals stärkste Kraft (45,8 %). Erstmals durften 18-Jährige wählen. Die Wahl galt als Volksabstimmung über die Ostpolitik.
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