Ein Satz, der alles änderte
„Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren."
Mit diesen zehn Wörtern beendete FDP-Chef Christian Lindner am 19. November 2017 um kurz nach Mitternacht die Jamaika-Sondierungen. Er stand vor den Kameras, die Krawatte gelockert, die Delegationsmitglieder hinter ihm — und sprach einen Satz, der ihn jahrelang verfolgen sollte.
Vier Wochen hatten CDU/CSU, FDP und Grüne in der Parlamentarischen Gesellschaft verhandelt. Vier Wochen Papiere, Arbeitsgruppen, Nächte ohne Ergebnis. Die Positionen lagen zu weit auseinander: Die Grünen wollten den schnellen Kohleausstieg, die FDP bestand auf der Schuldenbremse, die CSU pochte auf eine Obergrenze für Migration. Merkel versuchte zu moderieren — vergeblich.
Das Jamaika-Scheitern in Zahlen
- Verhandlungsdauer: 32 Tage (18. Oktober bis 19. November)
- Beteiligte Parteien: CDU (32,9 %), CSU, FDP (10,7 %), Grüne (8,9 %)
- Potenzielle Mehrheit: 393 von 709 Sitzen
- Tage ohne Regierung danach: 171 — Rekord in der BRD-Geschichte
Warum Jamaika scheiterte
Es waren nicht die großen ideologischen Fragen, die den Bruch brachten — es war die Summe unlösbarer Detailkonflikte. Am letzten Verhandlungstag lagen noch 237 strittige Punkte auf dem Tisch. Manche davon waren so kleinteilig wie die Frage, ob das Wort „Obergrenze" im Sondierungspapier auftauchen darf (die CSU bestand darauf, die Grünen lehnten es ab). Andere betrafen Grundsatzfragen der Klimapolitik und der europäischen Finanzordnung.
Ein Detail, das selten erwähnt wird: Die Grünen hatten sich intern bereits auf weitreichende Kompromisse verständigt. Co-Parteichef Cem Özdemir hatte seine Delegation auf Zugeständnisse beim Kohleausstieg vorbereitet. Als Lindner abbrach, war die Fassungslosigkeit auf Seiten der Grünen deshalb besonders groß.
Die Nacht des Abbruchs
Gegen 23 Uhr am 19. November 2017 verließ die FDP-Delegation den Verhandlungsraum. Lindner rief Bundeskanzlerin Merkel an, um sie zu informieren. Merkel soll nur kurz gesagt haben: „Dann ist das jetzt so."
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier reagierte ungewöhnlich deutlich. In einer Fernsehansprache am nächsten Tag appellierte er an alle Parteien, ihre „Verantwortung für dieses Land" wahrzunehmen — ein Eingriff, den es in dieser Schärfe vom Staatsoberhaupt noch nie gegeben hatte. Hinter den Kulissen führte Steinmeier in den folgenden Tagen Einzelgespräche mit allen Parteivorsitzenden.
Die Folge: 171 Tage ohne Regierung
Was folgte, war eine demokratische Geduldsprobe. Die SPD, die am Wahlabend den Gang in die Opposition verkündet hatte, ließ sich nur widerwillig in Koalitionsgespräche ziehen. Ein Sonderparteitag stimmte am 21. Januar 2018 mit hauchdünner Mehrheit (362 zu 279) für Verhandlungen. Ein Mitgliedervotum bestätigte im März mit 66 % den Koalitionsvertrag.
Am 14. März 2018 — 171 Tage nach der Wahl — wurde Angela Merkel zum vierten Mal als Bundeskanzlerin vereidigt. Zum Vergleich: Belgien hielt damals den Weltrekord für die längste Regierungsbildung (541 Tage, 2010/2011). Deutschland war noch weit davon entfernt — aber das Unbehagen war spürbar.
Das Nachspiel
Lindners Satz verfolgte die FDP. Bei der nächsten Wahl, 2021, trat er in die Ampel-Koalition ein — und regierte. Drei Jahre später wurde er als Finanzminister entlassen. Wieder stand eine gescheiterte Koalition, wieder Lindner im Zentrum. Die Frage, ob er 2017 richtig gehandelt hatte, beantwortete die Geschichte auf ihre eigene, ironische Weise.
19. November 2017, 23:54: Der Satz, der vier Wochen Verhandlungen beendete
28 Tage lang hatten CDU/CSU, FDP und Grüne sondiert — seit dem 18. Oktober 2017. Die Verhandlungen liefen über Nacht. In der Nacht vom 19. auf den 20. November 2017 kamen die Verhandlungsführer für eine Abschlussrunde zusammen. Um 23:54 Uhr — sechs Minuten vor Mitternacht — verließ FDP-Chef Christian Lindner das Gespräch und trat vor die Kameras: „Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren." Angela Merkel kam 12 Minuten später nach draußen: „Der Vorgang ist nicht erfreulich für Deutschland." Lindner hatte kurz zuvor das FDP-Angebot zur Flüchtlingspolitik als Kernpunkt des Scheiterns bezeichnet; Grünen-Chefin Katrin Göring-Eckardt nannte es später einen „inszenierten Abgang". Deutschland stand erstmals seit Kriegsende ohne eine mögliche Koalitionsmehrheit da — bis die SPD am 12. März 2018 doch eintrat: 171 Tage nach der Wahl, längste Regierungsbildung in der Geschichte der Bundesrepublik.
1961: Der Mauerbau während des Wahlkampfs – Brandt in Berlin, Adenauer in Bayern
Als am 13. August 1961 die Berliner Mauer gebaut wurde, wartete Konrad Adenauer 10 Tage, bevor er nach Berlin fuhr. Er war im Wahlkampf. Willy Brandt, Berliner Bürgermeister, stand an der Mauer. Die Bilder gingen um die Welt. Brandt verlangte ein härteres Vorgehen des Westens. Die Bundestagswahl war am 17. September. Die CDU verlor die absolute Mehrheit, regierte aber weiter.
Häufige Fragen zum Jamaika-Scheitern
Warum scheiterten die Jamaika-Sondierungen 2017?
FDP-Chef Christian Lindner brach die Verhandlungen am 19. November 2017 ab. Die Streitpunkte waren vor allem Klimapolitik, Migration und Finanzpolitik. Die Positionen von FDP und Grünen lagen in diesen Bereichen zu weit auseinander.
Was ist eine Jamaika-Koalition?
Eine Jamaika-Koalition besteht aus CDU/CSU (schwarz), FDP (gelb) und Grünen (grün). Die Farben entsprechen der Flagge Jamaikas. Auf Landesebene gab es solche Bündnisse (z.B. Schleswig-Holstein), auf Bundesebene kam sie bisher nie zustande.
Was geschah nach dem Scheitern von Jamaika?
Nach wochenlangen Verhandlungen und einem SPD-Mitgliedervotum bildeten CDU/CSU und SPD erneut eine Große Koalition. Angela Merkel wurde erst am 14. März 2018 vereidigt — 171 Tage nach der Wahl, die längste Regierungsbildung der Bundesrepublik.
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