Reichstag Berlin mit Deutschlandfahnen — Symbol der Wiedervereinigung 1990

Die Nacht, in der Deutschland eins wurde — und dann wählen ging

Am Abend des 9. November 1989 versprach sich Günter Schabowski. Auf einer Pressekonferenz verlas der SED-Funktionär eine neue Reiseregelung für DDR-Bürger. Auf die Frage, ab wann sie gelte, blätterte er in seinen Unterlagen und sagte: „Das tritt nach meiner Kenntnis... ist das sofort, unverzüglich."

Innerhalb von Stunden strömten Zehntausende an die Grenzübergänge. Die Mauer fiel — nicht durch einen revolutionären Akt, sondern durch einen bürokratischen Irrtum. 389 Tage später, am 2. Dezember 1990, wählten 60,4 Millionen Deutsche zum ersten Mal gemeinsam einen Bundestag. Es war die erste freie gesamtdeutsche Wahl seit der Reichstagswahl vom 5. März 1933 — 57 Jahre zuvor.

Key-Facts: Bundestagswahl 1990

  • Datum: 2. Dezember 1990 — 57 Tage nach der Wiedervereinigung
  • Wahlberechtigte: 60,4 Millionen (erstmals gesamtdeutsch)
  • Wahlbeteiligung: 77,8 % (West: 78,6 %, Ost: 74,5 %)
  • Sieger: CDU/CSU mit 43,8 % — „Kanzler der Einheit"
  • Besonderheit: Getrennte Fünf-Prozent-Hürden für Ost und West
Wiedervereinigung Wahlen
Deutsche Wahlgeschichte: Demokratie im Wandel | BWU Redaktion

389 Tage: Vom Mauerfall zur Wahlurne

Die Geschwindigkeit war atemberaubend. Am 9. November 1989 fiel die Mauer. Am 18. März 1990 wählte die DDR zum ersten und einzigen Mal frei — die „Allianz für Deutschland" gewann haushoch, ein klares Votum für die schnelle Einheit. Am 1. Juli kam die D-Mark in den Osten. Am 3. Oktober trat die DDR der Bundesrepublik bei. Und am 2. Dezember stand ganz Deutschland an der Urne.

Für die meisten Ostdeutschen war es die zweite freie Wahl innerhalb von acht Monaten. Manche hatten bis dahin noch nie ein westdeutsches Wahllokal von innen gesehen. Die Wahlzettel sahen anders aus als bei der Volkskammerwahl. Es gab Erst- und Zweitstimme — ein System, das vielen fremd war.

Datum Ereignis
09.11.1989Mauerfall — Schabowskis Versprecher öffnet die Grenze
18.03.1990Volkskammerwahl — erste und einzige freie Wahl in der DDR
01.07.1990Währungsunion — D-Mark kommt in den Osten
12.09.1990Zwei-plus-Vier-Vertrag — die Alliierten stimmen der Einheit zu
03.10.1990Tag der Deutschen Einheit
02.12.1990Erste gesamtdeutsche Bundestagswahl

„Blühende Landschaften" gegen „Das wird teuer"

Der Wahlkampf 1990 war kein normaler Wahlkampf. Er war ein Referendum über die Einheit. Helmut Kohl versprach „blühende Landschaften" — ein Satz, der ihn jahrelang verfolgen sollte. SPD-Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine warnte vor den enormen Kosten und plädierte für ein langsameres Tempo. In der Einheitseuphorie hatte die Warnung keine Chance.

Im Westen verlief der Wahlkampf weitgehend normal. Im Osten mussten die Parteien bei null anfangen. Wahlplakate hingen neben verwitterten SED-Losungen. CDU-Wahlhelfer verteilten Bananenkisten. Die FDP warb mit dem Versprechen, den Solidaritätszuschlag schnell wieder abzuschaffen — er gilt, mit einer Pause, bis heute.

Freunde diskutieren am Wahlabend über Politik
Die erste gesamtdeutsche Wahl mobilisierte Millionen Bürger in Ost und West.

Die gespaltene Hürde — und ihre Opfer

Die juristisch spannendste Besonderheit dieser Wahl: Das Bundesverfassungsgericht ordnete getrennte Fünf-Prozent-Hürden für Ost und West an. Die Richter argumentierten, dass eine einheitliche Sperrklausel die jungen ostdeutschen Parteien benachteiligen würde.

Stimmzettel und Wahlurne — Abstimmung bei der Bundestagswahl in Deutschland
Die Stimmabgabe — Herzstück der deutschen Demokratie.

Die Folge war paradox. Die PDS erreichte im Osten 11,1 %, bundesweit aber nur 2,4 % — und zog trotzdem in den Bundestag ein. Gleichzeitig scheiterten die westdeutschen Grünen mit 4,8 % im Westen knapp an der West-Hürde, während das ostdeutsche Bündnis 90 mit 6,1 % im Osten den Einzug schaffte. Petra Kelly, Gallionsfigur der Grünen, nannte das Ergebnis „die bitterste Niederlage unserer Geschichte". Erst 1994, nach der Fusion zu Bündnis 90/Die Grünen, kehrte die Partei in den Bundestag zurück.

Partei Gesamt West Ost Sitze
CDU/CSU43,8 %44,3 %41,8 %319
SPD33,5 %35,7 %24,3 %239
FDP11,0 %10,6 %12,9 %79
PDS2,4 %0,3 %11,1 %17
Bündnis 90/Grüne (Ost)1,2 %6,1 %8
Grüne (West)3,8 %4,8 %0

Der lange Schatten

Die Wahl 1990 zementierte ein Muster, das 35 Jahre später immer noch sichtbar ist. Ostdeutsche wählen anders als Westdeutsche. Die PDS, später Die Linke, blieb über Jahrzehnte eine primär ostdeutsche Partei. Die AfD erreicht im Osten regelmäßig doppelt so hohe Werte wie im Westen. Die Wahlbeteiligung liegt im Osten konstant niedriger.

Auch die Erwartungen von 1990 wirken nach. Kohls „blühende Landschaften" kamen — aber später und anders als versprochen. Die Treuhandanstalt schloss Tausende DDR-Betriebe. Millionen verloren ihre Arbeit. Das Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein, brannte sich in eine Generation ein. Die politischen Nachwirkungen sind bis heute spürbar — bei jeder Bundestagswahl, bei jeder Landtagswahl im Osten.

12. September 1990: Der Völkerrechtliche Startschuss für die erste gesamtdeutsche Wahl

Am 12. September 1990 wurde in Moskau der „Zwei-plus-Vier-Vertrag" unterzeichnet — zwischen den beiden deutschen Staaten und den vier Siegermächten des Zweiten Weltkriegs (USA, Sowjetunion, Großbritannien, Frankreich). Der Vertrag beendete die alliierten Vorbehaltsrechte über Deutschland und ermöglichte die volle staatliche Souveränität. Ohne diesen Völkerrechtsvertrag hätte die Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 nicht stattfinden dürfen — zumindest nicht ohne internationalen Protest. Und ohne die Wiedervereinigung keine gesamtdeutsche Wahl am 2. Dezember 1990. Die 45-jährige Besatzungszeit endete in Moskau — 51 Tage bevor 61,5 Millionen Deutsche zum ersten Mal gemeinsam wählten. Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher soll nach der Unterzeichnung geweint haben. Er war als Kind aus Halle (Saale) nach Westdeutschland geflüchtet. An diesem Tag konnte er zum ersten Mal seit seiner Kindheit in eine gemeinsame Zukunft schauen.

1991–1994: Die Treuhandanstalt und das Ende der DDR-Wirtschaft

Nach der Wahl übernahm die Treuhandanstalt 8.500 DDR-Staatsbetriebe mit rund vier Millionen Beschäftigten. Bis 1994 wurden die meisten privatisiert oder abgewickelt — ein Großteil schloss gänzlich. Die Arbeitslosenquote in Ostdeutschland stieg auf über 15 Prozent. Für viele Menschen bedeutete das das Ende ihrer Berufsbiografie. Das Gefühl, überrollt statt mitgenommen worden zu sein, prägte eine ganze Generation — und wirkt bis heute in Wahlentscheidungen nach: bei der PDS, später der Linken, heute bei der AfD im Osten.

Häufige Fragen zur Wiedervereinigungswahl

Wann fand die erste gesamtdeutsche Bundestagswahl statt?

Die erste gesamtdeutsche Bundestagswahl fand am 2. Dezember 1990 statt, knapp zwei Monate nach der offiziellen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990. Es war die erste freie gesamtdeutsche Wahl seit 1933.

Welche Besonderheiten gab es bei der Bundestagswahl 1990?

Die wichtigste Besonderheit waren die getrennten Fünf-Prozent-Hürden für Ost und West. Dadurch zog die PDS mit nur 2,4 % bundesweit in den Bundestag ein, während die westdeutschen Grünen mit 4,8 % scheiterten. Diese Sonderregelung galt nur für diese eine Wahl.

Wer gewann die Bundestagswahl 1990?

Die CDU/CSU unter Helmut Kohl gewann mit 43,8 % deutlich. Kohl wurde als „Kanzler der Einheit" bestätigt und bildete erneut eine Koalition mit der FDP unter Außenminister Hans-Dietrich Genscher.

Mehr dazu: Bundesländer-Umfragen · Politik TV · Sonntagsfrage erklärt · Wahlbeteiligung Deutschland

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