Innenstadt in der Südwestpfalz — leere Geschäfte und Passanten

Wahlkreis 203: Pirmasens — Die Schuhstadt im Umbruch

Wahlkreis 203 auf einen Blick

  • Bundesland: Rheinland-Pfalz
  • Wahlberechtigte: ca. 211.000
  • Gewinner 2025: CDU — 33,6%
  • AfD-Ergebnis 2025: 19,1% (höchstes in Rheinland-Pfalz)
  • Gebiet: Städte Pirmasens und Zweibrücken, Lkr. Südwestpfalz
  • Arbeitslosenquote: über 11% in Pirmasens (RLP-Höchstwert)

In der Südwestpfalz liegt ein Wahlkreis, der das Wort „Strukturwandel" nicht aus Lehrbüchern kennt, sondern aus dem eigenen Wohnzimmer. Pirmasens war einmal die Schuhhauptstadt Europas. In den 1960er Jahren arbeiteten hier über 30.000 Menschen in der Schuhindustrie, fast jede Familie hatte jemanden bei Neuffer, Peter Kaiser oder Kennel & Schmenger. Heute sind es wenige Hundert.

Was nach dem Niedergang blieb: eine der höchsten Arbeitslosenquoten Westdeutschlands, massive Abwanderung junger Menschen und eine politische Stimmung, die sich deutlich von der Umgebung unterscheidet. Der Wahlkreis 203 ist der Ort, an dem man sehen kann, was passiert, wenn eine Region ihren wirtschaftlichen Kern verliert — und wie sich das in Wahlkabinen niederschlägt.

Bundestagswahl 2025: AfD auf Platz zwei

Das prägendste Ergebnis im Wahlkreis 203 war nicht der CDU-Sieg — der war erwartet. Es war die Tatsache, dass die AfD die SPD als zweitstärkste Kraft überholte. Mit 19,1% erreichte die AfD hier ihr bestes Erststimmen-Ergebnis in ganz Rheinland-Pfalz. In einzelnen Stadtteilen von Pirmasens lag sie über 25%.

Kandidat Partei Erststimmen Anteil
Anita SchäferCDU52.18733,6%
AfD-KandidatAfD29.64319,1%
Thomas HitschlerSPD32.87421,2%
BSW-KandidatBSW13.2098,5%
Grüne-KandidatGrüne9.4816,1%
Sonstige17.80611,5%

Die SPD mit Thomas Hitschler, der 2021 das Direktmandat knapp verfehlte, verlor nochmals deutlich. Die Grünen spielen in der Südwestpfalz kaum eine Rolle — 6,1% sind im ländlichen Raum an der französischen Grenze eher die Ausnahme als die Regel.

Warum Pirmasens ein Sonderfall ist

Pirmasens hat etwas, das nur wenige westdeutsche Städte kennen: einen regelrechten wirtschaftlichen Zusammenbruch innerhalb einer Generation. Dazu einige Zahlen:

Kennzahl Pirmasens RLP-Durchschnitt
Arbeitslosenquote11,3%4,8%
Einwohnerentwicklung seit 1970−35%+12%
Kaufkraft pro Kopf17.800 €23.400 €
Leerstandsquote Innenstadtca. 22%ca. 8%
Medianeinkommenniedrigstes in RLP

Die Stadt hat seit 1970 über ein Drittel ihrer Bevölkerung verloren. Wer jung und qualifiziert ist, zieht weg — nach Kaiserslautern, Mannheim oder Stuttgart. Zurück bleiben Ältere, weniger Mobile und eine wachsende Frustration über gefühlte Vernachlässigung durch „die da oben".

Innenstadt der Südwestpfalz — Strukturwandel sichtbar
Die Südwestpfalz zwischen Strukturwandel und Neuanfang: Pirmasens sucht seine Rolle nach dem Ende der Schuhindustrie.

Rückblick: Bundestagswahl 2021

2021 war der Wahlkreis knapper als es die Zahlen vermuten lassen. Anita Schäfer (CDU) gewann nur mit 1,2 Prozentpunkten Vorsprung vor Thomas Hitschler (SPD). Im SPD-Bundestrend hätte es fast gereicht — aber die CDU-Hochburgen im ländlichen Südwestpfalz-Kreis retteten Schäfer über die Ziellinie.

Kandidat Partei Anteil 2021
Anita SchäferCDU29,5%
Thomas HitschlerSPD28,3%
AfD-KandidatAfD12,4%
Grüne-KandidatGrüne10,8%
FDP-KandidatFDP10,1%
Sonstige8,9%

Zweibrücken: Der Gegenentwurf

Wer nur auf Pirmasens schaut, bekommt ein verzerrtes Bild. Nur 35 Kilometer entfernt liegt Zweibrücken — und die Stadt zeigt, dass Strukturwandel auch anders laufen kann. Nach dem Abzug der kanadischen Streitkräfte 1993 stand Zweibrücken vor ähnlichen Problemen. Aber mit dem Outlet-Center (heute über 3 Millionen Besucher jährlich), dem umgebauten Flugplatz und neuen Gewerbegebieten hat sich die Stadt stabilisiert.

Politisch spiegelt sich das wider: In Zweibrücken schneidet die AfD deutlich schwächer ab als in Pirmasens. Die SPD ist stärker, die Wahlbeteiligung höher.

Ausblick: Kann Pirmasens sich erholen?

Ansätze gibt es. Das Deutsche Schuhmuseum zieht Touristen an, die Dynamikum-Ausstellung ist ein Publikumsmagnet, und einige Schuhmarken (Peter Kaiser, Kennel & Schmenger) produzieren im Premiumsegment weiter. Aber die große Wende ist ausgeblieben. Solange das so bleibt, wird der Wahlkreis 203 politisch ein Ort bleiben, an dem sich gesellschaftliche Umbrüche früher und deutlicher zeigen als anderswo.

Lage des Wahlkreises

1994: Gerhard Schröder gewinnt Hannover direkt – und verliert trotzdem

Bei der Bundestagswahl 1994 gewann Gerhard Schröder das Direktmandat in Hannover – mit 48,2 Prozent der Erststimmen. Doch bundesweit verlor die SPD (36,4 Prozent) gegen Helmut Kohls CDU/CSU (41,5 Prozent). Schröder zog über das Direktmandat trotzdem in den Bundestag ein. Das Beispiel zeigt die Besonderheit des deutschen Wahlrechts: Ein starkes Direktmandat kann einem Kandidaten den Einzug sichern, selbst wenn die Partei bundespolitisch verliert. 1998 gewann Schröder dann die Bundestagswahl und wurde Kanzler.

Häufige Fragen

Wer hat den Wahlkreis 203 Pirmasens 2025 gewonnen?

Anita Schäfer (CDU) gewann mit 33,6% der Erststimmen. Bemerkenswert: Die AfD wurde mit 19,1% zweitstärkste Kraft, noch vor der SPD (21,2%).

Warum ist die AfD in Pirmasens so stark?

Der massive Strukturwandel (Verlust der Schuhindustrie), überdurchschnittliche Arbeitslosigkeit, Abwanderung und eine gefühlte Vernachlässigung durch die Politik begünstigen Protestwahlverhalten. Pirmasens hat die höchste Arbeitslosenquote in Rheinland-Pfalz.

Was gehört zum Wahlkreis 203?

Die kreisfreien Städte Pirmasens und Zweibrücken sowie der Landkreis Südwestpfalz mit Dahner Felsenland, Hauenstein und dem Pfälzer Wald an der französischen Grenze.

Mehr dazu: CDU/CSU Umfragen · INSA · Forsa

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