Geschichte des Wahlalters in Deutschland — Von 25 auf 18 und weiter?
Key-Facts
- Aktuell: Aktives und passives Wahlrecht ab 18 (Bundestagswahl)
- Europawahl: Aktives Wahlrecht ab 16 (seit 2023)
- Historisch: 1871 ab 25, 1919 ab 20, 1949 ab 21, 1970 ab 18
- Landtagswahlen: In mehreren Ländern bereits ab 16
- Debatte: Senkung auf 16 auch für Bundestagswahl wird diskutiert
Das Wahlalter ist keine Konstante — es wurde in der deutschen Geschichte mehrfach abgesenkt. Was heute selbstverständlich erscheint — mit 18 den Bundestag wählen zu dürfen — ist eine vergleichsweise junge Errungenschaft. Und die Geschichte ist noch nicht zu Ende: Die Debatte über ein Wahlrecht ab 16 ist in vollem Gange.
Die historische Entwicklung
Kaiserreich (1871–1918): Wahlrecht ab 25
Im Norddeutschen Bund (1867) und später im Deutschen Kaiserreich (1871) lag das aktive Wahlrecht für den Reichstag bei 25 Jahren. Das passive Wahlrecht (das Recht, gewählt zu werden) ebenfalls. Frauen waren komplett ausgeschlossen. Das Wahlrecht galt zudem nur für Männer — eine Einschränkung, die erst 1918 fiel.
Weimarer Republik (1919–1933): Wahlrecht ab 20
Die Revolution von 1918 brachte gleich zwei Durchbrüche: das Frauenwahlrecht und die Absenkung des Wahlalters auf 20 Jahre (aktiv) und 25 Jahre (passiv). Die Weimarer Reichsverfassung von 1919 verankerte beide Neuerungen.
Grundgesetz 1949: Wahlrecht ab 21
Der Parlamentarische Rat setzte das aktive Wahlalter auf 21 Jahre fest, das passive auf 25 Jahre. Die Erhöhung gegenüber Weimar wurde mit der damaligen Volljährigkeitsgrenze von 21 Jahren begründet: Wer nicht volljährig war, sollte auch nicht wählen dürfen.
1970: Die große Absenkung auf 18
Im Zuge der sozialliberalen Reformen unter Willy Brandt wurde das aktive Wahlalter 1970 auf 18 Jahre gesenkt (Grundgesetzänderung). Das passive Wahlrecht blieb zunächst bei 21. Die Reform stand im Kontext der 68er-Bewegung und des Mottos „Mehr Demokratie wagen". 1975 folgte die Angleichung: Auch das passive Wahlrecht wurde auf 18 gesenkt.
| Zeitraum | Aktives Wahlrecht | Passives Wahlrecht | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| 1871–1918 | 25 Jahre | 25 Jahre | Nur Männer |
| 1919–1933 | 20 Jahre | 25 Jahre | Erstmals Frauen |
| 1949–1970 | 21 Jahre | 25 Jahre | Grundgesetz |
| 1970–1975 | 18 Jahre | 21 Jahre | Aktives Wahlrecht gesenkt |
| Seit 1975 | 18 Jahre | 18 Jahre | Beides angeglichen |
| Seit 2023 (EU-Wahl) | 16 Jahre | 18 Jahre | Nur Europawahl |
Wahlrecht ab 16 auf Landesebene
Mehrere Bundesländer haben das Wahlalter für Landtags- und Kommunalwahlen auf 16 Jahre gesenkt. Dies erfordert keine Änderung des Grundgesetzes, da die Länder ihr Wahlrecht selbst regeln.
Bundesländer mit Landtagswahlrecht ab 16: Brandenburg, Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und weitere. Bundesländer mit Kommunalwahlrecht ab 16: Neben den genannten auch Baden-Württemberg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.
Die Debatte: Bundestagswahlrecht ab 16?
Die Ampel-Koalition (2021–2024) hatte eine Absenkung des Bundestagswahlalters auf 16 im Koalitionsvertrag vereinbart, konnte sich jedoch nicht auf eine Grundgesetzänderung einigen (dafür wäre eine Zweidrittelmehrheit in Bundestag und Bundesrat nötig gewesen). Lediglich für die Europawahl wurde das Wahlalter 2023 auf 16 gesenkt.
Argumente für Wahlrecht ab 16
Betroffenheit: Politische Entscheidungen (Klimapolitik, Rentenpolitik, Bildung) betreffen junge Menschen besonders langfristig. Sie sollten früher mitentscheiden dürfen.
Demokratische Sozialisation: Frühes Wählen fördert die Gewohnheit politischer Teilhabe. Wer mit 16 das erste Mal wählt, ist oft noch im schulischen Umfeld, das politische Bildung fördert.
Demografischer Ausgleich: In einer alternden Gesellschaft verschiebt sich das politische Gewicht zunehmend zu älteren Generationen. Eine Absenkung des Wahlalters würde die Interessen der Jungen stärken.
Argumente gegen Wahlrecht ab 16
Reife: Kritiker bezweifeln, dass 16-Jährige die nötige politische Urteilsfähigkeit besitzen. Das Wahlrecht sei an die Volljährigkeit und volle Geschäftsfähigkeit gebunden.
Konsistenz: Wer mit 16 nicht volljährig ist, keine Verträge ohne Zustimmung schließen und nicht strafmündig im vollen Umfang ist, sollte auch nicht über die Zusammensetzung des Parlaments bestimmen.
Empirische Skepsis: Die Wahlbeteiligung unter 18- bis 21-Jährigen ist bereits unterdurchschnittlich. Eine weitere Absenkung könnte diesen Trend verstärken.
19. November 1972: Die erste Wahl mit 18 — und die höchste Wahlbeteiligung der Bundesrepublik
Am 31. Juli 1970 stimmte der Bundestag mit 338 zu 196 Stimmen für die Grundgesetzänderung — das aktive Wahlalter sank von 21 auf 18 Jahre. Das Argument der SPD/FDP-Koalition unter Willy Brandt: Wer mit 18 zur Bundeswehr eingezogen werden kann, muss auch über die Politik mitentscheiden dürfen. Die CDU/CSU stimmte fast geschlossen dagegen. Zwei Jahre später durfte die neue Wählergeneration zum ersten Mal ran: Bei der vorgezogenen Bundestagswahl am 19. November 1972 lag die Wahlbeteiligung bei 91,1 Prozent — bis heute die höchste in der Geschichte der Bundesrepublik. Brandt gewann die Wahl mit 45,8 Prozent für die SPD, dem besten Ergebnis der Partei aller Zeiten. Ob die neuen Jungwähler den Ausschlag gaben, ist umstritten — klar ist: Sie kamen. Die 3,5 Millionen Erstwähler zwischen 18 und 20 hatten eine Wahlbeteiligung von über 88 Prozent. Das Argument, junge Menschen würden das Wahlrecht nicht schätzen, war widerlegt.
Wahlrecht ab 16: In 8 Bundesländern bei Landtagswahlen Standard — warum der Bundestag zaudert
Bayern 1970, Berlin 2023, Brandenburg 2011, Bremen 2011, Hamburg 2013, NRW 2022, Rheinland-Pfalz 2021, Thüringen 2020: In diesen Bundesländern dürfen 16- und 17-Jährige bei Landtagswahlen wählen. Auf Bundesebene gilt das Wahlrecht erst ab 18 — ein Widerspruch, den viele als anachronistisch kritisieren. Der Bundestag diskutierte eine Absenkung zuletzt 2022 (Koalitionsvertrag der Ampel sah es vor), scheiterte aber an FDP-Widerstand. Argument für 16: Wer Steuern zahlt (Minijob) und zur Musterung geht, soll mitbestimmen. Argument dagegen: Geringe politische Erfahrung, leichte Beeinflussbarkeit. Forschung zeigt: 16- und 17-Jährige wählen ähnlich durchdacht wie 18–21-Jährige. Wahlrecht ab 16 erklärt →
Wahlalter im internationalen Vergleich
Deutschland ist mit dem Bundestagswahlrecht ab 18 Jahren im internationalen Mittelfeld. Mehrere Länder haben das Wahlrecht bereits auf 16 Jahre gesenkt, andere behalten die Altersgrenze von 18 bei:
| Land | Wahlalter (national) | Bemerkung |
|---|---|---|
| Österreich | 16 Jahre | Seit 2007 auf Bundesebene |
| Schottland | 16 Jahre | Seit 2015 bei Schottland-Wahlen |
| Argentinien | 16 Jahre | Seit 2012 |
| Malta | 16 Jahre | Seit 2014 |
| Deutschland | 18 Jahre (Bundestag) | 16 bei EU-Wahl + mehrere Landesebenen |
| USA | 18 Jahre | 26. Verfassungszusatz (1971) |
| Großbritannien | 18 Jahre (national) | 16 in Schottland/Wales |
| Frankreich | 18 Jahre | Debatte über Absenkung läuft |
Österreich ist das bekannteste Beispiel für ein Land, das das Wahlalter auf Bundesebene auf 16 gesenkt hat — und dabei positive Erfahrungen gemacht hat. Studien zeigen, dass 16- und 17-jährige Erstwähler in Österreich ähnlich informiert und politisch interessiert abstimmen wie ältere Erstwähler. Die Wahlbeteiligung dieser Gruppe ist sogar leicht überdurchschnittlich.
Bedeutung für die Wahlforschung: Wer wählt wie?
Das Wahlalter hat direkte Auswirkungen auf die Wahlumfragen und die politische Analyse. Unter 18-Jährige werden in Sonntagsfragen nicht erfasst, obwohl sie politische Meinungen haben und von politischen Entscheidungen besonders langfristig betroffen sind.
Separate Jugendbefragungen zeigen: Junge Menschen unter 18 würden bei Bundestagswahlen tendenziell anders wählen als ihre Elterngeneration — mit stärkerem Gewicht auf Klimapolitik, Bildung und soziale Gerechtigkeit. Institute wie Infratest dimap führen regelmäßig U-18-Wahlen durch, die als Stimmungsbarometer gelten, aber kein rechtliches Gewicht haben.
Externe Informationen: Bundeswahlleiter: Wahlberechtigung und Voraussetzungen · Wikipedia: Wahlrecht ab 16 (international)
Häufige Fragen
Ab welchem Alter darf man in Deutschland den Bundestag wählen?
Das aktive Wahlrecht für den Bundestag liegt bei 18 Jahren (Art. 38 Abs. 2 GG). Das passive Wahlrecht (selbst kandidieren) ebenfalls bei 18 Jahren. Für die Europawahl wurde das Wahlalter 2023 auf 16 Jahre gesenkt.
Wie hat sich das Wahlalter historisch entwickelt?
1871: aktiv 25, passiv 25. 1919: aktiv 20, passiv 25. 1949: aktiv 21, passiv 25. 1970: aktiv 18, passiv 21. 1975: aktiv 18, passiv 18. Die Tendenz ging stets in Richtung Absenkung.
Gibt es Wahlrecht ab 16 bei Landtagswahlen?
Ja, mehrere Bundesländer haben das aktive Wahlalter bei Landtagswahlen auf 16 gesenkt, darunter Brandenburg, Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern.
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