Wahllokal mit Urne und Stimmzetteln

Parteimitglied werden — weniger als im ADAC

Nur 1,3 Millionen Deutsche sind Parteimitglied. Das sind weniger als im ADAC. Weniger als bei der Gewerkschaft ver.di. Weniger als die Zahl der Menschen, die in Deutschland einen Angelschein besitzen.

Das heißt: Die Kandidaten, die auf Ihrem Stimmzettel stehen, wurden von einer winzigen Minderheit ausgewählt. In manchen Ortsverbänden entscheiden fünfzehn Leute, wer für den Bundestag kandidiert. Wer Mitglied wird, hat überproportionalen Einfluss. Das ist kein Geheimnis. Es wird nur selten so deutlich gesagt.

Der Beitritt: drei Schritte, fertig

Erstens: Partei auswählen. Das klingt offensichtlich, wird aber unterschaätzt. Lesen Sie nicht nur das Wahlprogramm — lesen Sie das Grundsatzprogramm. Gehen Sie zu einem Stammtisch oder einer offenen Veranstaltung. Jede Partei bietet das an. Niemand wird Sie zum Beitritt drängen.

Zweitens: Antrag stellen. Online-Formular auf der Partei-Website, alternativ Papier beim Orts- oder Kreisverband. Name, Adresse, Geburtsdatum, Erklärung, keiner anderen Partei anzugehören. Das war’s.

Drittens: Warten. Der zuständige Verband prüft und entscheidet — normalerweise innerhalb von zwei bis sechs Wochen. Ablehnungen sind selten und erfordern eine Begründung.

Was es kostet

ParteiEmpfohlener BeitragMindestbeitragErmäßigung
CDU1% des Nettoeinkommens6 EUR/MonatSchüler/Studierende: 3 EUR
CSUNach Einkommen gestaffelt5 EUR/MonatUnter 27: ermäßigt
SPD1% des Nettoeinkommens6 EUR/MonatSchüler/Studierende: 2,50 EUR
Grüne1% des Nettoeinkommens0 EUR möglichSolidarbeitrag (freiwillig)
FDPNach Einkommen gestaffelt8 EUR/MonatUnter 27: 4 EUR
AfDPauschalbeitrag10 EUR/MonatErmäßigung auf Antrag
BSWNach Einkommen gestaffelt5 EUR/MonatGeringverdiener: Befreiung möglich
Die Linke1% des Nettoeinkommens1,50 EUR/MonatGeringverdiener/Erwerbslose: frei

Alle Beiträge sind steuerlich absetzbar. Die Hälfte wird direkt von der Steuerschuld abgezogen, bis 825 Euro pro Person und Jahr. Bei Ehepaaren das Doppelte. Das relativiert die Kosten erheblich.

Stimmzettel und Wahlurne — Abstimmung bei der Bundestagswahl in Deutschland
Die Stimmabgabe — Herzstück der deutschen Demokratie.
Politiker im Bundestag

Was Sie davon haben

Die offensichtlichen Rechte: Stimmrecht bei Mitgliederversammlungen. Wahlrecht für Parteivorsitzende und Vorstände. Kandidatur für Ämter und Mandate. Antragsrecht auf Parteitagen — Sie können Anträge einbringen, über die abgestimmt wird.

Die weniger offensichtlichen Vorteile: Zugang zu einem politischen Netzwerk. Facharbeitskreise, in denen tatsächlich Sachpolitik gemacht wird. Bildungsangebote der parteinahen Stiftungen. Und die simple Tatsache, dass auf Ortsebene oft so wenige Mitglieder aktiv sind, dass jede zusätzliche Stimme zählt. Wer regelmäßig zu Versammlungen geht, gestaltet mit — ob in der Kommunalpolitik oder bei der Kandidatenaufstellung.

Die Pflichten

Es gibt drei: Beiträge zahlen. Nicht gleichzeitig in einer anderen Partei sein. Und zumindest grundsätzlich hinter den Werten der Partei stehen. Aktive Mitarbeit — Wahlkampf, Versammlungen, Arbeitskreise — ist keine Pflicht, wird aber erwartet. In der Praxis gibt es in jeder Partei viele Karteileichen und wenige Aktive. Die Aktiven entscheiden.

Die Mitgliederkrise

CDU und SPD hatten in den 1980ern jeweils über 900.000 Mitglieder. Heute liegen beide unter 400.000. Die Grünen wachsen gegen den Trend und haben sich seit 2017 verdoppelt. Die Linke schrumpfte nach der BSW-Abspaltung dramatisch. Insgesamt organisieren sich immer weniger Deutsche in Parteien.

Das heißt paradoxerweise: Wer jetzt beitritt, hat mehr Einfluss als je zuvor. Weniger Mitglieder bedeutet mehr Gewicht pro Stimme. Auf einem Kreisparteitag mit 40 Anwesenden zählt jede Hand.

Austritt

Jederzeit. Schriftliche Erklärung an den Verband, keine Kündigungsfrist. Die Beitragspflicht endet sofort. Gezahlte Beiträge werden nicht erstattet. So unkompliziert wie der Eintritt.

Parteimitglied werden in Deutschland — Engagement und demokratische Teilhabe
Parteimitgliedschaft ist in Deutschland einfach möglich — jede Partei hat eigene Aufnahmeregeln und Mitgliedsbeiträge.

1972: SPD hat 1 Million Mitglieder – der letzte grosse Masseneintrittsboom

Im Jahr 1972 ueberschritt die SPD erstmals die Marke von einer Million Mitgliedern – getrieben von der Begeisterung für Willy Brandt und die Ostpolitik. Der Eintrittsboom war einmalig: Allein 1972 traten ueber 150.000 Menschen der SPD bei. Gleichzeitig hielt die CDU 500.000 Mitglieder. Die Volksparteien hatten zusammen 1,7 Millionen Mitglieder bei 60 Millionen Einwohnern – rund 3 Prozent der Bevölkerung. 50 Jahre später, 2022, haben SPD (375.000) und CDU (370.000) zusammen 745.000 Mitglieder – weniger als die halbe Zahl von 1972. Der Mitgliederboom der fruehen 1970er bleibt der Hochpunkt der deutschen Parteiengeschichte.

2024: Parteimitgliedschaft im Wandel – weniger Mitglieder, mehr Haltung

Alle großen Parteien zusammen haben heute weniger Mitglieder als die SPD allein im Jahr 1976. CDU, SPD und FDP verloren seit 1990 je 60–70 Prozent ihrer Mitglieder. Das BSW zeigte 2024 ein Gegenmodell: Start ohne klassische Massenorganisation, einladungsbasiert, bewusst klein gehalten. Wer heute einer Partei beitritt, tut das aus Überzeugung — nicht aus sozialem Druck oder beruflichem Kalkül. Das macht heutige Mitglieder politisch engagierter, auch wenn ihre Zahl schrumpft.

Häufige Fragen

Wie tritt man einer Partei bei?

Online-Formular auf der Partei-Website oder schriftlicher Antrag beim Orts-/Kreisverband. Aufnahme dauert zwei bis sechs Wochen.

Was kostet eine Parteimitgliedschaft?

Zwischen 1,50 und 10 Euro Mindestbeitrag pro Monat, je nach Partei. Empfohlen werden meist 1% des Nettoeinkommens. Alles steuerlich absetzbar.

Kann man aus einer Partei wieder austreten?

Ja, jederzeit. Schriftliche Erklärung genügt, keine Kündigungsfrist.

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Mehr dazu: INSA · Bundesländer-Umfragen

Was Sie in der Partei wirklich tun können

Abstimmen auf Parteitagen. Kandidaten wählen — für Bundestagslisten, für Direktmandate, für den Parteivorsitz. Anträge stellen. Ämter übernehmen: Kassierer, Schriftführer, Vorsitzender. Wahlkampf machen: Infostände, Haustürbesuche, Social Media. An Koalitionsverhandlungen teilnehmen — zumindest indirekt, durch Mitgliedervoten wie bei der SPD 2019 oder 2021.

Das klingt viel. Und man kann es auch auf das Minimum reduzieren: Beitrag zahlen, zu einmal im Jahr zur Mitgliederversammlung gehen und alle vier Jahre bei der Kandidatenaufstellung abstimmen. Auch das ist mehr als keine Mitgliedschaft. Und statistisch gesehen gehören Sie damit zu den einflussreichsten zehn Prozent der Bevölkerung, wenn es um die Frage geht, wer in Deutschland auf Wahlzetteln steht.

Stimmzettel und Wahlurne — Parteimitgliedschaft als demokratische Teilhabe
Wer Mitglied ist, entscheidet mit — auch wer auf Wahlzetteln steht | BWU Redaktion

Mehrfachmitgliedschaft: Was verboten ist

In Deutschland ist die gleichzeitige Mitgliedschaft in zwei Parteien verboten — nicht per Gesetz, aber durch die Satzungen aller großen Parteien. Wer der SPD beitritt, muss erklären, keiner anderen Partei anzugehören. Bei Entdeckung einer Doppelmitgliedschaft droht der Ausschluss. Was erlaubt ist: Überparteiliche Vereinigungen, Interessenverbände, Bürgerinitiativen. Wer zur Grünen wechseln möchte, muss zuerst aus der SPD austreten — und umgekehrt. Manche lassen eine Kündigungsfrist verstreichen, in der sie formell noch in einer Partei sind, ohne aktiv zu sein.

Parteimitglied werden mit 14 Jahren

Die meisten großen Parteien haben das Eintrittsalter auf 14 Jahre gesenkt. Das ist kein Zufall: 14-Jährige können nicht wählen, aber sie können Mitglied werden, lernen wie Parteiarbeit funktioniert, und sind in der Jugendorganisation aktiv. Die SPD hat die Jusos für alle unter 36, die CDU die Junge Union (JU), die Grünen die Grüne Jugend, die FDP die Jungen Liberalen. Diese Jugendorganisationen sind formal unabhängig, aber eng mit den Mutterparteien verbunden.

Wer früh eintritt, hat einen strukturellen Vorteil in der Karriere: Netzwerke, Erfahrungen, Sichtbarkeit. Die Hälfte der Bundestagsabgeordneten ist über 20 Jahre Parteimitglied, wenn sie ihr erstes Mandat erringen. Das bedeutet: Wer mit 14 anfängt, kann mit 34 Abgeordneter sein. Wer mit 40 eintritt, hat statistisch gesehen nur wenig Zeit für diesen Weg.

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