Abgeordnete eilen im Bundestag-Flur zu einer Sitzung

Überhangmandat — Definition, Entstehung und Wahlrechtsreform

736 Abgeordnete. So groß war der 20. Deutsche Bundestag (2021–2025) — geplant waren 598. Die Ursache des Wachstums trug einen sperrigen Namen: Überhangmandat. Ein Mechanismus, der jahrelang dafür sorgte, dass das Parlament immer weiter anschwoll — bis die Politik 2023 die Reißleine zog.

Wie das funktionierte — ein Beispiel

Nehmen wir eine fiktive Partei A in Sachsen. Sie gewinnt 12 von 16 Wahlkreisen mit der Erststimme. Nach dem Zweitstimmenergebnis stehen ihr aber nur 10 Sitze zu. Die zwei überzähligen Direktmandate — das waren die Überhangmandate.

Beispiel Direktmandate gewonnen Sitze laut Zweitstimme Überhang
Partei A, Sachsen1210+2
Partei B, NRW30300
Partei C, Bayern4035+5

Das Problem: Jedes Überhangmandat verzerrte den Proporz. Partei A hatte plötzlich mehr Sitze als ihr nach dem Wählerwillen (Zweitstimme) zustanden. Seit 2013 wurden deshalb Ausgleichsmandate an die anderen Parteien vergeben. Ergebnis: 2021 hatte der Bundestag 138 Sitze mehr als vorgesehen.

Die Reform 2023: Schluss damit

Die Wahlrechtsreform setzte einen radikalen Schnitt: 630 Sitze, fest, keine Ausnahme. Die Sitzverteilung richtet sich ausschließlich nach der Zweitstimme. Gewinnt eine Partei mehr Wahlkreise als ihr zustehen, ziehen nicht alle Wahlkreisgewinner ein. Es kommen die Direktkandidaten mit den höchsten Erststimmenanteilen zum Zug, die übrigen gehen leer aus.

Wählerinnen und Wähler im Wahllokal bei der Stimmabgabe — Demokratie in Deutschland
Im Wahllokal: Bürgerinnen und Bürger geben ihre Stimme ab.

Bei der Bundestagswahl 2025 war dies erstmals der Fall: Mehrere Kandidaten gewannen ihren Wahlkreis, zogen aber trotzdem nicht in den Bundestag ein. Ein Ergebnis, das die CDU/CSU besonders traf — und das vor dem Bundesverfassungsgericht beklagt wurde.

Wie groß wurde der Bundestag wirklich?

WahlGeplante SitzeTatsächliche SitzeÜberhang + Ausgleich
1998656669+13 (keine Ausgleichsmandate)
2002598603+5 (keine Ausgleichsmandate)
2013598631+33 (Ausgleichsmandate erstmals)
2017598709+111 (Rekord bis dahin)
2021598736+138 (neuer Rekord)
20256306300 (Reform wirksam)

2002: Zwei Überhangmandate entschieden die Regierung

Die Bundestagswahl 2002 galt als engste Wahl der Bundesrepublik. Schröder gegen Stoiber. Am Ende hatte Rot-Grün 306 Sitze, CDU/CSU + FDP 295. Das offizielle Mehr: 11 Mandate. Klingt komfortabel — war es nicht.

Denn in Sachsen-Anhalt gewann die SPD dank starker Direktkandidaten 4 Überhangmandate. Ohne diese wäre die Mehrheit weggefallen. Die Paradoxie: Nicht nur die Zweitstimme, die den Proporz bestimmt, sondern auch die Erststimme in bestimmten Regionen entschied, wer Deutschland regiert. Die CDU/CSU hielt diesen Mechanismus für verfassungswidrig — das Bundesverfassungsgericht sah das anders, verlangte aber später Ausgleichsmandate als Korrektiv.

Der paradoxe Stimmeffekt: Wenn mehr Erststimmen weniger Sitze bedeuten

Das Überhangmandat-System hatte eine seltsame Nebenwirkung: Unter bestimmten Bedingungen konnte eine Partei durch mehr Zweitstimmen für eine andere Partei mehr Sitze erhalten. Das klingt absurd, ist aber mathematisch erklärbar: Wenn eine Partei in einem Land viele Direktmandate gewinnt, die über ihren Zweitstimmenanteil hinausgehen, muss der Rest des Parlaments durch Ausgleichsmandate auffüllt werden. Mehr Zweitstimmen für eine Partei könnten diesen Effekt verstärken. Das Bundesverfassungsgericht nannte diesen "negativen Stimmgewichtseffekt" in einem Urteil 2008 verfassungswidrig. Die Wahlrechtsreform von 2013 sollte ihn beheben. Vollständig beseitigt wurde er erst 2023.

Mann verfolgt am Laptop Nachrichten zur Wahlrechtsreform
Die Abschaffung der Überhangmandate war eine der bedeutendsten Wahlrechtsänderungen der jüngeren Geschichte.

709 vs. 598 vs. 736 Sitze: Warum der Bundestag wuchs und die Reform 2023 dagegen steuerte

Das Phänomen Überhangmandat: Wenn eine Partei in einem Bundesland mehr Direktmandate gewinnt, als ihr nach Zweitstimmen zustünden, entstehen Überhangmandate. Bis 2013 ohne Ausgleich, wurden die anderen Parteien systematisch benachteiligt. Das Bundesverfassungsgericht urteilte 2012: Das ist verfassungswidrig. Folge: Ausgleichsmandate für die anderen Parteien — was den Bundestag 2013 von 598 auf 631 Sitze, 2017 auf 709 Sitze und 2021 auf 736 Sitze anwachsen ließ. Die Wahlrechtsreform 2023 (Ampel, gegen CDU/CSU) löste das Problem anders: Feste Obergrenze 630 Sitze, Direktmandate können verfallen, wenn die Partei nicht genügend Zweitstimmen hat. CDU/CSU klagte — das BVerfG bestätigte 2024 den Kern der Reform. Ergebnis 2025: 630 Abgeordnete. Die CDU verlor trotz gewonnener Direktmandate einige Sitze. Details: Sitzberechnung erklärt.

Häufige Fragen

Was ist ein Überhangmandat?

Ein Überhangmandat entstand, wenn eine Partei in einem Bundesland mehr Direktmandate gewann, als ihr nach dem Zweitstimmenergebnis Sitze zustanden. Seit der Wahlrechtsreform 2023 gibt es keine Überhangmandate mehr.

Warum wurden Überhangmandate abgeschafft?

Überhangmandate führten zusammen mit Ausgleichsmandaten zu einer unkontrollierten Vergrößerung des Bundestags. Die Reform begrenzt die Sitzzahl auf 630.

Mehr dazu: AfD Umfragen · 299 Wahlkreise · Große Koalition

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