Politiker gibt ein Statement am Mikrofon vor einer Pressewand

Regierungsbildung — Ablauf, Koalitionsverhandlungen und Kanzlerwahl

171 Tage. So lange brauchte Deutschland nach der Bundestagswahl 2017, bis eine Regierung stand. Erst scheiterten die Jamaika-Sondierungen, dann musste die SPD ihre Mitglieder befragen, dann brauchten die Koalitionsverhandlungen Wochen. Fast ein halbes Jahr ohne gewählte Regierung — das war Rekord. Und ein Zeichen dafür, dass die Regierungsbildung in Zeiten zersplitterter Parlamente komplizierter geworden ist.

Das Grundgesetz gibt keinen Zeitplan vor. Es sagt nur: Der Bundespräsident schlägt einen Kanzlerkandidaten vor, der Bundestag stimmt ab, fertig. In der Praxis steckt dazwischen ein langer Verhandlungsprozess.

Fünf Schritte zur Regierung

Phase Beteiligte Ergebnis
1. SondierungPartei- und FraktionsspitzenKlärung der Optionen
2. KoalitionsverhandlungVerhandlungsteamsKoalitionsvertrag
3. ParteitagsbeschlussParteitage / MitgliedervotenZustimmung
4. KanzlerwahlBundestagKanzler gewählt (316+ Stimmen)
5. ErnennungBundespräsidentKanzler + Minister vereidigt

Seit der Bundestagswahl 2025 regieren CDU/CSU und SPD als Große Koalition. Friedrich Merz wurde im April 2025 zum Bundeskanzler gewählt. Diesmal ging es schneller als 2017 — das Ergebnis ließ weniger Optionen, die Verhandlungen dauerten nur wenige Wochen.

Ein Aspekt, der oft übersehen wird: Während die neue Regierung verhandelt wird, bleibt die alte geschäftsführend im Amt. Es gibt in Deutschland kein Machtvakuum. Olaf Scholz war bis zur Vereidigung von Merz weiter Bundeskanzler — mit eingeschränkten Befugnissen, aber formal im Amt.

Ehepaar verfolgt am Tablet die Nachrichten zur Regierungsbildung
Die Regierungsbildung wird von Bürgern und Medien aufmerksam verfolgt — sie bestimmt die Politik der nächsten Jahre.

2021: Wie Scholz schneller war als Laschet

Die Regierungsbildung nach der Bundestagswahl 2021 war ein Lehrstück strategischer Kommunikation. CDU-Spitzenkandidat Armin Laschet glaubte nach dem knappen Ergebnis (SPD 25,7% vs. CDU 24,1%), dass er noch Anspruch auf Sondierungen habe. Tatsächlich führte die SPD unter Scholz die entscheidenden Verhandlungen jedoch in relativer Geheimhaltung: Sechs parallele Arbeitsgruppen zwischen SPD, Grünen und FDP arbeiteten simultan an den Kernthemen des Koalitionsvertrags. Während Laschet noch öffentlich über mögliche Konstellationen sprach, hatten SPD-Grüne-FDP bereits die entscheidende Einigung über Mindestlohn, Klimainvestitionen und FDP-Finanzministerium erzielt. Am 6. Oktober 2021 — keine zwei Wochen nach der Wahl — erklärte Lindner, Grüne und FDP würden gemeinsam mit der SPD Koalitionsverhandlungen aufnehmen. Laschet war faktisch aus dem Rennen. Die gesamte Regierungsbildung dauerte nur 60 Tage — die kürzeste nach einer knappen Wahl in der Geschichte der Bundesrepublik. Entscheidend war das Vorab-Vertrauen zwischen Habeck (Grüne) und Lindner (FDP), die sich schon während der Wahlkampfzeit außerparlamentarisch getroffen hatten.

Wählerinnen und Wähler im Wahllokal bei der Stimmabgabe — Demokratie in Deutschland
Im Wahllokal: Bürgerinnen und Bürger geben ihre Stimme ab.

Wenn keine Mehrheit zustande kommt

Artikel 63 GG kennt einen Notfallmechanismus: Bekommt der Kanzlerkandidat im ersten Wahlgang keine absolute Mehrheit, hat der Bundestag 14 Tage Zeit, einen eigenen Kandidaten zu wählen. Gelingt auch das nicht, reicht im dritten Anlauf die relative Mehrheit — allerdings kann der Bundespräsident dann den Bundestag auflösen. Ein Szenario, das bisher nie eingetreten ist.

Wie lange dauert Regierungsbildung im internationalen Vergleich?

Deutschlands 171-Tage-Rekord von 2017 wirkt lang — ist aber im internationalen Vergleich eher moderat. Belgien hält den Weltrekord: 2010/2011 brauchte das Land 541 Tage, bis eine neue Regierung stand. Die Gründe waren strukturell: Belgien ist tief gespalten zwischen flämischen und wallonischen Parteien, die in unterschiedliche Sprachgemeinschaften regieren. Dass der Staat in dieser Zeit trotzdem funktionierte — mit einer geschäftsführenden Regierung — zeigt, dass parlamentarische Demokratien widerstandsfähiger sind, als es in Krisenzeiten scheint.

Der Koalitionsvertrag: Ein Vertrag, der nicht einklagbar ist

Koalitionsverträge sind rechtlich keine verbindlichen Verträge. Kein Gericht kann eine Partei zwingen, ihre im Koalitionsvertrag vereinbarten Positionen im Parlament durchzusetzen. Koalitionsverträge sind politische Absichtserklärungen — ihr einziges Sanktionsmittel ist der politische Schaden durch Vertrauensbruch. Dass Parteien trotzdem meist halten, was sie versprechen, liegt an der gegenseitigen Abhängigkeit: Wer den Koalitionsvertrag missachtet, riskiert das Ende der Koalition und damit frühe Neuwahlen — aus denen er möglicherweise gesärkt, aber auch deutlich geschwächt hervorgehen kann.

1982: Die Kanzlerwahl ist geheim – und trotzdem entscheidend

Der Bundestag kennt drei Abstimmungsformen: Handzeichen (Standard), namentlich (auf Antrag einer Fraktion), geheim (nur bei Kanzlerwahl und Präsidentenwahl). Bei namentlichen Abstimmungen wird jeder Abgeordnete namentlich erfasst – öffentlich einsehbar. Das stärkt Verantwortlichkeit. Bei der Kanzlerwahl ist geheime Abstimmung zwingend – um sicherzustellen, dass Abgeordnete frei von Fraktionsdruck wählen. Helmut Kohl 1982 bekam 256 Stimmen, CDU/CSU + FDP hatten aber 279. 23 Abgeordnete stimmten nicht für Kohl – anonym. Die geheime Abstimmung schützt die Gewissensfreiheit.

Häufige Fragen

Wie läuft die Regierungsbildung nach der Bundestagswahl ab?

Nach der Wahl führen die Parteien Sondierungsgespräche und Koalitionsverhandlungen. Der Koalitionsvertrag wird geschlossen, danach schlägt der Bundespräsident einen Kanzlerkandidaten vor, der vom Bundestag mit absoluter Mehrheit gewählt wird.

Wie lange dauert die Regierungsbildung?

Die Dauer variiert stark — von wenigen Wochen bis zu mehreren Monaten. Nach der Bundestagswahl 2017 dauerte die Regierungsbildung mit 171 Tagen am längsten in der Geschichte der Bundesrepublik. Den Weltrekord hält Belgien mit 541 Tagen (2010/2011).

Was passiert, wenn keine Koalitionsmehrheit zustande kommt?

Das Grundgesetz (Art. 63) hat einen dreistufigen Notfallmechanismus: Im ersten Wahlgang braucht der Kandidat des Bundespräsidenten die absolute Mehrheit. Scheitert das, hat der Bundestag 14 Tage Zeit, selbst einen Kandidaten zu wählen. Im dritten Anlauf genügt die einfache Mehrheit — allerdings kann der Bundespräsident den Bundestag dann auflösen. Dieses Szenario ist noch nie eingetreten.

Wer regiert, während die neue Regierung gebildet wird?

Die alte Bundesregierung bleibt geschäftsführend im Amt. Sie kann dringende laufende Geschäfte erledigen, aber keine grundlegenden politischen Entscheidungen treffen. Der Kanzler bleibt so lange im Amt, bis sein Nachfolger gewählt und vereidigt ist — es gibt kein Machtvakuum in Deutschland.

Ist der Koalitionsvertrag rechtlich bindend?

Nein. Koalitionsverträge sind keine einklagbaren Verträge — kein Gericht kann eine Partei zwingen, ihre im Koalitionsvertrag vereinbarten Positionen durchzusetzen. Das Sanktionsmittel ist allein der politische Schaden durch Vertrauensbruch, was einen möglichen Koalitionsbruch und frühe Neuwahlen bedeutet.

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