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Ministerpräsident Sachsen — Michael Kretschmer: Der Seiltänzer

2017 verlor er sein Bundestagsmandat an einen AfD-Kandidaten. Wenige Wochen später wurde er Ministerpräsident. Drei Amtszeiten später regiert Michael Kretschmer immer noch — mit wechselnden Partnern, gegen die stärkste Partei im Landtag, auf einem Seil, das dünner wird. In Sachsen regieren heißt seit Jahren: Mehrheiten zusammenflicken, Kompromisse finden, die AfD draußen halten. Kretschmer kann das. Bisher.

Steckbrief

  • Name: Michael Kretschmer (CDU)
  • Im Amt seit: 13. Dezember 2017
  • Geboren: 7. Mai 1975 in Görlitz
  • Koalitionen: CDU-SPD (2017–19), CDU-SPD-Grüne (2019–24), CDU-SPD-BSW (seit 2024)
  • Ausbildung: Diplomingenieur (TU Dresden)

Vom Mandatsverlust zum Ministerpräsidenten

Kretschmer saß 15 Jahre im Bundestag, stieg zum stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden auf. Dann kam die Bundestagswahl 2017: In Görlitz nahm ihm ein AfD-Kandidat das Direktmandat ab. Ein Karriereknick — der sich als Sprungbrett entpuppte. Als MP Tillich wenige Wochen später zurücktrat, wurde Kretschmer sein Nachfolger.

Seitdem hat er jede Wahl gewonnen — aber jedes Mal knapper, jedes Mal mit schwierigeren Koalitionsverhandlungen. 2019 brauchte er drei Partner (CDU-SPD-Grüne), 2024 ebenfalls drei — diesmal mit dem BSW statt den Grünen. Die Frage ist nicht mehr, ob Kretschmer gewinnt, sondern wie lange das Jonglieren mit immer mehr Bällen funktioniert.

Ehepaar verfolgt sächsische Politik
Sachsen hat seit 1990 nur CDU-Ministerpräsidenten — länger als jedes andere Land außer Bayern.

Alle Ministerpräsidenten seit 1990

NameParteiAmtszeit
Kurt BiedenkopfCDU1990–2002
Georg MilbradtCDU2002–2008
Stanislaw TillichCDU2008–2017
Michael KretschmerCDUseit 2017

Vier Ministerpräsidenten in 36 Jahren — alle CDU. Biedenkopf regierte wie ein König, Milbradt stolperte über die Sachsen-LB-Affäre, Tillich trat nach dem AfD-Schock 2017 zurück. Kretschmer ist der vierte — und regiert unter den schwierigsten Bedingungen von allen.

Wahlumfrage-Auswertung am Laptop — Meinungsforschung und Sonntagsfrage Deutschland
Politische Analyse: Ministerpräsident Sachsen — Michael Kretschmer: Der Seiltänzer — Fakten und Einordnung.

Görlitz 2019: Als Kretschmer sich seinen Wahlkreis zurückkaufte

2017 hatte Kretschmer das Direktmandat in Görlitz an Tino Chrupalla (AfD) verloren. Für die Wahl 2019 kehrte er als Direktkandidat in seinen Heimatwahlkreis zurück — obwohl er als MP über die Landesliste abgesichert war. Das war ein strategisches Statement: Ich stelle mich der AfD persönlich. Ich laufe nicht weg.

Kretschmer gewann 2019 das Direktmandat in Görlitz mit 35,8% gegen Chrupalla (AfD: 33,0%). Ein symbolisch wichtiger Sieg, knapper als gewünscht, aber ein Sieg. Politisch war die Botschaft klar: CDU kann AfD auch in deren Stärkehochburgen schlagen — wenn der richtige Mann antritt.

Die Sachsen-LB-Affäre: Wie eine Bank einen Ministerpräsidenten stürzte

2007 geriet die Sachsen LandesBank (Sachsen LB) in die Strudel der US-Immobilienkrise. Das staatliche Institut hatte über Tochtergesellschaften in strukturierten Finanzprodukte (CDOs, Conduits) investiert — Produkte, deren Risiken die Bank offenbar nicht vollständig verstand. Als der Markt kollabierte, stand die Sachsen LB vor dem Bankrott. Die Landesregierung musste die Bank retten, der Sächsische Staat übernahm Garantien in Milliardenhöhe. Am Ende wurde die Sachsen LB an die Landesbank Baden-Württemberg verkauft — um dem Freistaat noch größeren Schaden zu ersparen. Ministerpräsident Georg Milbradt musste 2008 seinen Rücktritt erklären. Der finanzielle Schaden für Sächsische Steuerzahler: bis zu 2,75 Milliarden Euro. Es war der teuerste Polit-Skandal in der Geschichte des Freistaats.

Kretschmer und Russland: Die Kontroverse, die nicht endet

Kein anderer CDU-Ministerpräsident hat sich so weit außerhalb des Berliner Konsenses bewegt wie Kretschmer in der Russland-Politik. Bereits 2022, kurz nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, sprach er öffentlich über die Notwendigkeit von Verhandlungen — zu einem Zeitpunkt, als der Rest der CDU die Ukraine bedingungslos unterstützte. 2023 sagte er in einem ZDF-Interview sinngemäß, die Ukraine müsse möglicherweise auf Gebiete verzichten, um Frieden zu erlangen. Die Bundespartei-CDU distanzierte sich. Merz nannte Kretschmers Position falsch. Über 200 CDU-Abgeordnete des Bundestags unterzeichneten eine Resolution, die implizit gegen seine Linie gerichtet war.

Kretschmer blieb trotzig: Er verweist auf Sachsens Bevölkerung, die die Sanktionen härter trifft als woanders, auf historische Bindungen zu Russland in der DDR-Ära und auf die ökonomischen Interessen der sächsischen Industrie. Ob das eine kalkulierte Strategie ist (Stimmen im AfD-nahen Milieu zu halten) oder echte Überzeugung, lässt sich von außen kaum beurteilen. Das Ergebnis ist dasselbe: Kretschmer ist in seiner eigenen Partei politisch isolierter als je zuvor — und bei den sächsischen Wählern trotzdem relativ populär.

2017: Wahlrecht auf Landesebene – 16 verschiedene Wahlsysteme im Überblick

Jedes Bundesland hat sein eigenes Wahlrecht für Landtags- und Kommunalwahlen. Beispiele: Bayern hat ein reines Verhältniswahl-Listensystem. Hamburg: Präferenzwahl mit mehreren Stimmen. Baden-Württemberg: Nur Direktmandate – keine Listen. Berlin: Mischsystem ähnlich Bundesebene. Die Vielfalt der Wahlsysteme ist Teil des Föderalismus – und schafft Verwirrung bei Neuzuzüglern. Wahlalter für Landtagswahlen: 18 in 10 Ländern, 16 in 6 Ländern. Gewählte Amtszeiten: 4 bis 5 Jahre je nach Land. Föderalismus bedeutet auch: 16 demokratische Experimente gleichzeitig.

Häufige Fragen

Wer ist der Ministerpräsident von Sachsen?

Michael Kretschmer (CDU) seit Dezember 2017. Dritte Amtszeit.

Wie lange regiert er schon?

Seit 2017 — mit drei verschiedenen Koalitionen in drei Amtszeiten.

Mehr dazu: 299 Wahlkreise · INSA

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