Landtagswahl Thüringen 2024 — Die komplizierteste Wahl der Nachkriegsgeschichte
Thüringen, 1. September 2024. Drei Parteien können nicht miteinander — und müssen es trotzdem. Die AfD wird mit 32,8 Prozent stärkste Kraft, aber niemand will mit ihr koalieren. Die CDU landet bei 23,6 Prozent — weit dahinter. Das BSW, erst Monate zuvor gegründet, holt aus dem Stand 15,8 Prozent. Die Linke, zehn Jahre lang Regierungspartei unter Bodo Ramelow, stürzt auf 13,1 Prozent ab. Und die Grünen? Fliegen mit 3,2 Prozent aus dem Landtag.
Was folgte, war die schwierigste Regierungsbildung seit 1949. Nicht in Berlin — in Erfurt.
Thüringen 2024
- Wahltag: 1. September 2024
- Nächste Wahl: Herbst 2029
- Sitze: 88 (8. Wahlperiode)
- Wahlsystem: 44 Direktmandate + 44 über Landeslisten
- Wahlbeteiligung: über 73 %
- Ergebnis: AfD 32,8 % — aber CDU-BSW-SPD-Minderheitskoalition
Die Ergebnisse
| Partei | Ergebnis | Sitze | Δ zu 2019 |
|---|---|---|---|
| AfD | 32,8 % | 32 | +9,4 % |
| CDU | 23,6 % | 23 | +2,0 % |
| BSW | 15,8 % | 15 | neu |
| Linke | 13,1 % | 12 | −18,0 % |
| SPD | 6,1 % | 6 | −2,1 % |
| Grüne | 3,2 % | 0 | −2,0 % |
Die Linke verlor 18 Prozentpunkte — der dramatischste Absturz einer Regierungspartei in der jüngeren deutschen Geschichte. Viele Wähler gingen zum BSW, das im Grunde eine Abspaltung der Linken ist. Bodo Ramelow, zehn Jahre Ministerpräsident, wurde zur Randfigur.
Warum Thüringen immer kompliziert ist
2014: Erster Linke-Ministerpräsident in Deutschland. 2020: Die Kemmerich-Krise — ein FDP-Mann wird mit AfD-Stimmen gewählt, bundesweite Empörung, Rücktritt nach drei Tagen. 2024: Die stärkste Partei darf nicht regieren, die zweitstärkste bildet eine Minderheitskoalition. Thüringen ist das Land, in dem die Regeln der deutschen Politik an ihre Grenzen stoßen.
2,1 Millionen Einwohner, aber mehr politische Dramen als manche Großstaaten. Das hat Gründe: ein fragmentiertes Parteiensystem, eine starke AfD, eine schrumpfende Mitte und die Nachwirkungen der DDR-Geschichte, die hier spürbarer sind als anderswo.
Die Wahlnacht und die 100 Tage danach
Am Wahlabend stand Mario Voigt vor einem scheinbar unlösbaren Problem: CDU (23 Sitze) + BSW (15) + SPD (6) = 44 Sitze — exakt die Hälfte des 88-köpfigen Landtags. Keine eigene Mehrheit. Für eine absolute Mehrheit wären 45 Sitze nötig. Voigt wurde am 6. November 2024 erst im zweiten Wahlgang zum Ministerpräsidenten gewählt — mit Stimmen der Linken, die sich enthielten statt Nein zu stimmen. Ohne diesen pragmatischen Schritt der Linken wäre eine Regierungsbildung rechnerisch unmöglich gewesen.
Wagenknecht vs. Thüringen: Die Berlin-Intervention
BSW-Bundesvorsitzende Sahra Wagenknecht mischte sich von Berlin aus in die Thüringer Koalitionsverhandlungen ein — ein in der deutschen Nachkriegspolitik nahezu beispielloser Vorgang. Wagenknecht knüpfte die BSW-Regierungsbeteiligung an Forderungen zur Außenpolitik: keine US-Mittelstreckenraketen in Deutschland, kein Waffenlieferstopp an die Ukraine. Die Thüringer BSW-Landesvorsitzende Katja Wolf musste zwischen ihrem Landesverband und der Bundespartei navigieren. Der Koalitionsvertrag enthält deshalb einen außenpolitischen Passus, den eine Landesregierung gar nicht umsetzen kann — ein symbolisches Bekenntnis, das Wagenknecht befriedigen sollte. Das BSW hatte 100 Tage Zeit, um zu beweisen, dass es regierungsfähig ist. Es brauchte fast genauso lang, um überhaupt zu koalieren.
BSW: Partei, die es am Wahltag noch nicht gab
Das Bündnis Sahra Wagenknecht wurde am 8. Januar 2024 gegründet — acht Monate vor der Thüringer Wahl. Die Partei holte 15,8 Prozent, ohne einen einzigen politischen Track Record in einem Bundesland vorweisen zu können. Was das BSW versprach: linke Wirtschaftspolitik, konservative Gesellschaftspolitik, Skepsis gegenüber Waffenlieferungen. Was es lieferte: vor allem Wagenknechts Persönlichkeitskult. Die Thüringer Wähler kauften eine Marke — und im Koalitionsvertrag steckt seither die Frage, ob die Marke regieren kann oder nur protestieren.
Ausblick: Herbst 2029
Ob die CDU-BSW-SPD-Minderheitskoalition fünf Jahre hält, ist die offene Frage. Mario Voigt braucht für jedes Gesetz Stimmen aus der Opposition. Eine Legislaturperiode als permanente Verhandlung. In Thüringen ist das mittlerweile normal.
2025: Bundestagswahl in Thüringen – die AfD-Hochburg bleibt
Bei der Bundestagswahl 2025 war Thüringen wieder eine der stärksten AfD-Regionen Deutschlands. Bundesweit kam die AfD auf 20,8 Prozent — in Ostdeutschland lagen die Werte deutlich darüber. Die Frage, wie Ministerpräsident Voigt mit einer Bundesregierung aus CDU/CSU und SPD zusammenarbeitet, während ein Drittel seiner Wähler AfD wählt, prägt die Landespolitik. Thüringen ist das Laboratorium der deutschen Demokratie: Wie regiert man, wenn die stärkste Partei im Land in der Opposition sitzt — auf Bundes- und Landesebene?
Häufige Fragen
Wann war die letzte Wahl?
1. September 2024. Die AfD wurde erstmals stärkste Kraft bei einer Landtagswahl.
Welche Parteien sind im Landtag?
AfD, CDU, BSW, Linke und SPD.
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