Sechs Billionen für die Energiewende, sechs Billionen für Migration: Der Zahlenvergleich, der nicht aufgeht
Diese Woche kursieren zwei echte Studien mit fast derselben Schlagzeilen-Zahl – und viele Kommentatoren addieren sie zu zwölf Billionen Euro "Kosten für Deutschland". Wir zeigen, was KfW/Prognos zur Energiewende und die Generationenbilanz der Stiftung Marktwirtschaft zur Migration wirklich berechnet haben, warum beide Zahlen weniger hergeben als die virale Version – und was das für die Frage bedeutet, ob wir uns das leisten können.
Zwei Studien, zwei Mal fast dieselbe Schlagzeilen-Zahl, eine Woche Abstand – und daraus wird in sozialen Netzwerken gerade eine zwölf Billionen Euro schwere Schreckensbilanz gebastelt. Tatsächlich existieren beide Studien, und beide sind von anerkannten Instituten erstellt. Eine Studie des Beratungshauses Prognos im Auftrag der staatlichen Förderbank KfW beziffert den Investitionsbedarf für eine klimaneutrale deutsche Wirtschaft bis 2045 auf 5,7 bis 6,4 Billionen Euro. Eine Generationenbilanz des Freiburger Ökonomen Bernd Raffelhüschen im Auftrag der Stiftung Marktwirtschaft kommt auf eine migrationsbedingte Nachhaltigkeitslücke von 5,8 Billionen Euro. Nur: Beide Zahlen messen etwas fundamental anderes, und keine von beiden bedeutet das, was die virale Kurzform suggeriert.
| Energiewende, Zeitraum | 2025–2045, laut KfW/Prognos-Studie (Oktober 2026) |
| Energiewende, Summe | 5,7–6,4 Billionen Euro, davon ~1 Bio. € wirklich zusätzlich |
| Energiewende, Finanzierung | ~257 Mrd. €/Jahr privat, ~33 Mrd. €/Jahr Staat |
| Migration, Methodik | Generationenbilanz, heutiges Recht auf unendliche Zeit fortgeschrieben |
| Migration, Summe | 5,8 Billionen Euro (von 19,2 Bio. € Gesamtlücke bei 300.000 Zuwanderern/Jahr) |
| Gegenrechnung | 706 Mrd. € Wertschöpfung durch ausländische Beschäftigte 2024 (IW Köln) |
Der Widerspruch: Zwei Billionen-Zahlen, eine Angst-Rechnung
Der eigentliche Streit, der sich an diesen Zahlen entzündet, ist älter als beide Studien: Wie viel darf sich eine Gesellschaft heute leisten, auf Kosten von morgen? Auf der einen Seite steht das Argument, der Staat gebe mit vollen Händen aus – für Klimaschutz, für Integration – bis irgendwann die Substanz aufgezehrt ist und die Rechnung bei Kindern und Enkeln landet. Auf der anderen Seite steht das Argument, wer heute nicht investiere, zahle morgen ein Vielfaches drauf, bei der Energieversorgung ebenso wie beim Fachkräftemangel. Beide Lager berufen sich auf Generationengerechtigkeit – nur mit entgegengesetzten Schlussfolgerungen. Die beiden Sechs-Billionen-Zahlen wirken dabei wie ein nüchterner Schiedsrichterpfiff in diesem Streit. Genau deshalb lohnt der genaue Blick, bevor man sie als Beleg für irgendetwas verwendet: Eine Zahl ist nur so seriös wie die Fragestellung dahinter, und die beiden Fragestellungen könnten unterschiedlicher kaum sein.
Beide Institute arbeiten wissenschaftlich sauber. Die KfW ist eine staatliche Förderbank mit Interesse an einem gut finanzierten Umbau, den sie selbst mitfördert. Die Stiftung Marktwirtschaft ist eine wirtschaftsliberale Stiftung, die seit Jahren für eine strengere Migrationspolitik eintritt. Das macht die Zahlen nicht falsch – aber es erklärt, warum ausgerechnet diese beiden Studien gerade jetzt so viel Aufmerksamkeit bekommen und so passgenau in die jeweilige politische Erzählung passen.
Woher die beiden Zahlen wirklich kommen
Prognos hat im Auftrag der KfW vier etablierte Szenarien für ein klimaneutrales Deutschland mit demselben Investitionskonzept durchgerechnet und landete jedes Mal zwischen 5,7 und 6,4 Billionen Euro – macht umgerechnet rund 270 bis 300 Milliarden Euro pro Jahr zwischen 2025 und 2045. Größter Posten ist mit 45 Prozent der Verkehrssektor, gefolgt von der Energiewirtschaft mit 25 Prozent, dem Gebäudesektor mit 22 Prozent und der Industrie mit 8 Prozent. Gegenüber der Vorgängerstudie aus dem Jahr 2021 ist der Bedarf um rund eine Billion Euro gestiegen, vor allem wegen gestiegener Preise und eines Investitionsstaus.
Die Migrations-Zahl stammt aus einer ganz anderen Rechenwelt: einer Generationenbilanz der Stiftung Marktwirtschaft, erstellt von Bernd Raffelhüschen. Diese Methode schätzt, wie sich heutiges Recht auswirken würde, wenn man es unverändert bis in alle Ewigkeit fortschreibt. Ergebnis: Bei anhaltender Zuwanderung von 300.000 Personen jährlich wächst die gesamte sogenannte Nachhaltigkeitslücke des Staates auf 19,2 Billionen Euro, ohne jede weitere Migration läge sie bei 13,4 Billionen Euro. Die Differenz von 5,8 Billionen Euro wird der Migration zugerechnet – das ist die Zahl, die seither durch die Kommentarspalten reist, unter anderem bei table.media aufgegriffen und von Fachökonomen eingeordnet.
Wo beide Zahlen weniger hergeben, als sie versprechen
Von den 5,7 bis 6,4 Billionen Euro für die Energiewende ist nur rund ein Sechstel, also etwa eine Billion Euro, wirklich zusätzliche neue Ausgabe für grüne Technik. Der weitaus größere Rest sind Ersatzinvestitionen – Geld, das ohnehin fällig gewesen wäre, weil eine alte Heizung oder ein altes Auto sowieso irgendwann ersetzt werden muss, nur eben jetzt als Wärmepumpe statt Gasheizung. Und von den rund 290 Milliarden Euro Jahresbedarf tragen Unternehmen und private Haushalte rund 257 Milliarden Euro selbst, der Staat trägt aus dem Bundeshaushalt nur knapp 33 Milliarden Euro. Die sechs Billionen sind also kein Scheck, den ein Finanzminister morgen ausstellen müsste, sondern ein über zwanzig Jahre verteilter, größtenteils privat finanzierter Investitionsbedarf der gesamten Volkswirtschaft.
Bei der Migrations-Zahl ist die Einschränkung noch grundsätzlicher: Die 5,8 Billionen Euro sind kein einziger tatsächlich ausgegebener Euro, sondern das Ergebnis einer Modellannahme, die Ökonomen wie Jens Südekum (Universität Düsseldorf) und Marcel Fratzscher (DIW) offen kritisieren – weil sich Recht und Sozialsysteme in der Realität laufend ändern, während das Modell sie für alle Zeit einfriert. Bemerkenswert zudem: Selbst nach der eigenen Rechnung der Studie ist Migration für weniger als ein Drittel der gesamten Nachhaltigkeitslücke verantwortlich; der weitaus größere Teil entsteht durch die alternde Gesellschaft und das Rentensystem selbst, unabhängig von jeder Zuwanderung.
Und eine Zahl fehlt in der viralen Debatte fast komplett: Laut einem aktuellen IW-Kurzbericht hingen 2024 rund 706 Milliarden Euro Wertschöpfung in Deutschland direkt und indirekt von ausländischen Beschäftigten ab – etwa ein Sechstel der gesamten Wirtschaftsleistung. Fast sieben Millionen Menschen ohne deutschen Pass waren beschäftigt, fast jeder sechste Arbeitnehmer. Allein die seit 2015 zugewanderten Beschäftigten trugen zuletzt rund 240 Milliarden Euro zum Bruttoinlandsprodukt bei.
Was das für die Haushaltsdebatte bedeutet
Die wichtigste Konsequenz: Man darf diese beiden Zahlen nicht addieren, sie messen nicht dasselbe. Die eine ist ein über zwanzig Jahre verteilter, größtenteils privat finanzierter Investitionsbedarf der gesamten Volkswirtschaft. Die andere ist eine umstrittene, auf unendliche Zeit hochgerechnete Modellannahme über die Zukunft des Sozialstaats. Zwölf Billionen Euro als gemeinsame Schreckenszahl zu präsentieren ist Schlagzeilen-Mathematik, keine seriöse Haushaltsrechnung. Beide Debatten bleiben trotzdem real und wichtig, nur getrennt voneinander zu führen: Bei der Energiewende geht es darum, ob der vergleichsweise kleine staatliche Anteil klug eingesetzt wird, um private Investitionen anzureizen statt zu blockieren. Bei der Migration geht es darum, echte Integrationskosten ernst zu nehmen, ohne den nachweisbaren wirtschaftlichen Beitrag von Millionen Beschäftigten kleinzureden.
Fazit: Die eigentliche Frage bleibt offen
Ob sich Deutschland Energiewende und Zuwanderung leisten kann, lässt sich nicht mit einer einzigen addierten Zahl beantworten. Bei der Energiewende hängt die Antwort davon ab, ob die milliardenschweren privaten Investitionen tatsächlich fließen oder an Bürokratie und Unsicherheit hängen bleiben. Bei der Migration hängt sie davon ab, ob Integration in Arbeit gelingt – ob also aus einem Teil der Nachhaltigkeitslücke ein Teil der 706 Milliarden Euro Wertschöpfung wird, die ausländische Beschäftigte schon heute erbringen. Die eigentlich interessante Frage für die kommenden Haushaltsberatungen ist deshalb nicht, ob Deutschland sich zwölf Billionen Euro leisten kann – eine Zahl, die es in dieser Form gar nicht gibt –, sondern ob die Annahmen hinter jeder der beiden echten Studien realistisch sind. Genau darüber streiten Ökonomen seit Jahren, weit abseits der viralen Schlagzeile, und genau diese Debatte wird in den nächsten Haushaltsjahren mit Sicherheit wiederkehren.
Häufige Fragen
Nein. Es sind zwei getrennte Studien mit je rund sechs Billionen Euro, die unterschiedliche Dinge messen und sich nicht seriös addieren lassen.
Aus einer Prognos-Studie im Auftrag der KfW (Oktober 2026): 5,7 bis 6,4 Billionen Euro Investitionsbedarf zwischen 2025 und 2045.
Nein. Rund 257 Mrd. €/Jahr kommen von Unternehmen und Haushalten, nur knapp 33 Mrd. €/Jahr vom Staat. Zudem ist nur rund ein Sechstel wirklich zusätzliche Ausgabe.
Aus einer Generationenbilanz von Bernd Raffelhüschen für die Stiftung Marktwirtschaft: 5,8 Billionen Euro migrationsbedingter Anteil an einer insgesamt 19,2 Billionen Euro großen, hochgerechneten Nachhaltigkeitslücke.
Nein. Ökonomen wie Jens Südekum und Marcel Fratzscher kritisieren die Methodik. Laut der Studie selbst ist Migration zudem für weniger als ein Drittel der Gesamtlücke verantwortlich.
Laut IW Köln hingen 2024 rund 706 Milliarden Euro Wertschöpfung direkt und indirekt von ausländischen Beschäftigten ab, etwa ein Sechstel der deutschen Wirtschaftsleistung.




