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Zehn Jugendliche treten auf einen 14-Jährigen ein und filmen es – "Alle haben Migrationshintergrund"

Mitte Oktober treten rund zehn Jugendliche vor einer Oberschule in Frankfurt (Oder) auf einen 14-Jährigen ein und verbreiten das Video selbst im Netz. Wenige Tage später schlägt eine Gruppe am Potsdamer Stadtrand einen 18-Jährigen mit dem Kopf gegen ein Auto. Innenminister Jan Redmann verweist auf den Migrationshintergrund der Täter. Wir prüfen Fall für Fall und Zahl für Zahl, was an dieser Aussage stimmt – und was nicht.

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Fußgängerzone in Potsdam-Mittelmark im Abendlicht, Symbolbild für den öffentlichen Raum, in dem sich Jugendgruppen treffen
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Das Wichtigste
Frankfurt (Oder)
10 Verdächtige (13–15 J.), deutsche/poln./russ./syr. Staatsangehörigkeit
Potsdam
~25 Tatverdächtige, überwiegend migrantisch geprägt
Brandenburg gesamt 2025
64% der jungen Tatverdächtigen deutsch, 36% ausländisch
Ankündigung
Einzelfall-Abschiebungen, neues Lagezentrum

Ein 14-Jähriger liegt wehrlos vor seiner Schule, eine Gruppe Jugendlicher tritt weiter gegen seinen Kopf – gefilmt nicht zur Beweissicherung, sondern um das Video danach selbst zu verbreiten. Das ist Frankfurt an der Oder, Mitte Oktober. Nur wenige Tage später schlägt eine Gruppe von 15 bis 20 Jugendlichen am Rand von Potsdam auf drei Schüler ein, ein 18-Jähriger wird mit dem Kopf gegen ein Auto geschlagen und muss auf die Intensivstation. Brandenburgs Innenminister Jan Redmann (CDU) sagt dazu, er verstecke den Migrationshintergrund der Täter nicht. In Weiterleitungen wird daraus: "Alle Täter haben Migrationshintergrund." Wir prüfen, was an dieser Aussage stimmt.

Frankfurt (Oder), Tatverdächtige10 Personen, 13–15 Jahre, Staatsangehörigkeit deutsch/polnisch/russisch/syrisch
Potsdam, Gesamtzahl im Fokusrund 25 Tatverdächtige, überwiegend migrantisch geprägt
Potsdam, Festnahmen Kohlhasenbrück2 Hauptverdächtige (15/17 J.), 9 weitere in Wahllichtbildvorlage
Brandenburg gesamt, 14–21 Jahre (2025)~11.145 Tatverdächtige, 64% deutsch, 36% ausländisch
Ermittlungsgruppe"Iuventus", seit 2024 aktiv

Ein Wort mit zwei Bedeutungen

Der eigentliche Streit entzündet sich an einem Begriff, der in der Debatte ständig durcheinandergeht: Migrationshintergrund und Staatsangehörigkeit sind zwei verschiedene Dinge. Staatsangehörigkeit ist eine Rechtsform, klar und binär – der Pass. Migrationshintergrund ist eine weitere statistische Kategorie, die auch eingebürgerte Deutsche und in Deutschland geborene Kinder von Zuwanderern einschließt, selbst mit deutschem Pass seit Geburt. Wenn Polizei über Staatsangehörigkeiten spricht, Kommentatoren daraus aber "Migrationshintergrund" machen, wird die Aussage automatisch schärfer, als sie ursprünglich gemeint war. Grüne und Linke im Landtag werfen Redmann vor, mit seiner Wortwahl genau dieses pauschale Bild zu befeuern; seine eigene Partei hält dagegen, wer Straftaten aufklären wolle, dürfe die Herkunft von Verdächtigen nicht aus falsch verstandener Rücksicht verschweigen.

Zur Einordnung

Potsdams Oberbürgermeisterin hat für die Vorfälle eine eigene Erklärung: Das Motiv scheine schlicht Machtausübung zu sein – junge Menschen, die öffentlichen Raum durch Angst besetzen, nicht aus wirtschaftlicher Not. Kommunalpolitiker vor Ort werden deutlicher: Wer da noch von Einzelfällen spreche, verschließe die Augen vor einer Entwicklung, die sich über Monate aufgebaut hat.

Was in Potsdam und Frankfurt (Oder) wirklich passiert ist

In Frankfurt an der Oder ermittelt die Polizei gegen zehn Verdächtige im Alter von 13 bis 15 Jahren wegen gefährlicher Körperverletzung und Raubes. Die Verdächtigen haben laut Polizei deutsche, polnische, russische und syrische Staatsangehörigkeit – also ausdrücklich eine gemischte Gruppe, keine einheitliche. Das Video wurde von der Polizei als echt eingestuft.

In Potsdam läuft die Entwicklung schon länger: Seit 2024 fallen der Polizei zunehmend migrantisch geprägte Jugendgruppen auf, Auslöser war unter anderem eine Serie von mehr als einem Dutzend Raubüberfällen binnen drei Monaten nach demselben Muster: Eine Gruppe spricht einzelne, oft jüngere Opfer an, umringt sie und setzt sie mit Drohungen, Schlägen oder einem Messer unter Druck. Deshalb wurde die Ermittlungsgruppe "Iuventus" gegründet. Beim jüngsten Überfall bei Kohlhasenbrück wurden inzwischen zwei Hauptverdächtige (15 und 17 Jahre) festgenommen, Haftbefehl liegt gegen beide vor; zusätzlich führte die Polizei Wahllichtbildvorlagen mit neun weiteren 14- bis 17-Jährigen durch. Insgesamt haben die Sicherheitsbehörden rund 25, überwiegend migrantisch geprägte Tatverdächtige im Blick. Bei früheren Durchsuchungen fanden Beamte bei Potsdamer Jugendlichen unter anderem über 70 Drogentüten, zwei Butterfly-Messer und einen Schlagring; andere Berichte nennen zusätzlich Macheten und eine Schreckschusswaffe. Erst wenige Wochen zuvor hatte eine andere Jugendgruppe im Potsdamer Norden eine Hundebesitzerin mit Schlagstock und einem in Deutschland verbotenen Nunchaku bedroht. Ein Jugendclub in einem betroffenen Stadtteil musste zeitweise schließen.

Was "alle" wirklich bedeutet

"Alle Täter haben Migrationshintergrund" stimmt in dieser pauschalen Form nicht, selbst für die beiden konkreten Fälle nicht: In Frankfurt (Oder) sind unter den zehn Verdächtigen ausdrücklich auch deutsche Staatsangehörige. Richtig ist dagegen, dass migrantisch geprägte Jugendliche in der Potsdamer Bandenszene nach Einschätzung der Ermittler deutlich überrepräsentiert sind – das ist etwas anderes als "alle", aber auch keine Verharmlosung.

Die Zahl, die in der Aufregung fast nie auftaucht: Nach dem aktuellen Lagebericht der Brandenburger Polizei hatten von den rund 11.145 Tatverdächtigen im Alter von 14 bis 21 Jahren im gesamten Bundesland 2025 rund 64 Prozent die deutsche Staatsangehörigkeit, nur rund 36 Prozent eine ausländische. Die Mehrheit der jungen Tatverdächtigen in Brandenburg insgesamt ist also deutsch. Was in Potsdam und Frankfurt (Oder) beobachtet wird, ist kein Abbild der gesamten Jugendkriminalität im Bundesland, sondern eine lokale, auffällig migrantisch geprägte Ausprägung innerhalb eines anders verteilten Gesamtbildes – beide Tatsachen sind gleichzeitig wahr.

Wichtig zur Einordnung: Bundesweit hat inzwischen weit mehr als jedes vierte Kind in Deutschland einen Migrationshintergrund, in manchen Großstädten liegt der Anteil unter Minderjährigen schon bei über der Hälfte. Ein hoher Anteil in einer Statistik ist allein noch keine Erklärung – entscheidend ist die Über- oder Unterrepräsentation gegenüber dem jeweiligen Bevölkerungsanteil. Kriminologen verweisen zudem seit Jahren auf einen oft übersehenen Faktor: Junge Menschen mit Migrationshintergrund sind im Schnitt häufiger von Armut, beengtem Wohnraum und schwächeren Bildungschancen betroffen – und genau diese sozialen Faktoren, nicht die Herkunft an sich, erklären in Studien den größten Teil des Unterschieds bei Gewaltdelikten. Das entschuldigt keine einzelne Tat, verschiebt aber die politische Frage: nicht nur, wer abgeschoben werden kann, sondern auch, warum Integration in genau diesen Familien und Stadtteilen bislang nicht gelungen ist.

Taskforce, Abschiebungen und der Streit um die Strafmündigkeit

Politisch zieht die Landesregierung bereits Konsequenzen. Redmann kündigte an, dass das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bei polizeilich auffällig gewordenen syrischen Staatsangehörigen den Schutzstatus aberkennt, wodurch neue Abschiebemöglichkeiten entstehen, die Brandenburg nutzen will – ausdrücklich nur für tatsächlich straffällig gewordene Personen mit aberkanntem Schutzstatus, nicht pauschal. Zusätzlich entsteht ein neues Lagezentrum, das Jugendgewalt, Sabotage und andere Bedrohungen schneller zusammen auswerten soll. Am Rand der Debatte fordert die AfD-Fraktion, die Strafmündigkeit von 14 auf 10 Jahre zu senken – ein Vorschlag, den selbst Teile der CDU als rechtsstaatlich fragwürdig einstufen, weil Zehnjährige in aller Regel nicht schuldfähig im klassischen Sinn sind. Die eigentlich unstrittene Forderung aus fast allen Fraktionen: mehr Jugendsozialarbeit, mehr Polizeipräsenz an bekannten Treffpunkten, schnellere Verfahren.

Fazit: Zwischen Verharmlosung und Pauschalisierung

Am Ende bleiben zwei Fehler, die man gleichermaßen vermeiden sollte. Der eine: aus zwei schockierenden Videos und einem zugespitzten Minister-Zitat eine pauschale Aussage über eine ganze Gruppe zu machen, die die eigenen Zahlen der Polizei nicht hergeben. Der andere: die von Ermittlern selbst benannte Überrepräsentation migrantisch geprägter Jugendlicher in genau dieser Potsdamer Bandenszene wegzuerklären, nur weil die Landesstatistik insgesamt anders aussieht. Was als Nächstes zählt, ist nicht die nächste zugespitzte Talkshow-Aussage, sondern ob Ermittlungsgruppe, mehr Sozialarbeit und die angekündigten Einzelfall-Abschiebungen tatsächlich etwas an der Lage ändern – überprüfbar in ein paar Monaten an echten Zahlen, nicht an Videos, die im Netz kursieren.

Häufige Fragen

Was ist in Frankfurt (Oder) passiert?

Rund zehn 13- bis 15-Jährige traten Mitte Oktober 2026 vor einer Oberschule auf einen 14-Jährigen ein und verbreiteten das gefilmte Video selbst im Netz. Die Verdächtigen haben deutsche, polnische, russische und syrische Staatsangehörigkeit.

Was ist in Potsdam passiert?

Seit 2024 fällt eine migrantisch geprägte Jugendbandenszene durch Raubüberfälle auf. Die Ermittlungsgruppe Iuventus hat beim jüngsten Überfall zwei Hauptverdächtige festgenommen, neun weitere werden geprüft.

Stimmt "alle Täter haben Migrationshintergrund"?

In dieser Pauschalform nicht – in Frankfurt (Oder) sind auch deutsche Staatsangehörige beteiligt. Die Überrepräsentation migrantisch geprägter Jugendlicher in der Potsdamer Bandenszene ist aber real.

Was unterscheidet Migrationshintergrund von Staatsangehörigkeit?

Staatsangehörigkeit ist der Pass. Migrationshintergrund schließt auch eingebürgerte Deutsche und in Deutschland geborene Kinder von Zuwanderern ein.

Was kündigt Innenminister Redmann an?

Einzelfall-Abschiebungen straffällig gewordener Syrer nach Aberkennung des Schutzstatus, plus ein neues Lagezentrum.

Was fordert die AfD zusätzlich?

Die Strafmündigkeit von 14 auf 10 Jahre zu senken – auch in Teilen der CDU als rechtsstaatlich fragwürdig kritisiert.

SC
Stephan M. Czaja Herausgeber & Gründer

Stephan M. Czaja ist Online-Unternehmer mit über 20 Jahren Erfahrung im Aufbau datengetriebener Webportale. Er verantwortet Strategie, Infrastruktur und die redaktionelle Linie von Bundestagwahlumfrage.de und steht für die inhaltliche Qualität und Unabhängigkeit des Portals.

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