Übergewinnsteuer: Bekämpft der Staat ein Problem, das er selbst geschaffen hat?
Letzte Woche haben wir dir eine Zahl gezeigt, die hängen geblieben ist: Von 16,7 Cent Steuersenkung kamen beim Autofahrer nur 5 bis 8 Cent an — der Rest blieb als Gewinn bei den Mineralölkonzernen. Diese Woche kommt die Fortsetzung, und sie ist ziemlich ironisch: Die Bundesregierung will jetzt genau diese Gewinne besteuern.
Ein großer Teil dieser Übergewinne ist überhaupt erst entstanden, weil der Staat selbst eine Steuersenkung gebaut hat, die bei den Konzernen hängen blieb, statt beim Verbraucher anzukommen. Der Staat bekämpft also mit einer neuen Steuer ein Problem, das er mit einer alten Steuerentscheidung mitverursacht hat.
Der Konflikt: Gerechte Korrektur oder Kaschieren?
Ist eine Übergewinnsteuer gerechte Korrektur — oder der Versuch, ein selbst gemachtes Problem nachträglich zu kaschieren?
Die Zahlen — und Klingbeils Vorstoß
Nach Berechnungen der Denkfabrik Transport & Environment haben Öl- und Tankstellenkonzerne in Deutschland 2026 rund 4,9 Milliarden Euro an Übergewinnen gemacht — ausgelöst vor allem durch den seit Ende Februar laufenden Iran-Konflikt. SPD und Linke fordern im Bundestag eine Übergewinnsteuer, es gab dazu bereits eine Aktuelle Stunde im Parlament.
Federführend: Finanzminister Lars Klingbeil (SPD). Er hat mit fünf weiteren EU-Finanzministern eine gemeinsame Initiative gestartet — das Thema stand auf der Agenda eines EU-Finanzministertreffens in Dublin. Die Einnahmen sollen laut Klingbeil vor allem Pendler sowie kleine und mittlere Einkommen entlasten.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) lehnt eine Übergewinnsteuer ab — ein offener Riss in der eigenen Regierungskoalition, ausgerechnet bei dem Thema, das die eigene Steuerpolitik erst notwendig gemacht hat.
Eine Übergewinnsteuer auf fossile Brennstoffe gab es in der EU schon einmal: 2022, mit 33 Prozent auf Gewinne, die mehr als 20 Prozent über dem Vorjahresdurchschnitt lagen. Ergebnis: rund 28 Milliarden Euro Einnahmen EU-weit. Keine neue Idee, sondern eine Wiederholung.
Nebenbei: Diesel ist inzwischen erstmals teurer als Super — 2,39 € gegenüber 2,33 € pro Liter, ein Rollentausch, den es so noch nicht gab.
Konsequenz: Warnungen von allen Seiten
- Das Ifo-Institut warnt bereits seit 2022 vor einer Übergewinnsteuer — schwierige Abgrenzung normaler vs. echter Übergewinne, Risiko der Kostenüberwälzung.
- Die OECD hat der Bundesregierung erst im März 2026 ausdrücklich von solchen Maßnahmen abgeraten.
- Der Bundestag selbst hat im Juni 2026 eine verwandte Idee — eine Deckelung der Gewinnmargen der Mineralölkonzerne — bereits abgelehnt.
Die Auflösung
Die Übergewinne, über die diese Woche gestritten wird, sind zu einem Teil das direkte Ergebnis einer Steuersenkung, die genau denselben Zweck hatte wie die jetzt geplante Steuer — die Bürger zu entlasten. Eine Übergewinnsteuer mag Geld zurückholen. Sie repariert aber nicht das eigentliche Problem: eine Steuersenkung ohne Weitergabepflicht, die genau dort landet, wo sie nicht hinsollte. Das sind die Fakten. Was du daraus machst, ist deine Entscheidung — nicht unsere.
Die ganze Analyse zum Tankrabatt und der 16,7-Cent-Rechnung findest du in unserer letzten Folge zu den Spritpreisen.
Häufige Fragen
Nach Berechnungen von Transport & Environment rund 4,9 Milliarden Euro allein 2026, ausgelöst vor allem durch den seit Ende Februar laufenden Iran-Konflikt.
SPD und Linke im Bundestag. Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) prüft sie aktiv und hat mit fünf weiteren EU-Finanzministern eine gemeinsame Initiative gestartet.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) lehnt sie ab — ein offener Riss innerhalb der eigenen Regierungskoalition.
Ja. Die EU führte 2022 eine 33-Prozent-Steuer auf Übergewinne aus fossilen Brennstoffen ein und nahm damit EU-weit rund 28 Milliarden Euro ein.
Ja, Mitte September 2026 zum ersten Mal: Diesel kostet rund 2,39 €/L, Super E5 liegt bei 2,33 €/L.


