Wahl Watch Berlin — Analyse

Grüße mit Respekt: Der Linken-Politiker und die Chats mit dem Remmo-Clan

Private Chats mit dem Sohn eines Clanchefs, eine minutiös detaillierte Anfrage zu Polizeieinsätzen gegen den Remmo-Clan: Der Fall des Berliner Linken-Abgeordneten Ferat Koçak sorgt für Streit — und wird jetzt öffentlich zum Politikum. Was tatsächlich belegt ist, was offene Vermutung bleibt, und warum das für Berlins Koalitionsfrage relevant ist.

Sicherheitskräfte vor dem Berliner Regierungsviertel
Das Wichtigste
Wer
Ferat Koçak, Die Linke, Abgeordnetenhaus Berlin
Belegt
Chats mit Remmo-Sohn, Anfrage von 2022
Unbewiesen
Weitergabe von Polizeidaten, Geldflüsse
Folge bisher
Koçak pausiert Innenausschuss-Funktionen

Ein Chatverlauf, den ausgerechnet die Gegenseite veröffentlichte, bringt einen Berliner Linken-Politiker in Erklärungsnot. Firas Remmo, Sohn eines Anführers der als Remmo-Clan bekannten Großfamilie, stellte Screenshots ins Netz, die zeigen sollen, wie Ferat Koçak dem Clanoberhaupt Issa Remmo „Grüße mit Respekt" ausrichten ließ und darum bat, ein Video seiner eigenen Bundestagswahlkampf-Rede in der Familie zu teilen. Koçak hat die Echtheit der Nachrichten nicht bestritten. Seither pausiert er seine Funktionen im Innenausschuss des Abgeordnetenhauses — dem Gremium, das die Berliner Polizei kontrolliert.

FunktionMitglied des Abgeordnetenhauses Berlin, Die Linke
AusschussInnenausschuss (Funktionen seit Bekanntwerden pausiert)
AuslöserVon Firas Remmo veröffentlichte Chat-Screenshots
Kleine Anfrage25.02.2022, mit Niklas Schrader (Linksfraktion)
Zweite VerbindungKonstantin Stern, Bezirksverordneter Linke Lichtenberg, Remmo-Verteidiger

Die Chats, die alles ins Rollen brachten

Bekannt wurde die Verbindung nicht durch Ermittler oder Journalisten, sondern weil die Remmo-Familie selbst die Nachrichten öffentlich machte — ein ungewöhnlicher Vorgang, der die Aussagekraft der Screenshots nicht automatisch schmälert, aber bei der Einordnung mitgedacht werden sollte: Wer ein Gespräch veröffentlicht, hat meist ein eigenes Interesse daran. In den Chats soll Koçak dem Clanchef Issa Remmo respektvolle Grüße ausrichten lassen und Firas Remmo gebeten haben, einen Mitschnitt seiner eigenen Bundestagswahlkampf-Rede zu teilen. Nach Bekanntwerden erklärte Koçak gegenüber seiner Partei, er wolle bis zur vollständigen Aufklärung nicht an Sitzungen des Innenausschusses teilnehmen (Tagesspiegel, ZDFheute).

Wichtig für die Einordnung

Ein freundlicher Chat mit einem Familienmitglied ist für sich genommen kein Beleg für Fehlverhalten — Kontakt zu Betroffenen, auch aus kriminell auffälligen Milieus, gehört bei Sozialarbeit und Antifaschismus-Engagement, wie Koçak es seit Jahren betreibt, nicht zwangsläufig zur Ausnahme. Brisant wird der Fall erst in Kombination mit seiner parlamentarischen Rolle im Innenausschuss und der Kleinen Anfrage von 2022 — dazu weiter unten mehr.

Die Kleine Anfrage von 2022: Kontrolle oder Steilvorlage?

Am 25. Februar 2022 reichten Ferat Koçak und Niklas Schrader, innenpolitischer Sprecher der Linksfraktion, eine Kleine Anfrage mit dem Titel „Organisierte Kriminalität — Polizeieinsätze im Bereich der sogenannten 'Clankriminalität'" ein. Darin fragten sie sehr detailliert nach einzelnen Einsätzen gegen den Remmo-Clan: an welchem Ort, an welchem Datum, zu welcher Uhrzeit, mit welchen Polizeieinheiten und welcher Bewaffnung die Berliner Polizei vorgegangen war. Solche Anfragen sind ein normales, in der parlamentarischen Praxis übliches Kontrollinstrument der Opposition gegenüber der Exekutive — Abgeordnete aller Fraktionen nutzen sie, um Polizeiarbeit zu überprüfen. Ungewöhnlich ist hier nicht das Instrument, sondern der Detailgrad in Kombination mit der später bekannt gewordenen persönlichen Nähe zur betroffenen Familie.

Genau an diesem Punkt setzt der öffentliche Vorwurf an: Konnten aus den Antworten der Innenverwaltung Rückschlüsse gezogen werden, die für die kontrollierte Organisation selbst nützlich gewesen wären — etwa über Einsatzmuster, Kräfteansatz oder Bewaffnung? Eine Antwort darauf liegt bislang nicht vor, weder von den Sicherheitsbehörden noch von einem Untersuchungsgremium.

Der Fall Konstantin Stern: zweite Verbindungslinie

Öffentlich diskutiert wird der Fall Koçak nicht isoliert, sondern zusammen mit einem zweiten Namen: Konstantin Stern, Fachanwalt für Strafrecht und mittlerweile Bezirksverordneter der Linken in Berlin-Lichtenberg. Stern hatte während seines Referendariats in der auf organisierte Kriminalität spezialisierten Abteilung der Berliner Staatsanwaltschaft gearbeitet und später als Verteidiger von Abdul Majed Remmo im Prozess um den spektakulären Juwelenraub im Grünen Gewölbe in Dresden fungiert — einem der aufsehenerregendsten Clan-Verfahren der vergangenen Jahre. Dass ein Strafverteidiger von Angeklagten aus dem Remmo-Umfeld zugleich Mandatsträger der Linken ist, werten Kritiker als weiteres Indiz für eine zu große Nähe der Berliner Linkspartei zum Remmo-Umfeld. Wichtig zur Einordnung: Ein Strafverteidiger vertritt seine Mandanten im Rahmen des Rechtsstaats — das ist sein Beruf, kein Beleg für persönliche Nähe zur organisierten Kriminalität. Der Vorwurf richtet sich also weniger gegen Sterns anwaltliche Tätigkeit als gegen die Optik, die durch seine gleichzeitige Parteikarriere entsteht.

Was Kritiker vorwerfen — und was unbewiesen bleibt

In der WELT-Kolumne „Meine Welt, meine Meinung" griff Journalist Hans-Ulrich Jörges den Fall öffentlichkeitswirksam auf. Er bezeichnete Koçak dabei fälschlich als Bundestagsabgeordneten — tatsächlich sitzt Koçak im Berliner Abgeordnetenhaus, nicht im Bundestag. Jörges formulierte eine Reihe von Fragen: Was habe Koçak mit den Detailinformationen zu den Polizeieinsätzen gewollt, seien sie an den Remmo-Clan weitergegeben worden, und habe sich der Clan dafür „dankbar gezeigt" — etwa durch Geldspenden an Koçak oder an die Partei? Eine „korrupte Partei" mit Verbindungen zur organisierten Kriminalität dürfe, so Jörges, „nie regieren".

Diese Fragen sind bislang genau das: Fragen, keine belegten Tatsachen. Weder für eine Weitergabe von Polizeiinformationen an den Remmo-Clan noch für Geldflüsse an Koçak oder Die Linke gibt es öffentlich zugängliche Beweise. Die vorliegenden, tatsächlich bestätigten Fakten sind der Chatkontakt selbst, die Kleine Anfrage von 2022 und Koçaks Rückzug aus dem Innenausschuss. Der Sprung von diesen Fakten zur Behauptung einer käuflichen Partei ist eine politische Zuspitzung, keine belegte Kausalkette — genau die Art von Unterscheidung, die bei einem derart schweren Vorwurf gegen eine real existierende Person entscheidend bleibt, solange keine unabhängige Prüfung (etwa durch einen Untersuchungsausschuss oder Ermittlungsbehörden) vorliegt.

Warum das für Berlins Koalitionsfrage zählt

Die Linke gilt in Berlin als möglicher Partner künftiger Koalitionen mit SPD und Grünen. Genau deshalb bekommt der Fall über den Einzelfall Koçak hinaus politisches Gewicht: Kritiker aus dem bürgerlichen und rechten Lager nutzen ihn, um die Regierungsfähigkeit der Partei grundsätzlich infrage zu stellen. Die Linke selbst hat bislang kein Parteiausschlussverfahren gegen Koçak eingeleitet; er behält sein Mandat, hat aber Ausschussfunktionen niedergelegt. Ob der Fall in einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss oder in strafrechtliche Ermittlungen mündet, ist offen — genau das dürfte in den kommenden Wochen die eigentliche Nachrichtenlage bestimmen, nicht die bereits kursierenden Verdächtigungen.

Fazit

Der Fall Ferat Koçak zeigt exemplarisch, wie schnell aus belegten Einzelfakten — einem privaten Chat, einer parlamentarischen Anfrage — eine öffentlich zugespitzte Erzählung über Korruption und organisierte Kriminalität werden kann, ohne dass die entscheidenden Verbindungsstücke bislang bewiesen sind. Für Die Linke in Berlin ist das schon jetzt ein Imageproblem, unabhängig davon, wie sich die offenen Fragen am Ende auflösen. Für die politische Bewertung gilt: Aufklärung ist berechtigt und nötig — eine vorschnelle Schuldzuweisung ohne Beweise wäre es nicht.

Häufige Fragen

Wer ist Ferat Koçak?

Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses für Die Linke, saß im Innenausschuss. Kein Mitglied des Deutschen Bundestags — eine in der Debatte mehrfach vorgekommene Verwechslung.

Was zeigen die veröffentlichten Chats?

Firas Remmo veröffentlichte Screenshots, in denen Koçak dem Clanchef Issa Remmo "Grüße mit Respekt" ausrichten ließ und um Weitergabe eines Wahlkampf-Videos bat. Koçak bestritt die Echtheit nicht und pausierte daraufhin seine Ausschussfunktionen.

Worum ging es in der Kleinen Anfrage von 2022?

Koçak und Niklas Schrader fragten detailliert nach Ort, Zeit, eingesetzten Einheiten und Bewaffnung bei Polizeieinsätzen gegen den Remmo-Clan.

Ist bewiesen, dass Informationen an den Clan gingen?

Nein. Das ist eine offene, von Kritikern wie WELT-Kolumnist Hans-Ulrich Jörges öffentlich geäußerte Vermutung — bislang ohne Beleg für Informationsweitergabe oder Geldflüsse.

Wer ist Konstantin Stern?

Fachanwalt für Strafrecht, Bezirksverordneter der Linken in Lichtenberg, verteidigte einen Remmo im Grünes-Gewölbe-Prozess. Seine Parteimitgliedschaft ist ein Kritikpunkt, seine anwaltliche Arbeit als Strafverteidiger für sich genommen nicht.

Welche Folgen hatte der Fall bisher?

Koçak pausiert seine Innenausschuss-Funktionen bis zur vollständigen Transparenz. Ein Parteiausschluss oder Mandatsverzicht wurde bislang nicht eingeleitet.

Warum ist das für die Berliner Koalitionsfrage wichtig?

Die Linke gilt als möglicher Koalitionspartner von SPD und Grünen. Kritiker fordern restlose Aufklärung vor jeder Regierungsbeteiligung.

SC
Stephan M. Czaja Herausgeber & Gründer

Stephan M. Czaja ist Online-Unternehmer mit über 20 Jahren Erfahrung im Aufbau datengetriebener Webportale. Er verantwortet Strategie, Infrastruktur und die redaktionelle Linie von Bundestagwahlumfrage.de und steht für die inhaltliche Qualität und Unabhängigkeit des Portals.

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