Was will die Linke in Berlin? Der Vonovia-Vergesellschaftungsplan erklärt
Heute, am 20. September 2026, wählt Berlin ein neues Abgeordnetenhaus — und ein Thema hat den Wahlkampf dominiert wie kaum ein anderes: die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne. Die Linke macht daraus ihren zentralen Programmpunkt. Was steckt dahinter, was würde es bedeuten, und wie realistisch ist es wirklich?
Warum Wohnen in Berlin so aufgeladen ist
Die Wurzel liegt im Bankenskandal der Nullerjahre. Nachdem das Land Berlin durch die Landesbank in eine tiefe Finanzkrise geraten war, verkaufte Finanzsenator Thilo Sarrazin 2004 die landeseigene Wohnungsgesellschaft GSW mit rund 67.000 Wohnungen für 400 Millionen Euro an ein Konsortium internationaler Fondsgesellschaften, darunter Goldman Sachs. 1990 waren noch rund 482.000 Wohnungen in kommunalem Besitz, 2005 nur noch etwa 270.000 (Berliner MieterGemeinschaft). Genau diese Wohnungen landeten über mehrere Weiterverkäufe häufig bei den Konzernen, die heute im Zentrum der Debatte stehen.
Der Ursprung: Volksentscheid 2021
Am 26. September 2021 stimmten 57,6 % (1.035.950 Stimmen) gegen 39,8 % (715.698 Stimmen) für die Initiative "Deutsche Wohnen & Co enteignen" (Wikipedia). Seither will Die Linke dieses Ergebnis umsetzen — bislang ohne Erfolg.
Der aktuelle Gesetzentwurf
Weil der Senat nicht handelte, legte die Initiative im September 2025 einen eigenen Entwurf vor, erarbeitet mit einer Berliner Kanzlei und einem wissenschaftlichen Beirat: Vergesellschaftung von Unternehmen mit über 3.000 Wohnungen, betroffen wären rund 220.000 Wohnungen. Entschädigung: nur 40 bis 60 % des Verkehrswerts, ausgezahlt über 100-jährige Anleihen mit 3,5 % Jahreszins (Verfassungsblog).
Wer betroffen wäre: Vonovia
Laut eigenem Quartalsbericht Q1/2026 besitzt Vonovia (inklusive Deutsche Wohnen) rund 138.245 Wohnungen in Berlin, Marktwert 23,24 Milliarden Euro, Durchschnittsmiete 8,23 €/m², Leerstand nur 0,8 % (Vonovia-Quartalsbericht).
Es geht nicht um klassische Enteignung einzelner Vermögenswerte (Art. 14 GG), sondern um Vergesellschaftung ganzer Wirtschaftszweige gegen Entschädigung (Art. 15 GG) — praktisch nie angewendet seit 1949. Im März 2026 verabschiedeten CDU und SPD ein Vergesellschaftungsrahmengesetz, das selbst noch keine Enteignung ermöglicht, erst 2028 in Kraft tritt, und dem eine Prüfung durch das Bundesverfassungsgericht vorausgehen soll (Haufe).
Der Streitpunkt Kosten
Der Senat schätzt die Entschädigung auf 28,8 bis 36 Milliarden Euro. Die Initiative selbst kommt auf nur 7,3 bis 13,7 Milliarden Euro — ein Unterschied um mehr als das Vierfache, der direkt aus der Frage folgt, wie Verkehrswert und Entschädigungsabschlag rechtlich zu bemessen sind (BerlinEcho).
Eine vom Senat 2023 eingesetzte Expertenkommission hält Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände nach Artikel 15 für grundsätzlich möglich und verfassungskonform. Eine Verwaltungsstellungnahme vom Februar 2026 beschreibt Artikel 15 dagegen als "praktisch unerprobtes Instrument" ohne nennenswerte Rechtsprechung (Sachwert-Magazin). Beides schließt sich nicht aus — "grundsätzlich möglich" ist etwas anderes als "rechtssicher umsetzbar".
Fazit
Die Linke und die Grünen wollen den Volksentscheid von 2021 endlich umsetzen, CDU und Wirtschaft lehnen ab. Aber selbst ein Wahlsieg der Befürworter führt nicht automatisch zur Enteignung: Das Rahmengesetz ist nur ein erster Schritt, tritt frühestens 2028 in Kraft, und ob die Entschädigung von 40 bis 60 % vor Gericht Bestand hätte, ist die teuerste offene Frage der ganzen Debatte. Ein weiterer Volksentscheid über das eigentliche Gesetz wäre frühestens 2027 zu erwarten — zwischen dem Votum von 2021 und einer tatsächlichen Umsetzung lägen damit im günstigsten Fall über sechs Jahre.
Häufige Fragen
57,6 % stimmten für die Vergesellschaftung privater Wohnungsunternehmen mit über 3.000 Wohnungen.
220.000 betroffene Wohnungen, Entschädigung bei 40-60 % des Verkehrswerts über 100-jährige Anleihen.
Rund 138.245, Marktwert 23,24 Mrd. €.
Nein, nur Rahmenbedingungen, tritt erst 2028 in Kraft.
Senat: 28,8-36 Mrd. €. Initiative: nur 7,3-13,7 Mrd. €.


