Gerrymandering erklärt — Wahlkreismanipulation in den USA
Key-Facts: Gerrymandering
- Definition: Gezieltes Zuschneiden von Wahlkreisen zum Vorteil einer Partei
- Name: Nach Gouverneur Elbridge Gerry (1812), dessen Wahlkreis einem Salamander ähnelte
- Techniken: „Packing" (Konzentration) und „Cracking" (Aufteilung) gegnerischer Wähler
- Rechtslage: Parteipolitisches Gerrymandering ist legal (Supreme Court, 2019)
- Neuverteilung: Alle 10 Jahre nach dem Census (Volkszählung)
Gerrymandering ist eine der umstrittensten Praktiken im US-Wahlsystem. Dabei werden die Grenzen von Wahlkreisen bewusst so gezogen, dass eine Partei systematisch bevorzugt wird — oft mit dramatischen Folgen für die demokratische Repräsentation. In Deutschland legt ein unabhängiger Ausschuss die Wahlkreisgrenzen fest; in den USA liegt diese Macht in den meisten Staaten bei den gewählten Parlamenten — also bei den Parteien selbst.
Der Begriff geht auf den Gouverneur von Massachusetts, Elbridge Gerry, zurück. Als Gerry 1812 ein Gesetz zur Neuordnung der Senatswahlkreise in Massachusetts unterzeichnete, fiel einem Zeichner der Zeitung Boston Gazette auf, dass einer der neuen Wahlkreise im Essex County eine bizarre, langgestreckte Form hatte. Der Karikaturist fügte dem Umriss Flügel, Krallen und einen Kopf hinzu — das Ergebnis ähnelte einem Salamander. Die Zeitung veröffentlichte die Karikatur unter der Überschrift „The Gerry-Mander", ein Kofferwort aus Gerrys Name und „Salamander". Der Begriff setzte sich sofort durch und wird bis heute verwendet, obwohl Gerry selbst seinen Nachnamen mit hartem G aussprach („Gary"), während „Gerrymandering" heute mit weichem G gesprochen wird.
Wie funktioniert Gerrymandering?
Es gibt zwei grundlegende Techniken:
Packing
Möglichst viele Wähler der Gegenpartei werden in wenige Wahlkreise gepackt. Die Gegenpartei gewinnt diese Kreise mit großer Mehrheit (z.B. 80–20), „verschwendet" aber viele Stimmen. In den übrigen Wahlkreisen hat die manipulierende Partei dann eine komfortable Mehrheit.
Cracking
Wähler der Gegenpartei werden auf viele Wahlkreise aufgeteilt, sodass sie nirgends eine Mehrheit erreichen. Eine Stadt, die geschlossen demokratisch wählen würde, wird beispielsweise auf mehrere ländliche Wahlkreise aufgeteilt.
Beispielrechnung
| Szenario | Gesamtstimmen Partei A | Gesamtstimmen Partei B | Gewonnene Wahlkreise A | Gewonnene Wahlkreise B |
|---|---|---|---|---|
| Faire Verteilung | 60% | 40% | 6 von 10 | 4 von 10 |
| Gerrymandering (Packing) | 60% | 40% | 4 von 10 | 6 von 10 |
| Gerrymandering (Cracking) | 60% | 40% | 3 von 10 | 7 von 10 |
Die Tabelle zeigt: Durch geschicktes Gerrymandering kann eine Partei mit nur 40% der Stimmen trotzdem die Mehrheit der Wahlkreise gewinnen. Das Ergebnis wird verzerrt, ohne dass eine einzige Stimme manipuliert wird.
Reale Beispiele
Gerrymandering ist kein theoretisches Problem — es beeinflusst aktuell die Machtverhältnisse in zahlreichen Bundesstaaten:
- North Carolina: Bei den Kongresswahlen 2022 erhielten Republikaner 50% der Stimmen, gewannen aber 10 von 14 Sitzen durch extreme Wahlkreiszuschnitte
- Maryland: Demokraten gestalteten einen Wahlkreis so, dass ein zuvor sicher republikanischer Sitz demokratisch wurde
- Wisconsin: Republikaner gewannen 2018 trotz weniger Gesamtstimmen fast zwei Drittel der Sitze im Staatsparlament
- Ohio: Republikanische Wahlkreiskarten wurden mehrfach von Gerichten für verfassungswidrig erklärt, ohne dass dies zu Änderungen führte
Rechtliche Situation
Der Supreme Court hat 2019 im Fall Rucho v. Common Cause entschieden, dass Bundesgerichte für parteipolitisches Gerrymandering nicht zuständig sind. Das bedeutet: Es gibt auf Bundesebene keine rechtliche Möglichkeit, parteipolitisches Gerrymandering zu verhindern. Nur auf Staatenebene sind Klagen möglich — einige Staatsverfassungen verbieten extreme Wahlkreiszuschnitte.
Anders verhält es sich bei rassistischem Gerrymandering: Der Voting Rights Act von 1965 verbietet es, Wahlkreise so zu schneiden, dass die Stimmkraft von Minderheiten geschwächt wird. In der Praxis ist die Grenze zwischen parteipolitischem und rassistischem Gerrymandering jedoch oft fließend.
Reformansätze
Verschiedene Bundesstaaten haben Reformen eingeführt, um Gerrymandering einzudämmen:
| Reform | Beschreibung | Angewendet in |
|---|---|---|
| Unabhängige Kommissionen | Nichtparteiliche Gremien ziehen die Wahlkreisgrenzen | Kalifornien, Arizona, Michigan, Colorado |
| Algorithmen | Computergesteuerte, neutrale Wahlkreiszuschnitte | Pilotprojekte in mehreren Staaten |
| Gerichtliche Kontrolle | Staatliche Gerichte überprüfen die Karten | Pennsylvania, North Carolina, Ohio |
| Ranked Choice Voting | Verringert die Auswirkungen von Gerrymandering | Alaska, Maine |
Im deutschen System ist Gerrymandering praktisch unmöglich: Die Zweitstimme bestimmt die proportionale Sitzverteilung, und die Wahlkreise für die Erststimme werden von einer unabhängigen Kommission gezogen.
2010: REDMAP-Strategie – Republikaner sichern Congres-Mehrheit durch Wahlkreiszuschnitt
Im Jahr 2010 starteten die Republikaner die "REDMAP"-Strategie: Gewinne in staatlichen Parlamentswahlen, um die Wahlkreise nach dem Zensus neu zu ziehen. Sie gewannen 11 Gouverneurs- und 20 Landtags-Mehrheiten im Jubeljahr 2010. Das Ergebnis: Republikanische Legislaturen zeichneten Wahlkreise in Pennsylvania, Ohio, Michigan und Wisconsin so, dass Demokraten Sitze verloren, obwohl sie mehr Gesamtstimmen hatten. 2012 gewannen Demokraten 1,4 Millionen mehr Stimmen als Republikaner für das Repräsentantenhaus – aber die Republikaner behielten die Mehrheit mit 33 Sitzen Vorsprung. Gerrymandering ist der effizienteste legale Weg, eine Wahlminderheit in eine parlamentarische Mehrheit zu verwandeln.
Häufige Fragen
Was ist Gerrymandering?
Gerrymandering bezeichnet das gezielte Zuschneiden von Wahlkreisen, um einer bestimmten Partei einen Vorteil zu verschaffen. Die regierende Partei eines Bundesstaates legt die Wahlkreisgrenzen so fest, dass ihre Kandidaten in möglichst vielen Bezirken eine Mehrheit erhalten.
Ist Gerrymandering legal?
Parteipolitisches Gerrymandering ist in den USA grundsätzlich legal. Der Supreme Court entschied 2019 im Fall Rucho v. Common Cause, dass Bundesgerichte nicht zuständig sind, parteipolitisches Gerrymandering zu beurteilen. Rassistisches Gerrymandering ist hingegen durch den Voting Rights Act verboten.
Wie funktioniert Gerrymandering?
Es gibt zwei Haupttechniken: Packing (möglichst viele Wähler der Gegenpartei in wenige Wahlkreise konzentrieren) und Cracking (Wähler der Gegenpartei auf viele Wahlkreise aufteilen, sodass sie nirgends eine Mehrheit haben).
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