Paar im Park — Symbol für den Aufbruch in eine gemeinsame politische Zukunft nach der Wiedervereinigung

Die erste gesamtdeutsche Wahl 1990 — Ein Land, eine Stimme

Key-Facts: Bundestagswahl 1990

  • Datum: 2. Dezember 1990
  • Wahlberechtigte: 60,4 Millionen (erstmals Ost + West)
  • Wahlbeteiligung: 77,8% (West: 78,6%, Ost: 74,5%)
  • Sieger: CDU/CSU mit 43,8% (319 Sitze)
  • Sonderregel: Getrennte Fünf-Prozent-Hürde für Ost und West
  • Bundestag: 662 Abgeordnete (größter bis dahin)

Am 2. Dezember 1990 gingen erstmals seit 1932 wieder Wähler aus allen Teilen Deutschlands gemeinsam an die Urnen. Nur zwei Monate nach der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 wählten über 60 Millionen Wahlberechtigte den 12. Deutschen Bundestag. Es war eine Wahl von historischer Tragweite — und zugleich eine Wahl unter Sonderbedingungen, die das Wahlrecht vor ungekannte Herausforderungen stellte.

Timeline: Vom Mauerfall zur gesamtdeutschen Wahl

DatumEreignisBedeutung
9. Nov. 1989Fall der Berliner MauerEnde der deutschen Teilung beginnt; Massenflucht und Euphorie
28. Nov. 1989Kohls 10-Punkte-ProgrammErster konkreter Plan zur Wiedervereinigung im Bundestag vorgestellt
7. Dez. 1989Runder Tisch in Berlin (Ost)Opposition und SED verhandeln über den Weg zur Demokratie
28. Jan. 1990Volkskammerwahl auf 18. März vorgezogenUrsprünglich für Mai geplant; Druck der Straße beschleunigt den Prozess
18. März 1990Erste freie Volkskammerwahl93,4% Beteiligung; „Allianz für Deutschland" gewinnt überraschend mit 48%
6. Mai 1990Erste freie Kommunalwahlen (DDR)Demokratische Legitimation auf lokaler Ebene
1. Juli 1990Währungs-, Wirtschafts- und SozialunionD-Mark in der DDR; wirtschaftlicher Zusammenbruch vieler Betriebe beginnt
14. Okt. 1990Landtagswahlen in 5 neuen BundesländernWiederherstellung der Länderstruktur; CDU gewinnt in 4 von 5 Ländern
3. Okt. 1990Tag der Deutschen EinheitDDR tritt dem Geltungsbereich des Grundgesetzes bei
25. Nov. 1990BVerfG: Getrennte 5%-HürdeSicherung der Repräsentation ostdeutscher Kleinparteien
2. Dez. 1990Erste gesamtdeutsche Bundestagswahl60,4 Mio. Wahlberechtigte; CDU/CSU gewinnt mit 43,8%
17. Jan. 1991Helmut Kohl zum Kanzler gewähltErste gesamtdeutsche Regierung; schwarz-gelbe Koalition

Der Weg zur Wahl: Von der Maueröffnung zur Einheit

Die Chronologie war atemberaubend — und historisch beispiellos. In nur 13 Monaten verwandelte sich ein geteiltes Land in eine geeinte Demokratie. Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer. Am 18. März 1990 wählten die DDR-Bürger in der ersten und einzigen freien DDR-Wahl die Volkskammer. Am 1. Juli 1990 trat die Währungsunion in Kraft. Am 3. Oktober 1990 wurde die Wiedervereinigung vollzogen. Und nur 60 Tage später stand die erste gesamtdeutsche Bundestagswahl an.

Diese Geschwindigkeit stellte die Wahlorganisation vor enorme logistische Herausforderungen: In den neuen Bundesländern mussten Wählerverzeichnisse erstellt, Wahllokale eingerichtet und Wahlhelfer geschult werden — alles in kürzester Zeit und nach einem System, das für die Bürger der ehemaligen DDR völlig neu war. Viele Ostdeutsche hielten zum ersten Mal einen Stimmzettel mit einer echten Auswahl in der Hand — nach 40 Jahren Einheitsliste eine emotionale Erfahrung, die Zeitzeugen noch heute beschreiben.

Sonderregeln: Die getrennte Fünf-Prozent-Hürde

Das Bundesverfassungsgericht hatte im September 1990 eine weitreichende Entscheidung getroffen: Die Fünf-Prozent-Hürde durfte nicht einheitlich für ganz Deutschland gelten, da die Parteien in den neuen Bundesländern noch keine etablierten Strukturen hatten. Stattdessen galt:

Stimmzettel und Wahlurne — Abstimmung bei der Bundestagswahl in Deutschland
Die Stimmabgabe — Herzstück der deutschen Demokratie.
  • Altes Bundesgebiet (West): 5%-Hürde bezogen auf das westdeutsche Ergebnis
  • Neue Bundesländer (Ost): 5%-Hürde bezogen auf das ostdeutsche Ergebnis
  • Parteien konnten Listenvereinigungen bilden, um die Hürde gemeinsam zu überspringen

Diese Regelung ermöglichte es Bündnis 90 (später fusioniert mit den Grünen), mit 6,0% in den neuen Bundesländern in den Bundestag einzuziehen, obwohl sie gesamtdeutsch unter 5% lagen. Die West-Grünen hingegen scheiterten im Westen an der Hürde (4,8%) und waren erstmals nicht im Bundestag vertreten.

Die Ergebnisse im Detail

ParteiGesamtWestOstSitze
CDU/CSU43,8%44,3%41,8%319
SPD33,5%35,7%24,3%239
FDP11,0%10,6%12,9%79
PDS2,4%0,3%11,1%17
Bündnis 90/Grüne (Ost)1,2%6,0%8
Grüne (West)3,8%4,8%0
Sonstige4,3%0

Die CDU/CSU unter Helmut Kohl gewann die „Einheitswahl" deutlich. Kohl, der als „Kanzler der Einheit" antrat, profitierte von der Euphorie der Wiedervereinigung. Die SPD unter Oskar Lafontaine, der sich kritisch zur Geschwindigkeit der Einheit geäußert hatte, kam auf nur 33,5%.

Ehepaar beim Spaziergang im Park — Symbol für das Zusammenwachsen von Ost und West
Zusammenwachsen braucht Zeit: Die Wahlunterschiede zwischen Ost und West prägen die Politik bis heute.

Ost-West-Unterschiede im Wahlverhalten

Bereits bei dieser ersten gemeinsamen Wahl zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen Ost und West:

  • PDS: Im Osten 11,1%, im Westen faktisch nicht existent (0,3%). Die SED-Nachfolgerin war eine rein ostdeutsche Partei.
  • SPD: Im Westen mit 35,7% deutlich stärker als im Osten (24,3%). Die SPD hatte in der DDR keine gewachsene Tradition.
  • FDP: Im Osten mit 12,9% überraschend stark — die LDPD-Wähler wechselten zur FDP.
  • Wahlbeteiligung: Im Westen 78,6%, im Osten 74,5% — ein Unterschied, der sich in den folgenden Jahrzehnten verstärkte.

Diese Unterschiede im Ost-West-Wahlverhalten prägen die deutsche Politik bis heute. Die PDS/Linke und später die AfD waren und sind in Ostdeutschland deutlich stärker als im Westen.

Die Regierungsbildung

Helmut Kohl bildete eine Koalition aus CDU/CSU und FDP — eine klassische schwarz-gelbe Regierung mit komfortabler Mehrheit. Mit 398 von 662 Sitzen (60,1%) hatte die Koalition einen soliden Vorsprung. Kohl wurde am 17. Januar 1991 zum Bundeskanzler gewählt und regierte bis 1998.

Die Legislaturperiode war geprägt von den Herausforderungen der Einheit: dem Aufbau Ost, dem Solidaritätszuschlag, der Privatisierung der DDR-Wirtschaft durch die Treuhandanstalt und den wachsenden Kosten der Wiedervereinigung.

Bedeutung für das Wahlrecht

Die Wahl 1990 war in mehrfacher Hinsicht ein Präzedenzfall:

  1. Getrennte Hürden: Einmalige Sonderregelung, die bei der nächsten Wahl 1994 nicht mehr galt
  2. Wahlkreis-Neuzuschnitt: 328 Wahlkreise (vorher 248) mussten neu zugeschnitten werden
  3. Listenvereinigungen: Ermöglichten ostdeutschen Bürgerrechtlern den Einzug in den Bundestag
  4. Bundestags-Vergrößerung: Mit 662 Sitzen war der 12. Bundestag der bis dahin größte

Ab 1994 galt wieder die einheitliche Fünf-Prozent-Hürde für das gesamte Bundesgebiet. Die Sonderregelung von 1990 blieb ein einmaliges Zugeständnis an die historische Ausnahmesituation.

Die emotionale Dimension: Mehr als eine Wahl

Die Bundestagswahl 1990 war mehr als ein demokratischer Routine-Akt. Für die 16 Millionen Ostdeutschen war es die erste Bundestagswahl überhaupt — die erste Wahl, bei der ihre Stimme tatsächlich über die Regierung eines freien Landes entschied. Für die Westdeutschen war es die Bestätigung, dass die Einheit keine abstrakte Idee mehr war, sondern gelebte Realität.

In den Wahllokalen der neuen Bundesländer spielten sich teils rührende Szenen ab: Ältere Bürger, die zum letzten Mal 1932 eine echte Wahl erlebt hatten, standen neben Erstwählern, die im März 1990 erstmals frei gewählt hatten und nun innerhalb eines Jahres an ihrer zweiten demokratischen Wahl teilnahmen. Die relativ niedrige Wahlbeteiligung im Osten (74,5%) wurde vielfach nicht als Desinteresse interpretiert, sondern als Folge der Überforderung: vier Wahlen in neun Monaten (Volkskammer, Kommunal, Landtag, Bundestag), ein komplett neues politisches System und eine Wirtschaft im freien Fall.

Das Erbe der Wiedervereinigungswahl

Die Wahl 1990 schuf Muster, die das deutsche Parteiensystem über Jahrzehnte prägten. Die PDS (später Linke, heute teilweise BSW) blieb eine fast rein ostdeutsche Partei. Die FDP war im Osten überproportional stark — ein Effekt, der sich später umkehrte. Und der Unterschied in der Wahlbeteiligung zwischen Ost und West, der 1990 bei rund 4 Prozentpunkten lag, wuchs in den Folgejahrzehnten auf teilweise über 8 Punkte an, bevor er sich 2025 wieder etwas verkleinerte.

Die erste gesamtdeutsche Wahl war auch der Beginn einer fortdauernden Debatte: Wie lange dauert es, bis Ost und West nicht nur formal, sondern auch in ihrem Wahlverhalten zusammenwachsen? 35 Jahre später ist die Antwort: noch nicht ganz. Die Bundestagswahl 2025 zeigte, dass die AfD in Ostdeutschland in mehreren Wahlkreisen das Direktmandat gewann — ein Phänomen, das in den alten Bundesländern so nicht auftritt und die These der „zwei politischen Kulturen" innerhalb Deutschlands bestätigt.

Quellen: bpb.de — Deutsche Einheit, bundestag.de, Deutsches Historisches Museum

Zwei Wahlgebiete, ein Land: Das einmalige Rechtskonstrukt vom 2. Dezember 1990

Die erste gesamtdeutsche Bundestagswahl am 2. Dezember 1990 erforderte eine verfassungsrechtliche Notlösung, die es so nie zuvor — und nie danach — gegeben hat: Das Bundesverfassungsgericht entschied am 29. September 1990, dass die 5-Prozent-Hürde nicht bundeseinheitlich, sondern getrennt für West- und Ostdeutschland gelten müsse. Die Begründung: Die neuen Bundesländer seien politisch und organisatorisch nicht auf Auguhöhe mit dem Westen — eine einheitliche Hürde würde ostdeutsche Parteien strukturell benachteiligen. Das Ergebnis war historisch: Die Grünen (West) holten 4,8 Prozent bundesweit — und scheiterten im Wahlgebiet West mit 4,7 Prozent. Sie flogen raus. Bündnis 90 (Ost) zog dagegen mit 6,0 Prozent im Osten ein. Die PDS erreichte bundesweit 2,4 Prozent, im Osten aber 11,1 Prozent — und war damit im Bundestag. Ab 1994 galt wieder eine bundeseinheitliche 5-Prozent-Hürde. Die Ausnahme 1990 blieb ein Einzelfall in 75 Jahren Bundesrepublik.

2021: Öst-West-Wahlverhalten – 35 Jahre nach der Einheit noch immer verschieden

Bei der Bundestagswahl 2021: Im Westen gewann CDU/CSU mit 28 Prozent (vs. 23 im Osten). SPD 26 Prozent (West) vs. 24 Prozent (Ost). AfD 9 Prozent (West) vs. 18 Prozent (Ost). Die Linke 3 Prozent (West) vs. 11 Prozent (Ost). 30 Jahre nach der Einheit: Das Wahlverhalten unterscheidet sich signifikant. Erklärungen: Andere Wirtschaftsstruktur (Industrieabbau Ost, Fachkräftemangel), andere Sozialisation (DDR-Erfahrung prägt), andere demografische Zusammensetzung (älter, homogener). Die Konvergenz des Wahlverhaltens kommt langsam – vielleicht dauert es noch eine Generation.

Häufige Fragen

Wann fand die erste gesamtdeutsche Bundestagswahl statt?

Am 2. Dezember 1990, genau zwei Monate nach der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990. Es war die Wahl zum 12. Deutschen Bundestag.

Welche Sonderregeln galten bei der Wahl 1990?

Die Fünf-Prozent-Hürde galt getrennt für das alte Bundesgebiet und die neuen Bundesländer. So konnten auch kleinere Ost-Parteien wie Bündnis 90 in den Bundestag einziehen, obwohl sie gesamtdeutsch unter 5% lagen.

Wer gewann die Bundestagswahl 1990?

Die CDU/CSU unter Helmut Kohl gewann mit 43,8% der Stimmen deutlich. Die SPD kam auf 33,5%, die FDP auf 11,0%. Kohl regierte in einer schwarz-gelben Koalition weiter.

Wie hoch war die Wahlbeteiligung 1990?

Die Wahlbeteiligung lag bei 77,8% — im Westen bei 78,6%, in den neuen Bundesländern bei 74,5%. Für eine Bundestagswahl war das ein relativ niedriger Wert, was auf die Umbruchsituation zurückgeführt wird.

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