Fraktionssitzung im Bundestag — CDU/CSU-Abgeordnete

CDU/CSU Wählerstruktur — Alter, Geschlecht, Bildung und Region

Die CDU/CSU wählt man nicht — man wächst in sie hinein. Oder? Das Klischee der Unions-Wählerschaft lautet: älter, ländlich, katholisch, gut verdienend. Und tatsächlich steckt in jedem dieser Punkte Wahrheit. Doch die CDU/CSU ist eine Volkspartei, und Volksparteien sind komplizierter als ihre Klischees. Wer genauer hinschaut, entdeckt eine Wählerschaft im Wandel.

Alter: Der stärkste Faktor

Keine andere demografische Variable erklärt die CDU/CSU-Wahl so zuverlässig wie das Alter. Je älter, desto Union — das gilt seit Jahrzehnten und hat sich unter Merz noch verschärft.

Altersgruppe CDU/CSU-Anteil (BTW 2025) Tendenz Vergleich BTW 2021
18–24 Jahre ca. 20 % Unterdurchschnittlich ca. 15 %
25–34 Jahre ca. 23 % Unterdurchschnittlich ca. 18 %
35–44 Jahre ca. 27 % Durchschnittlich ca. 22 %
45–59 Jahre ca. 30 % Leicht überdurchschnittlich ca. 25 %
60–69 Jahre ca. 35 % Überdurchschnittlich ca. 30 %
70 Jahre und älter ca. 38 % Stark überdurchschnittlich ca. 35 %

Was dabei oft untergeht: Dieser Alterseffekt ist zugleich Stärke und Risiko. Ältere Wähler gehen zuverlässiger zur Wahl — die CDU/CSU profitiert von hoher Wahlbeteiligung. Aber wenn die Generation der treuen Stammwähler wegfällt, droht ein Einbruch. Die Partei gewinnt zwar bei jungen Wählern gegenüber 2021 hinzu (von 15 auf 20 Prozent bei 18–24-Jährigen), doch der Abstand zur älteren Wählerschaft bleibt enorm.

Key-Facts: CDU/CSU-Wählerschaft

  • Stärkste Altersgruppe: Über 60 Jahre
  • Geschlecht: Weitgehend ausgeglichen, leicht mehr Frauen
  • Bildung: Überdurchschnittlich bei mittlerer und höherer Bildung
  • Region: Stärker in Westdeutschland, ländlichen Räumen
  • Beruf: Stark bei Selbstständigen, Beamten, Rentnern

Geschlecht: Eine Überraschung

Entgegen der Intuition wurde die CDU/CSU historisch von Frauen häufiger gewählt als von Männern. Der Grund liegt in der konfessionellen Bindung: Katholische Frauen waren besonders treue CDU-Wählerinnen. Unter Angela Merkel verstärkte sich dieser Effekt — ihre moderate, pragmatische Art sprach Frauen gezielt an.

Seit Merz hat sich das Geschlechterverhältnis angeglichen. Die konservativere Ausrichtung zieht wieder mehr männliche Wähler an, während der Frauenvorsprung schmilzt. Insgesamt bleibt die Verteilung aber relativ ausgewogen — ein Merkmal einer funktionierenden Volkspartei.

Reichstag Berlin — Sitz der CDU/CSU-Bundestagsfraktion
Die CDU/CSU will als Volkspartei alle Bevölkerungsgruppen ansprechen — Geschlechter, Altersgruppen und Regionen.

Beruf und Bildung: Kein reiner Besserverdiener-Club

Ja, Selbstständige und Unternehmer wählen überdurchschnittlich CDU/CSU — das wirtschaftsfreundliche Programm spricht sie an. Ja, Beamte gehören zu den treuesten Unterstützern. Und ja, Rentner sind die zuverlässigste Wählergruppe.

CDU/CSU Wählerstruktur — Analyse nach Bildung und Berufsgruppe
CDU/CSU-Kernmilieu: Selbständige, Beamte und Rentner wählen überdurchschnittlich Union — doch die Partei ist keine reine Besserverdiener-Partei.

Aber: Die CDU/CSU ist in allen Bildungsschichten vertreten. Akademiker wählen die Union häufiger als den Durchschnitt, allerdings schwächer als früher — hier konkurrieren vor allem die Grünen. Arbeiter wählen unterdurchschnittlich CDU/CSU — die SPD liegt hier traditionell vorn, auch wenn die AfD massiv in dieses Segment vorgedrungen ist.

Region: Wo die Milieus liegen

Die CDU/CSU-Karte ist ein Abbild der deutschen Konfessionsgeschichte. In katholischen Regionen Westdeutschlands — Münsterland, Emsland, Oberschwaben, Eifel — erreicht die Union Ergebnisse, die anderswo undenkbar wären. In protestantischen Gebieten ist der Vorsprung geringer. In den konfessionslosen ostdeutschen Ländern fehlt diese Bindung fast vollständig.

Bemerkenswert ist der Stadt-Land-Graben: In Großstädten schneidet die CDU/CSU systematisch schwächer ab. Universitätsstädte wie Freiburg, Tübingen oder Münster sind Hochburgen der Grünen. In ostdeutschen Städten wie Dresden oder Leipzig liegt häufig die AfD vorn. Das ländliche Westdeutschland bleibt das Rückgrat der CDU-Wählerschaft.

Wie sich die Wählerschaft verändert hat

Unter Merkel verschob sich die CDU-Wählerschaft spürbar zur Mitte: Neue Wähler im urbanen, liberalen Milieu; Verluste am konservativen Rand. Unter Merz die teilweise Umkehr: Konservative kehren zurück, der linksliberale Flügel der CDU-Wählerschaft wird schwächer. Die Auflösung des katholischen Stammwählermilieus — einst das Fundament der CDU — ist ein Langzeittrend, gegen den keine Personalentscheidung ankommt.

2021: CDU verliert Arbeiter an AfD und Akademiker an Grüne – Volkspartei unter Druck

Bei der Bundestagswahl 2021 hatte die CDU seit 2017 unter Arbeitern 6 Prozentpunkte verloren (an AfD), unter Hochschulabsolventen 4 Punkte (an Grüne). Die Partei blieb staerkste Kraft in kirchlichen Milieus und bei Rentnern, verlor aber in fast jeder juengeren Altersgruppe. Für eine Volkspartei, die alle gesellschaftlichen Schichten ansprechen will, war es ein Alarmsignal: Die Basis schrumpfte auf Aeltere und Laendliche.

1990: Der Ostdeutsche Wähler rettet Helmut Kohl

Die Bundestagswahl 1990 – die erste gesamtdeutsche Wahl nach der Wiedervereinigung – zählte als Meisterstück der CDU-Demoskopie. In Westdeutschland lag Kohl nur knapp vor der SPD. Doch die neuen ostdeutschen Bundesländer stimmten massiv für CDU und Verbundparteien: In der ehemaligen DDR erreichte die CDU-geführte Allianz über 48 Prozent. Das „Versprechen blühender Landschaften" und die Kohlsche Personenidentifikation mit der Einheit waren entscheidend. Es war das Geburtsjahr der ostdeutschen CDU-Wählerschaft – die sich allerdings in den folgenden Jahrzehnten zunehmend von der Union abwandte: Heute ist in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt die AfD die stärkste Kraft unter Ostdeutschen.

CDU/CSU 2025: Merz und die Rückkehr zur Mitte-rechts-Profilierung

Friedrich Merz hat das CDU-Wählerprofil sichtbar verändert. Die Sicherheits- und Migrationspolitik wurde als Kernthema nach vorne gestellt — ein Schritt, der gezielt AfD-Wähler zurückgewinnen soll. Bei der Bundestagswahl 2025 erzielte die Union 28,5 Prozent — ein solides, aber nicht überragendes Ergebnis. Die entscheidende Frage für die CDU-Wählerstruktur: Wer kommt, der neu gewonnen wird, und wer geht, der vorher der moderateren Merkel-CDU die Treue gehalten hat?

Erste Analysen zeigen: Männer unter 45 kehren stärker zur CDU zurück als Frauen. Das ist die Umkehrung des Merkel-Effekts. Akademikerinnen in Universitätsstädten, die 2021 noch Union gewählt hatten, wandern zu den Grünen oder bleiben zu Hause. Wer langfristig stark sein will, muss beides im Blick haben: die Rückeroberung der rechten Mitte und die Bindung der liberalen Mitte.

CSU vs. CDU: Zwei Wählerstrukturen, eine Fraktion

Die CSU hat eine eigene Wählerstruktur, die sich von der CDU unterscheidet. In Bayern ist die CSU die dominante Kraft — 37,4 Prozent bei der Bundestagswahl 2025, deutlich über dem CDU-Bundesschnitt. Die Wählerschaft ist ähnlich strukturiert: älter, ländlicher, stärker konfessionell gebunden. Aber die CSU hat eine stärkere Eigenidentität — sie spricht eine spezifisch bayerische Tradition an. Zudem hat die CSU-Wählerschaft einen höheren Anteil an Landwirten und kleinen Unternehmern, was die Positionierung in der Agrarpolitik erklärt. Die Freien Wähler (Bayern) haben der CSU in bestimmten Segmenten zugesetzt — besonders bei Mittelstand und Handwerk.

Der Kirchturm-Faktor: Warum konfessionelle Bindung noch immer zählt

Wer in einem Dorf im Emsland oder Münsterland aufgewachsen ist, weiß: CDU-Wählen ist dort kein politischer Akt, es ist ein kultureller. Auch wenn die Kirchenbindung nachlässt und die Sonntagsmessen leerer werden — die politische Sozialisation bleibt. Wer als Kind von CDU-Eltern erzogen wurde, neigt stark dazu, CDU zu wählen, auch wenn er nicht mehr jeden Sonntag in die Kirche geht. Dieser Habitus-Effekt ist messsetzbar: In Gemeinden mit über 60 Prozent Katholikenanteil erzielt die CDU regelmäßig über 40 Prozent — unabhängig von Wirtschaftslage oder Spitzenkandidaten.

Häufige Fragen

Welche Altersgruppe wählt am häufigsten CDU/CSU?

Die CDU/CSU ist bei älteren Wählern besonders stark. In der Altersgruppe über 60 Jahre erzielt die Union regelmäßig ihre besten Ergebnisse mit Werten über 35 Prozent. Bei unter 30-Jährigen liegt die CDU/CSU deutlich niedriger.

Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen bei der CDU/CSU-Wahl?

Historisch wurde die CDU/CSU von Frauen etwas häufiger gewählt. Unter Merkel verstärkte sich dieser Trend. Seit der konservativeren Ausrichtung unter Merz hat sich das Geschlechterverhältnis angeglichen.

Ist die CDU/CSU eine Partei der Besserverdienenden?

Die CDU/CSU wird überdurchschnittlich von mittleren und höheren Einkommensgruppen gewählt. Als Volkspartei ist sie in allen Schichten vertreten — besonders stark bei Selbstständigen, Beamten und Rentnern.

In welchen Regionen ist die CDU/CSU besonders stark?

Hochburgen sind katholisch geprägte ländliche Regionen in Westdeutschland: Münsterland, Emsland, Oberschwaben und Eifel. In ostdeutschen Ländern ist die Union dagegen schwach — dort dominiert die AfD. Die CSU erzielt in Bayern regelmäßig über 37 Prozent.

Warum verliert die CDU/CSU Wähler an die AfD?

Die CDU/CSU verliert vor allem bei Arbeitern und in ostdeutschen Ländern Wähler an die AfD. Migration, Sicherheit und wirtschaftliche Abstiegsangst mobilisieren diese Gruppen für die AfD. Merz versucht mit konservativerer Ausrichtung gegenzusteuern — mit begrenztem Erfolg.

Wie hat sich die CDU/CSU-Wählerschaft unter Merz verändert?

Unter Friedrich Merz kehren Männer unter 45 stärker zur CDU zurück. Gleichzeitig verliert die Partei Akademikerinnen in urbanen Milieus, die zu SPD oder Grünen wechseln. Die konservativere Ausrichtung gewinnt rechts Stimmen zurück, kostet aber links der Mitte.

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