Frau im Büro betrachtet Umfragewerte auf dem Monitor

Prognose — Definition, Methoden und Unterschied zur Hochrechnung

18:00 Uhr, Wahlsonntag. In der ARD erscheint ein Balkendiagramm. CDU/CSU vorne, dahinter AfD und SPD. Die Zahlen sind noch keine echten Ergebnisse — kein einziger Stimmzettel wurde zu diesem Zeitpunkt öffentlich ausgezählt. Was die Zuschauer sehen, ist die 18-Uhr-Prognose: eine Schätzung, die auf Befragungen von Wählern basiert, die gerade das Wahllokal verlassen haben.

Instrument Zeitpunkt Basis Genauigkeit
SonntagsfrageWochen vorherTelefon/OnlineStimmungsbild
Prognose18:00 UhrExit Poll± 1–2 Punkte
HochrechnungAb 18:15Echte AuszählungWird immer genauer
Vorläufiges ErgebnisNachtAlle Stimmen~100%

Die Prognose ist erstaunlich treffsicher: Typischerweise weicht sie nur ein bis zwei Prozentpunkte vom Endergebnis ab. Der Grund: Es werden nicht Wahlabsichten gefragt, sondern tatsächliches Verhalten. Wer das Wahllokal verlassen hat, hat bereits gewählt — da gibt es wenig Raum für Unsicherheit.

Trotzdem gibt es blinde Flecken: Briefwähler können nicht vor dem Wahllokal befragt werden — und 2025 machten sie rund 40% aus. Ihre Stimmen werden geschätzt. Außerdem verzerrt soziale Erwünschtheit die Antworten: Manche Wähler geben ungern zu, wen sie tatsächlich gewählt haben.

Der denkwürdige Wahlabend 2005: Wie eine Prognose die Politik veränderte

Bundestagswahl 2005 — und eine 18-Uhr-Prognose, die Geschichte schrieb. Angela Merkel war in den Wochen zuvor als sichere Siegerin gehandelt worden: Umfragen sahen CDU/CSU bei 41 bis 42 Prozent. Dann, punkt 18 Uhr: CDU/CSU 35,5 Prozent, SPD 34,5 Prozent. Ein Prozentpunkt Abstand. Ein Schock für das Unions-Lager — und die Geburtsstunde der Großen Koalition unter Merkel.

Was passiert war: Gerhard Schröders SPD hatte einen Sprint-Endspurt hingelegt, befördert durch Schröders persönliche Beliebtheit und einen missglückten Wahlkampfauftritt von Merkel-Berater Paul Kirchhof. Die Prognose zeigte, was die Umfragen vorher nicht hatten erfassen können: eine Stimmungsverschiebung in der letzten Woche vor der Wahl. Das Endresultat bestätigte die Prognose: CDU/CSU 35,2 Prozent, SPD 34,2 Prozent.

Warum 18 Uhr? Die Sperrfrist als demokratische Schutzregel

Prognosen dürfen in Deutschland nicht vor Schließung der Wahllokale um 18 Uhr veröffentlicht werden. Diese Sperrfrist ist gesetzlich verankert (§ 32 BWahlG). Der Grund: Wer am Abend noch wählen geht, soll nicht durch bereits bekannte Ergebnisse beeinflusst werden. In Großbritannien war die Sperrfrist 2015 beinahe gefallen — Studien hatten gezeigt, dass früh veröffentlichte Teilergebnisse die Wahlbeteiligung in später schließenden Regionen senken können (sog. Bandwagon- oder Underdog-Effekt).

Die Prognosen der ARD (Infratest dimap) und des ZDF (Forschungsgruppe Wahlen) entstehen übrigens unabhängig voneinander. Beide werden aus unterschiedlichen Exit-Poll-Stichproben abgeleitet und unterscheiden sich bisweilen um einen halben Prozentpunkt. Dass sie einander so stark ähneln, ist kein Zufall, sondern Beleg für die Robustheit der Methode.

Mann verfolgt in der Küche am Tablet einen politischen Livestream
Die 18-Uhr-Prognose ist der spannendste Moment des Wahlabends und wird von Millionen Menschen verfolgt.

Prognose zur Bundestagswahl 2025: Treffsicherheit im Check

Bei der Bundestagswahl am 23. Februar 2025 lag die 18-Uhr-Prognose sehr nah am Endergebnis. CDU/CSU wurde auf 28–29 % geschätzt — tatsächliches Ergebnis: 28,5 %. Die AfD kam auf 20,8 %, die Prognose lag bei 20–21 %. Besonders herausfordernd war 2025 der hohe Briefwahlanteil (ca. 40 %), der die Exit-Poll-Schätzung erschwert. Trotzdem stimmten Prognose und Endergebnis bei allen Parteien auf 1–2 Prozentpunkte genau überein.

Mehr zur Methodik: Bundeswahlleiter.de — offizielle Daten und Ergebnisse aller Bundestagswahlen. Aktuelle Wahltrends zeigen die Sonntagsfrage und das BWU-Analyse-Archiv.

Häufige Fragen

Was ist eine Wahlprognose?

Eine Wahlprognose ist eine Vorhersage des Wahlergebnisses, die am Wahlabend um 18 Uhr auf Basis von Nachwahlbefragungen (Exit Polls) veröffentlicht wird. Sie ist deutlich genauer als Umfragen vor der Wahl.

Was ist der Unterschied zwischen Prognose und Hochrechnung?

Die Prognose basiert auf Nachwahlbefragungen und wird um 18 Uhr veröffentlicht. Hochrechnungen basieren auf tatsächlich ausgezählten Stimmen und werden im Laufe des Wahlabends immer genauer.

Mehr dazu: Sonntagsfrage erklärt · Große Koalition · Politik-News

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