Frau liest Wahlunterlagen für die Briefwahl

Briefwahl — So funktioniert die Stimmabgabe per Post

Bei der Bundestagswahl 2021 wählten über 22 Millionen Deutsche per Brief — fast jeder zweite Wähler. Was vor 20 Jahren noch die Ausnahme war, ist längst zum Normalfall geworden. Und trotzdem wissen viele nicht genau, wie Briefwahl funktioniert, welche Fristen gelten und welche Fehler die Stimme ungültig machen.

Kurz & knapp: Briefwahl

  • Kein Grund nötig seit 2008 — jeder darf per Brief wählen
  • Antrag: Rückseite der Wahlbenachrichtigung oder online
  • Frist: Wahlbrief muss am Wahltag bis 18:00 Uhr beim Wahlamt sein
  • Der Brief ist portofrei — Porto zahlt der Staat

Schritt für Schritt zur Briefwahl

Schritt Was tun? Frist
1. Antrag stellen Rückseite der Wahlbenachrichtigung ausfüllen oder online beantragen Bis Freitag vor der Wahl, 15:00 Uhr
2. Unterlagen erhalten Stimmzettel, Stimmzettelumschlag, Wahlschein, Wahlbriefumschlag Per Post oder persönliche Abholung
3. Wählen Stimmzettel ausfüllen, in Stimmzettelumschlag, eidesstattliche Erklärung unterschreiben Rechtzeitig vor Wahltag
4. Absenden Wahlbrief per Post (portofrei!) oder persönlich abgeben Muss bis Wahltag 18:00 Uhr eingehen

Wichtig: Wer den Wahlschein beantragt hat, kann am Wahltag nicht mehr im ursprünglichen Wahllokal wählen. Allerdings ist es möglich, mit dem Wahlschein in jedem beliebigen Wahllokal des eigenen Wahlkreises zu wählen.

Frau füllt Briefwahlunterlagen aus
Briefwahl am Küchentisch: Bequem, aber die Fristen müssen stimmen.

Der steile Aufstieg der Briefwahl

BundestagswahlBriefwahlanteilBriefwähler (ca.)
200518,7 %8,7 Mio.
200921,4 %9,4 Mio.
201324,3 %10,6 Mio.
201728,6 %13,4 Mio.
202147,3 %22,2 Mio.
2025~42 %~20 Mio.

Die Verdopplung zwischen 2017 und 2021 hat einen Namen: Corona. Aber auch nach der Pandemie blieb der Anteil auf hohem Niveau. Briefwahl ist keine Ausnahme mehr — sie ist eine gleichwertige Art der Stimmabgabe.

Briefwahl: Stimmzettel werden zuhause ausgefüllt — Anleitung und Informationen
Briefwahl: Wähler können ihre Stimme bequem von zuhause abgeben.

Die Schattenseiten

Kritiker sehen zwei Probleme. Erstens: Das Wahlgeheimnis ist nicht garantiert. Niemand kontrolliert, ob der Stimmzettel wirklich allein und unbeeinflusst ausgefüllt wird. Zweitens: Briefwähler entscheiden sich früher. Kurzfristige Ereignisse — ein Skandal, eine Debatte, eine Katastrophe — fließen in ihre Stimme nicht mehr ein. Das kann Wahlergebnisse verzerren, wenn späte Meinungswechsel auftreten.

Das Ende des „Hinderungsgrundes": Wie 1975 die freie Briefwahl entstand

Als 1957 die Briefwahl eingeführt wurde, mussten Wähler einen amtlich anerkannten Grund angeben — Krankheit, Reise, Gebrechlichkeit. Die Gemänden prüften die Angaben, konnten Anträge ablehnen und in Zweifelsfällen einen Arzt einschalten. Dieser Zustand dauerte 18 Jahre. Am 12. März 1975 beschloss der Bundestag die Änderung des Bundeswahlgesetzes — ab sofort war Briefwahl ohne Angabe von Gründen möglich. Die Abstimmung war unspektakulär: 330 Ja-Stimmen, 14 Nein, 6 Enthaltungen. Doch die Folgen waren enorm: 1976 nutzten 5,8 % Briefwahl (vs. 4,5 % in 1957). 1987: 9,9 %. 2013: 24,3 %. 2021: 47,3 %. Jede Liberalisierungsstufe hatte einen sprunghaften Anstieg bewirkt. Der Bundestag ahnte 1975 nicht, dass er einen Prozess in Gang setzte, der 50 Jahre später fast die Hälfte aller Stimmen auf Briefwahlwege lenken würde.

1994: Briefwahl wird erstmals massenweise genutzt – 10 Prozent wählen per Post

Bei der Bundestagswahl 1994 nutzten erstmals über 10 Prozent der Wähler die Briefwahl. Die Briefwahl war seit 1957 möglich, wurde aber jahrelang kaum genutzt: 1957 waren es 4,9 Prozent. 1994 stiegen die Zahlen stark an. 2021: 47 Prozent Briefwähler. 2025: fast 40 Prozent. Die Briefwahl veränderte die Wahllogistik: Stimmen kommen tagelang vor dem Wahlsonntag an. Auszählung dauert länger. Die Gefahr von Wahlausweisfälschungen stieg. Gleichzeitig stieg die Wahlbeteiligung in briefwahlaffinen Gruppen: Ältere, Hochgebildete, Süddeutsche.

Häufige Fragen

Brauche ich einen Grund für die Briefwahl?

Nein. Seit 2008 kann jeder Wahlberechtigte ohne Angabe von Gründen per Brief wählen. Es reicht, die Briefwahlunterlagen zu beantragen.

Was passiert, wenn mein Brief zu spät ankommt?

Der Wahlbrief muss am Wahltag bis 18:00 Uhr beim zuständigen Wahlamt eingegangen sein. Verspätete Briefe werden nicht geöffnet und nicht gezählt — unabhängig vom Grund.

Mehr dazu: Große Koalition · INSA · AfD Umfragen

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