Winfried Kretschmann — Der konservative Grüne
In den 1970er Jahren war er Mitglied einer maoistischen Studentengruppe. Heute ist er der am längsten amtierende grüne Regierungschef, den Deutschland je hatte. Winfried Kretschmann, Jahrgang 1948, katholisch, Schwäbische Alb, Gymnasiallehrer a.D. — war von 2011 bis 2026 Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Über 15 Jahre. Dann trat er ab.
Kretschmanns politische Biografie liest sich wie ein Widerspruch, der nur in Baden-Württemberg funktionieren konnte. Ein Ökologe, der mit der Autoindustrie redet statt gegen sie. Ein Grüner, der CDU-Wähler gewinnt. Ein Regierungschef, dessen Zustimmungswerte regelmäßig alle Parteigrenzen sprengen.
Steckbrief
- Geboren: 17. Mai 1948, Spaichingen (Schwäbische Alb)
- Partei: Bündnis 90/Die Grünen
- Im Amt: 12. Mai 2011 – Frühjahr 2026
- Kabinette: I (Grün-Rot), II & III (Grün-Schwarz)
- Beruf: Gymnasiallehrer (Biologie, Chemie, Ethik)
- Besonderheit: Erster grüner MP Deutschlands — über 15 Jahre im Amt
Vom KBW zum Kreuzkonservativen
Kretschmann wurde in eine katholische Familie auf der Schwäbischen Alb geboren. Er studierte Biologie, Chemie und Ethik in Hohenheim und lehrte über zwei Jahrzehnte an einem Gymnasium. In den 1970ern schloss er sich kurzzeitig dem Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW) an — eine Episode, die er später als „Jugenddummheit" bezeichnete.
1980 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Grünen in Baden-Württemberg. Was folgte, war kein steiler Aufstieg, sondern ein langer, geduldiger Weg durch die Partei — typisch für Kretschmanns Temperament.
Drei Kabinette, drei Koalitionen
| Kabinett | Zeitraum | Koalition | Prägendes Ereignis |
|---|---|---|---|
| Kretschmann I | 2011–2016 | Grüne + SPD | Erster grüner MP, Volksabstimmung S21 |
| Kretschmann II | 2016–2021 | Grüne + CDU | Erstes Grün-Schwarz in einem Flächenland |
| Kretschmann III | 2021–2026 | Grüne + CDU | Klimaneutralität 2040, Auto-Transformation |
2011 war der Urknall: Fukushima und Stuttgart 21 fegten die CDU nach 58 Jahren von der Macht. Kretschmann regierte mit der SPD und akzeptierte das Ergebnis der Volksabstimmung zu Stuttgart 21, obwohl seine Partei gegen das Projekt war. Dieser Moment festigte seinen Ruf als Demokrat, der Ergebnisse respektiert — nicht als Ideologe.
2016 wechselte er den Partner. Die SPD war zu schwach, die CDU bot sich an. Grün-Schwarz war geboren — ein Modell, das es in keinem anderen Flächenland gab. 2021 bestätigte Kretschmann die Kombination mit 32,6 Prozent.
Die Kretschmann-Formel
Was macht diesen Politiker so besonders? Es ist die Kombination aus drei Eigenschaften, die selten zusammen auftreten:
Konservative Grundhaltung: Kretschmann zitiert Hannah Arendt und konservative Denker. Er spricht von Pfläichten, Ordnung, Respekt. Seine Grünen sind keine Partei der Verbote, sondern des verantwortlichen Wirtschaftens.
Ökologische Überzeugung: Das Klimaschutzgesetz mit dem Ziel 2040 (fünf Jahre früher als der Bund), der Strategiedialog Automobilwirtschaft, der Windkraftausbau — alles ökologisch, aber immer im Dialog mit der Industrie.
Persönliche Integrität: Kretschmanns Zustimmungswerte liegen konstant über 60 Prozent — auch bei CDU-Wählern. Er wird nicht als Parteipolitiker wahrgenommen, sondern als Landesvater.
Nach Kretschmann: Özdemir gewinnt
Bei der Landtagswahl im März 2026 zeigten die Grünen, dass sie mehr sind als ihr langjähriger Ministerpräsident. Mit Spitzenkandidat Cem Özdemir gewannen sie 30,2 % — knapp vor der CDU (29,7 %). Özdemir ist seit Frühjahr 2026 Ministerpräsident und setzt Schwarz-Grün II mit der CDU fort. Die CDU verpasste nach 15 Jahren in der Oppositionsrolle erneut die Regierungsführung.
Kretschmann 2011: Erster grüner Ministerpräsident Deutschlands und wie er es wurde
Am 27. März 2011 erhielt Winfried Kretschmann 73 von 138 Stimmen im Landtag — und wurde damit zum ersten Grünen-Ministerpräsidenten in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Koalition aus SPD (23,1 %) und Grünen (24,2 %) hatte zusammen 71 von 138 Sitzen — eine Mehrheit von gerade zwei Mandaten. Kretschmann war ein Politiker der ersten Grünen Stunde (Mitgründer 1979), Waldorf-Lehrer und tiefgläubiger Katholik — ein Profil, das in keiner anderen Partei denkbar gewesen wäre. Seine Wahl füllete das Medien-Loch nach Fukushima (11. März 2011) mit einem Grünen-Gesicht. Elf Tage zwischen Fukushima und Wahl hatten die Politiklandschaft verschoben. CDU-Ministerpräsident Stefan Mappus, der noch am Vorabend mit Atomkraft-Verständnis aufgefallen war, verlor 5 Punkte. Kretschmann regierte danach vier Amtszeiten — und erzielte 2021 mit 32,6 % das beste Grünen-Ergebnis einer deutschen Landtagswahl.
2026: Kretschmann geht – Grüne gewinnen trotzdem
Winfried Kretschmann trat bei der Landtagswahl 2026 nicht mehr an. Er war 15 Jahre Ministerpräsident — länger als jeder andere grüne Regierungschef weltweit. Viele Beobachter fürchteten, dass die Grünen ohne ihn Baden-Württemberg verlieren würden. Das Gegenteil trat ein: Die Grünen gewannen im März 2026 mit 30,2 % die Wahl — als stärkste Kraft vor der CDU (29,7 %). Cem Özdemir übernimmt das Erbe. Die Grünen haben bewiesen, dass BaWü nicht nur Kretschmann-Land ist, sondern dauerhaft grünes Terrain.
Häufige Fragen
Wer ist der neue Ministerpräsident von Baden-Württemberg?
Cem Özdemir (Grüne) ist seit Frühjahr 2026 Ministerpräsident. Winfried Kretschmann übergab das Amt nach 15 Jahren (2011–2026).
Warum ist Kretschmann 2026 nicht mehr angetreten?
Nach über 15 Jahren an der Regierungsspitze erklärte er seinen Rückzug. Bei der Wahl 2026 war er 77 Jahre alt. Er übergab an Cem Özdemir, der die Grünen erneut zur stärksten Kraft machte.
War Kretschmann wirklich Maoist?
Er war in den 1970ern Mitglied des KBW (Kommunistischer Bund Westdeutschland). Er hat sich längst distanziert und diese Phase als Fehler bezeichnet.
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