Spitzenkandidaten — TV-Debatte zur Europawahl

Spitzenkandidaten-Prinzip — Wer wird EU-Kommissionspräsident?

Key-Facts: Spitzenkandidaten

  • Idee: Spitzenkandidat der stärksten Fraktion wird Kommissionspräsident
  • Erstmals angewandt: 2014 (Jean-Claude Juncker, EVP)
  • 2019: Prinzip gescheitert (Manfred Weber übergangen)
  • 2024: Von der Leyen als EVP-Spitzenkandidatin erneut nominiert
  • Rechtsgrundlage: Art. 17 Abs. 7 EUV („Ergebnis berücksichtigen")
  • Status: Politische Konvention, nicht rechtlich bindend

Wer bestimmt, wer an der Spitze der EU-Kommission steht? Diese Frage ist eine der umstrittensten in der europäischen Politik. Das Spitzenkandidaten-Prinzip (englisch: Lead Candidate System) versucht, den Bürgern eine indirekte Mitsprache zu geben: Die europäischen Parteienfamilien nominieren vor der Europawahl einen Spitzenkandidaten — und der Kandidat der stärksten Fraktion soll Kommissionspräsident werden.

Die Realität ist komplizierter. Seit der Erfindung des Systems 2014 wurde es einmal angewandt, einmal ignoriert und einmal in einer Sonderkonstellation halbwegs eingehalten.

Die Rechtsgrundlage: Was sagen die Verträge?

Art. 17 Abs. 7 des Vertrags über die Europäische Union (EUV) regelt die Wahl des Kommissionspräsidenten:

„Der Europäische Rat schlägt dem Europäischen Parlament nach entsprechenden Konsultationen mit qualifizierter Mehrheit einen Kandidaten für das Amt des Präsidenten der Kommission vor; dabei berücksichtigt er das Ergebnis der Wahlen zum Europäischen Parlament."

Das Wort „berücksichtigt" ist bewusst vage. Das Parlament interpretiert es als Verpflichtung, den Spitzenkandidaten der stärksten Fraktion zu nominieren. Der Europäische Rat hingegen sieht es als unverbindliche Absichtserklärung.

2014: Die Geburtsstunde des Spitzenkandidaten-Prinzips

Die Europawahl 2014 war die erste, bei der die europäischen Parteien Spitzenkandidaten aufstellten. Die wichtigsten Kandidaten:

  • Jean-Claude Juncker (Luxemburg, EVP) — ehemaliger Ministerpräsident und Eurogruppen-Vorsitzender
  • Martin Schulz (Deutschland, S&D) — Präsident des EU-Parlaments
  • Guy Verhofstadt (Belgien, ALDE/Renew) — ehemaliger belgischer Premierminister
  • Ska Keller (Deutschland, Grüne) — Europaabgeordnete
  • Alexis Tsipras (Griechenland, Linke) — Oppositionsführer in Griechenland

Die EVP wurde stärkste Fraktion, und nach politischem Druck des Parlaments nominierte der Europäische Rat tatsächlich Juncker. Der britische Premierminister David Cameron und der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán stimmten dagegen — sie sahen darin einen Machtverlust der Regierungschefs.

2019: Das Scheitern — Manfred Weber vs. von der Leyen

Die Europawahl 2019 brachte das System an seine Grenzen. Manfred Weber (CSU) trat als EVP-Spitzenkandidat an, Frans Timmermans für die S&D, Margrethe Vestager für die Liberalen.

Die EVP wurde erneut stärkste Fraktion, aber Weber konnte keine Mehrheit organisieren — weder im Europäischen Rat noch im Parlament. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron lehnte das Spitzenkandidaten-Prinzip grundsätzlich ab. Nach tagelangen Verhandlungen einigten sich die Regierungschefs auf ein Personalpaket:

  • Ursula von der Leyen (CDU, Deutschland) als Kommissionspräsidentin — sie war gar nicht als Spitzenkandidatin angetreten
  • Charles Michel (Belgien) als Ratspräsident
  • Christine Lagarde (Frankreich) als EZB-Präsidentin

Das Parlament war empört, wählte von der Leyen aber knapp mit 383 von 747 Stimmen (9 mehr als nötig). Das Spitzenkandidaten-Prinzip galt als gescheitert.

JahrEVP-SpitzenkandidatErgebnis EVPKommissionspräsidentPrinzip eingehalten?
2014Jean-Claude JunckerStärkste Fraktion (221 Sitze)Jean-Claude JunckerJa
2019Manfred WeberStärkste Fraktion (182 Sitze)Ursula von der LeyenNein
2024Ursula von der LeyenStärkste Fraktion (188 Sitze)Ursula von der LeyenTeilweise*

*Von der Leyen war amtierende Präsidentin und Spitzenkandidatin zugleich — eine Sonderkonstellation.

2024: Sonderkonstellation von der Leyen

2024 trat Ursula von der Leyen selbst als EVP-Spitzenkandidatin an — ein Novum, da eine amtierende Kommissionspräsidentin sich für die Wiederwahl aufstellte. Die EVP gewann erneut und verstärkte sich sogar auf 188 Sitze. Der Europäische Rat nominierte von der Leyen, das Parlament wählte sie mit 401 Stimmen.

Ob dies als Erfolg des Spitzenkandidaten-Prinzips gewertet werden kann, ist umstritten. Klar ist: Die Personalie von der Leyen war bereits vor der Wahl weitgehend gesetzt, da sie als amtierende Präsidentin kaum zu übergehen war.

Spitzenkandidaten-Debatte im Europäischen Parlament

Argumente für und gegen das Prinzip

Pro Spitzenkandidaten

  • Stärkt die demokratische Legitimation der EU-Kommission
  • Gibt der Europawahl ein Gesicht und erhöht die Wahlbeteiligung
  • Macht die Machtverteilung transparenter für die Bürger
  • Stärkt das EU-Parlament gegenüber dem Europäischen Rat

Contra Spitzenkandidaten

  • Kein rechtlich bindendes Verfahren — funktioniert nur mit gutem Willen aller Akteure
  • Die meisten Wähler kennen die Spitzenkandidaten nicht (Eurobarometer 2024: nur 32 % in Deutschland)
  • Europäische Parteien sind lose Bündnisse, keine einheitlichen Organisationen
  • Der Europäische Rat verliert sein Vorschlagsrecht faktisch an das Parlament

Zukunftsperspektiven

Die Debatte um die Zukunft des Spitzenkandidaten-Prinzips hängt eng mit der generellen Frage nach einer demokratischeren EU zusammen. Reformvorschläge umfassen transnationale Listen (ein Teil der EU-Abgeordneten wird EU-weit gewählt), eine Direktwahl des Kommissionspräsidenten durch die Bürger oder eine vertragliche Verankerung des Spitzenkandidaten-Prinzips. Bislang fehlt jedoch der politische Wille für eine Vertragsänderung.

2014: Juncker wird Kommissionspräsident durch Spitzenkandidat-Verfahren – einmaliger Praezedenzfall

Bei der Europawahl 2014 gewann die EVP mit Spitzenkandidat Jean-Claude Juncker die Wahl. Auf Druck des Europaparlaments ernannten die Regierungschefs Juncker zum Kommissionspräsidenten – erstmals auf Basis des Spitzenkandidat-Prinzips. Grossbritannien und Ungarn lehnten Juncker explizit ab; David Cameron scheiterte. Das Spitzenkandidat-Verfahren (erstmals 2014 angewendet) sollte die EU demokratischer machen. 2019 funktionierte es nicht: Spitzenkandidat Manfred Weber wurde nicht Prasident; stattdessen ernannten die Regierungschefs Ursula von der Leyen. Das Parlament stimmte zu, aber das Verfahren war beschaedigt.

Häufige Fragen

Was ist das Spitzenkandidaten-Prinzip?

Die europäischen Parteienfamilien nominieren vor der Europawahl einen Spitzenkandidaten für das Amt des EU-Kommissionspräsidenten. Die Idee: Der Kandidat der stärksten Fraktion soll automatisch Kommissionspräsident werden, ähnlich wie ein Kanzlerkandidat nach einer Bundestagswahl.

Warum wurde 2019 kein Spitzenkandidat Kommissionspräsident?

Der EVP-Spitzenkandidat Manfred Weber konnte keine Mehrheit im Europäischen Rat organisieren. Macron und andere Regierungschefs lehnten das Prinzip ab und nominierten stattdessen Ursula von der Leyen, die gar nicht als Spitzenkandidatin angetreten war.

Ist das Spitzenkandidaten-Prinzip in den EU-Verträgen verankert?

Nicht direkt. Art. 17 Abs. 7 EUV besagt, dass der Europäische Rat das Ergebnis der Europawahl „berücksichtigen" soll. Das ist eine politische Absichtserklärung, keine rechtliche Bindung.

Wurde das Prinzip 2024 angewendet?

Teilweise. Ursula von der Leyen trat als EVP-Spitzenkandidatin an und wurde nach dem EVP-Wahlsieg erneut nominiert. Allerdings war sie als amtierende Kommissionspräsidentin eine Sonderkonstellation.

Weitergehende Informationen bietet die Europaeisches Parlament - Europaeisches Wahlrecht.

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