"Das größte Umfrage-Desaster": Wie die Union unter Merz historisch abstürzt
Key-Facts: Union in den Umfragen 2026
- CDU/CSU bei BTW 2025: 28,5 % (220 Sitze)
- INSA-Umfrage 09.05.2026: 24,0 % — Verlust von 4,5 Prozentpunkten
- AfD überholt Union erstmals: 26,9 % (AfD) vs. 24,0 % (CDU/CSU)
- Forsa-Chef Dr. Peter Matuschek: „Neue politische Qualität" — so ein Desaster hat es noch nie gegeben
- Gebrochene Wahlversprechen, fehlende Führungsstärke und Wirtschaftsschwäche als Hauptgründe
- Bundeskanzler Friedrich Merz seit 6. Mai 2025 im Amt
Es ist ein Absturz ohne historisches Vorbild in dieser Geschwindigkeit: Nur rund ein Jahr nach der Bundestagswahl am 23. Februar 2025 hat die CDU/CSU mehr als vier Prozentpunkte verloren. Laut der INSA-Umfrage vom 9. Mai 2026 kommt die Union nur noch auf 24,0 Prozent — während die AfD mit 26,9 Prozent erstmals klar vor ihr liegt. Dr. Peter Matuschek, politischer Forschungsleiter bei Forsa, einem der renommiertesten deutschen Meinungsforschungsinstitute, nannte das im Interview mit BILD-Journalist Paul Ronzheimer eine „neue politische Qualität" — und ein Umfrage-Desaster, das es in dieser Form noch nie gegeben habe.
Was ist passiert? Die Antwort ist vielschichtig — und sie reicht von gebrochenen Wahlversprechen über eine schwächelnde Wirtschaft bis hin zu grundlegenden Fragen über Friedrich Merz' Führungsstil und die Fähigkeit der Großen Koalition, Vertrauen aufzubauen.
Von 28,5 % auf 24 %: Die Zahlen im Überblick
Bei der Bundestagswahl 2025 holte die CDU/CSU 28,5 Prozent der Stimmen — ihr bestes Ergebnis seit 2013. Mit 220 Sitzen stellte sie die mit Abstand größte Fraktion im 21. Bundestag und Friedrich Merz zog als Kanzler ins Bundeskanzleramt ein. Das Versprechen: wirtschaftliche Erneuerung, klare Führung, stabiles Regieren nach dem Chaos der Ampelkoalition.
Doch die Zustimmungswerte brachen früh ein. Schon nach 100 Tagen im Amt zeigten mehrere Institute deutliche Verluste. Zum Stand Mai 2026 hat sich die Lage weiter verschärft. Die folgende Tabelle zeigt die aktuelle Verteilung im Vergleich zum Wahlergebnis:
| Partei | BTW 2025 (Ergebnis) | INSA 09.05.2026 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| AfD | 20,8 % | 26,9 % | +6,1 Punkte |
| CDU/CSU | 28,5 % | 24,0 % | −4,5 Punkte |
| Grüne | 11,6 % | 13,8 % | +2,2 Punkte |
| SPD | 20,5 % | 12,7 % | −7,8 Punkte |
| Linke | 8,8 % | 10,5 % | +1,7 Punkte |
| FDP | 4,3 % | 3,6 % | −0,7 Punkte |
| BSW | 4,97 % | 3,1 % | −1,87 Punkte |
Das Bild ist eindeutig: Die größten Verlierer sind CDU/CSU und SPD — also genau die beiden Koalitionsparteien der Großen Koalition. Den stärksten Zugewinn verzeichnet die AfD, die allein seit dem Wahltag 6,1 Prozentpunkte zugelegt hat. Zum Vergleich: Das entspricht fast einem Drittel ihres damaligen Wahlergebnisses.
Gebrochene Wahlversprechen: Was die Wähler enttäuscht
Dr. Peter Matuschek benennt im Gespräch mit Journalist Paul Ronzheimer mehrere konkrete Enttäuschungsquellen. An erster Stelle stehen die wirtschaftspolitischen Versprechen. Merz war mit dem Anspruch angetreten, Deutschland aus der wirtschaftlichen Stagnation zu führen. Die Realität ein Jahr später: Die Wachstumsprognose für 2026 liegt bei lediglich 0,6 Prozent — ursprünglich waren 1,3 Prozent erwartet worden. Die große Investitionsoffensive, die im Wahlkampf versprochen wurde, ist ausgeblieben.
Hinzu kommen konkrete Punkte aus dem Koalitionsvertrag, die noch nicht umgesetzt wurden oder hinter den Erwartungen zurückbleiben: Keine spürbare Entlastung für mittlere Einkommen, kein klarer Durchbruch beim Thema Bürokratieabbau, und bei der Migrationspolitik — dem vielleicht schärfsten Wahlkampfthema — blieben die Maßnahmen hinter den angekündigten Verschärfungen zurück. Viele Wähler, die 2025 explizit wegen des Merz-Kurses zur Union gewechselt hatten, fühlen sich nicht mehr vertreten.
Dr. Peter Matuschek, politischer Forschungsleiter bei Forsa: „So ein Umfrage-Desaster hat es noch nie gegeben. Die Union verliert nicht nur Protest-Wähler — sie verliert Stamm-Wähler aus der Mitte, die Merz 2025 bewusst gewählt haben und jetzt bitter enttäuscht sind."
Besonders schmerzhaft für die Union: Ein erheblicher Teil der Abgewanderten geht nicht zu einer anderen demokratischen Partei, sondern zur AfD. Das bestätigen sowohl Wahlforschungs-Daten von Infratest dimap als auch die Forsa-Analysen. Die AfD profitiert also direkt von den Unionsverlusten — eine Entwicklung, die Matuschek als besonders alarmierend einstuft.
Fehlende Führungsstärke: Das Merz-Problem
Ein zweiter zentraler Faktor in der Forsa-Analyse ist das Führungsbild von Friedrich Merz. Im Wahlkampf hatte Merz das Bild eines entschlossenen Machers gezeichnet: klar in der Sache, stark in der Führung, kompromisslos gegenüber dem politischen Establishment. Ein Jahr nach Amtsantritt hat sich dieses Bild für viele Wähler nicht erfüllt.
Das Problem liegt strukturell: Als Kanzler einer Großen Koalition muss Merz Kompromisse eingehen — mit dem Koalitionspartner SPD, mit den Ländern im Bundesrat, mit europäischen Partnern. Dieser Zwang zum Ausgleich widerspricht dem Bild des Hardliners, das viele seiner Wähler von ihm erwartet hatten. Matuschek spricht von einem klassischen Erwartungs-Realitäts-Spalt: Wer mit Entschlossenheit wirbt und dann durch die Sachzwänge des Regierens gebremst wird, verliert genau die Wähler, die ihn wegen seiner vermeintlichen Härte gewählt haben.
Innerhalb der Union führt das zu einem Legitimationsproblem. Merz muss gleichzeitig die konservative Basis bedienen und den Koalitionsvertrag mit der SPD einhalten — zwei Anforderungen, die sich in zentralen Politikfeldern widersprechen. Das Bundestagswahlergebnis 2025 hatte ihm ein klares Mandat gegeben. Doch ein klares Mandat allein reicht nicht, wenn die Umsetzung ausbleibt.
Historischer Kontext: Kanzler im Umfragetief nach 100 Tagen
Ein Rückgang der Kanzlerzustimmung nach dem Amtsantritt ist kein neues Phänomen. Historisch zeigt sich ein klares Muster: Fast jeder Bundeskanzler erlebt nach den ersten 100 Tagen einen gewissen Vertrauensverlust. Helmut Schmidt, Gerhard Schröder und auch Angela Merkel — alle hatten früh in ihrer Amtszeit Umfrage-Rückgänge zu verkraften. Was den aktuellen Fall von Friedrich Merz aus Sicht von Forsa und anderen Instituten von früheren Fällen unterscheidet, ist die Größenordnung und die Richtung der Abwanderer.
Dass Verluste direkt zur AfD gehen, ist ein strukturell neues Phänomen. In früheren Jahrzehnten wechselten enttäuschte Regierungswähler zu anderen Volksparteien oder in die Nichtwähler-Gruppe. Heute steht mit der AfD eine Partei bereit, die diese Unzufriedenheit gezielt kanalisiert — und dabei ein Versprechen radikaler Veränderung gibt, das die Union nicht liefern kann oder will. Die Bilanz der Merz-Regierung nach einem Jahr fällt damit deutlich schlechter aus als bei vergleichbaren Vorgängerregierungen zu diesem Zeitpunkt.
Hinzu kommt: Die Sonntagsfrage ist in Deutschland keine bloße Stimmungsbarometer-Übung — sie hat reale politische Konsequenzen. Wenn die Union dauerhaft unter 25 Prozent bleibt, verliert Merz innerparteilich an Rückhalt. CDU und CSU haben eine lange Geschichte damit, Kanzler zu stürzen, die in Umfragen dauerhaft schwächeln — wie das Ende von Helmut Kohl 1998 zeigt.
Paul Ronzheimer im Gespräch mit Forsa-Chef Dr. Peter Matuschek — Zum YouTube-Kanal
Kann die Union den Absturz stoppen?
Die entscheidende Frage ist, ob und wie Friedrich Merz den Umfrage-Trend umkehren kann. Forsa-Chef Dr. Peter Matuschek sieht dafür zwei notwendige Bedingungen: erstens sichtbare wirtschaftliche Ergebnisse, die im Alltag der Menschen ankommen — sinkende Energiepreise, spürbare Entlastungen beim Einkommen; und zweitens eine Führungsleistung, die Merz als jemanden zeigt, der trotz Koalitionszwang seinen Kurs halten kann.
Beides ist kurzfristig schwer lieferbar. Wirtschaftliche Erholung braucht Zeit und ist von globalen Faktoren abhängig, die Merz nicht kontrollieren kann. Und Führungsstärke lässt sich in einer Großen Koalition nicht verordnen — sie muss in konkreten Entscheidungen sichtbar werden. Die nächsten Landtagswahlen werden zeigen, ob die Union ihren Abwärtstrend bremsen kann. Die Stabilität der Großen Koalition und die Frage, ob Merz das Vertrauen zurückgewinnen kann, analysiert unser Partnertext zum Ronzheimer-Interview mit Forsa-Chef Matuschek.
Häufige Fragen
Die Union verliert laut Forsa-Chef Dr. Peter Matuschek vor allem Wählerinnen und Wähler aus der Mitte, die sich von gebrochenen Wahlversprechen, mangelnder Führungsstärke und ausbleibenden Wirtschaftserfolgen enttäuscht fühlen. Viele dieser Wähler wandern direkt zur AfD ab.
CDU/CSU erreichte bei der Bundestagswahl am 23. Februar 2025 noch 28,5 Prozent. In der INSA-Umfrage vom 9. Mai 2026 liegt die Union nur noch bei 24,0 Prozent — ein Verlust von 4,5 Prozentpunkten innerhalb von gut einem Jahr.
Dr. Peter Matuschek, politischer Forschungsleiter bei Forsa, einem der renommiertesten deutschen Meinungsforschungsinstitute, bezeichnete die Entwicklung als Umfrage-Desaster ohne historisches Vorbild in dieser Geschwindigkeit. Er betont, dass besonders Wechselwähler aus der Mitte, die 2025 auf Merz gesetzt hatten, jetzt abwandern.
Ein gewisser Vertrauensrückgang nach dem Amtsantritt ist historisch typisch. Doch das Ausmaß und die Geschwindigkeit beim Absturz der Union unter Friedrich Merz sind laut Forsa außergewöhnlich — vergleichbare Einbrüche in dieser Schnelligkeit gab es bei keinem anderen Bundeskanzler der Nachkriegszeit.
Die Große Koalition hat die versprochene Wirtschaftswende bislang nicht geliefert. Die Wachstumsprognose für 2026 wurde auf 0,6 Prozent halbiert. Steuererleichterungen für mittlere Einkommen, eine spürbare Entlastung bei Energiepreisen und ein klarer Migrationskurs blieben aus oder wurden stark verwässert.
Laut Forsa-Chef Dr. Peter Matuschek ist ein Vertrauensgewinn möglich, aber sehr schwierig. Er würde einen deutlichen Kurswechsel in der Wirtschaftspolitik sowie sichtbare Ergebnisse erfordern. Die Zeitfenster werden mit jeder weiteren schlechten Umfrage enger. Eine ausführliche Analyse bietet unser Text zum Ronzheimer-Interview.
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