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Alice Weidel AfD Vorsitzende — Bundestagswahl 2026 Umfragen

Warum die AfD auf 26,9 % davonzieht — aber nicht wegen eigener Stärke

LB
Dr. Laura Bremer Politikwissenschaftlerin · Wahlforschung & Parteiensysteme

Dr. Laura Bremer ist Politikwissenschaftlerin mit Schwerpunkt auf Parteiensystemforschung, Wählerverhalten und deutschen Koalitionsdynamiken. Sie analysiert politische Entwicklungen im Kontext aktueller Umfragedaten und historischer Wahlmuster.

Geprüft & freigegeben von Stephan Czaja · Herausgeber

Key-Facts: AfD in Umfragen (Mai 2026)

  • AfD INSA 09.05.2026: 26,9 % — BTW 2025: 20,8 % → +6,1 Punkte
  • AfD erstmals stärkste Partei in der Sonntagsfrage — vor CDU/CSU (24 %)
  • Forsa-Chef Dr. Peter Matuschek: AfD wächst durch Schwäche der anderen, nicht durch eigene Stärke
  • Neue AfD-Wähler kommen mehrheitlich aus dem früheren Unionslager
  • Ostdeutschland: AfD in Sachsen und Thüringen bei über 30 %
  • Teil 2 der Forsa-Serie: Teil 1 — Warum die Union abstürzt

26,9 Prozent für die AfD — das ist die Zahl, die Deutschland im Mai 2026 elektrisiert. Zum ersten Mal liegt die AfD in einer bundesweiten Umfrage klar vor der CDU/CSU. Was als historisches Warnsignal gilt, ist in Wirklichkeit das Ergebnis einer längeren Entwicklung, die Dr. Peter Matuschek, politischer Forschungsleiter bei Forsa, einem der renommiertesten deutschen Meinungsforschungsinstitute, im Gespräch mit BILD-Journalist Paul Ronzheimer präzise diagnostiziert.

Seine zentrale These: Der AfD-Aufstieg auf 26,9 Prozent ist kein Zeichen eigener politischer Stärke. Er ist das Symptom einer massiven Schwäche der Regierungsparteien — und damit strukturell anders zu bewerten als klassische Protestwellen in der deutschen Wahlgeschichte. Diese Analyse ist Teil unserer Forsa-Serie: Lesen Sie auch Teil 1 über den historischen Absturz der Union.

Die Zahlen: Woher kommen die 6,1 neuen Prozentpunkte?

Bei der Bundestagswahl am 23. Februar 2025 holte die AfD 20,8 Prozent — ihr damaliges Rekordergebnis. Seitdem hat sie 6,1 Prozentpunkte zugelegt. Das klingt abstrakt, ist aber in absoluten Wählerzahlen enorm: Mehrere Millionen Menschen, die im Februar 2025 noch eine andere Partei gewählt haben, geben in aktuellen Umfragen an, bei einer Wahl heute die AfD wählen zu wollen.

Partei BTW 2025 INSA 09.05.2026 Trend
AfD 20,8 % 26,9 % ▲ +6,1
CDU/CSU 28,5 % 24,0 % ▼ −4,5
Grüne 11,6 % 13,8 % ▲ +2,2
SPD 20,5 % 12,7 % ▼ −7,8
Linke 8,8 % 10,5 % ▲ +1,7
FDP 4,3 % 3,6 % ▼ −0,7

Auffällig: Die AfD gewinnt, was die Koalitionsparteien verlieren. CDU/CSU −4,5, SPD −7,8: Das ergibt zusammen 12,3 Prozentpunkte Verlust der Regierungsparteien — während die AfD um 6,1 zulegt. Nicht alle Verluste gehen direkt zur AfD, aber der Löwenanteil schon. Die Bundeszentrale für politische Bildung und Wahlforschungsinstitute wie Infratest dimap bestätigen: Der größte Einzelwanderstrom führt von CDU/CSU direkt zur AfD.

Matuscheks These: Protest-Ventil, nicht politische Stärke

Dr. Peter Matuschek formuliert im Ronzheimer-Interview eine These, die in ihrer Klarheit bemerkenswert ist: Die AfD wächst nicht, weil sie besser geworden ist. Sie wächst, weil die anderen schlechter werden. Das klingt simpel — ist aber politisch hochrelevant, denn es verändert die Frage, was gegen den AfD-Aufstieg hilft.

Matuscheks Kernthese (Mai 2026)

„Die AfD profitiert nicht nur durch eigene Stärke — sondern vor allem durch die Schwäche der anderen. Wer die AfD bekämpfen will, muss die Regierungsparteien stärken, nicht die AfD schwächen."
— Dr. Peter Matuschek, Forsa-Chef, im Gespräch mit Journalist Paul Ronzheimer

Was bedeutet das konkret? Ein klassisches Protest-Ventil funktioniert so: Wähler sind unzufrieden, wechseln zu einer Protestpartei — und kehren zurück, sobald die Regierung liefert. Das war das Muster der frühen AfD-Wahlerfolge zwischen 2014 und 2017. Jetzt sieht Matuschek eine neue Qualität: Ein Teil der neuen AfD-Wähler ist dauerhaft gebunden, nicht mehr temporär. Die AfD hat in den letzten Jahren eine Stammwählerschaft aufgebaut, die auch bei besserer Regierungsleistung nicht automatisch abwandert.

Dennoch: Die kurzfristigen Zuwächse der letzten zwölf Monate sind mehrheitlich Protest-getrieben. Das macht sie theoretisch umkehrbar — wenn die Regierungsparteien liefern. Praktisch ist das schwer, solange die Wirtschaft schwächelt und konkrete Erfolge ausbleiben.

Bundespressekonferenz Berlin — Journalisten und Mikrofone
Bundespressekonferenz Berlin: Die Umfragewerte werden täglich kommentiert — und zeigen seit einem Jahr einen klaren Trend. Foto: Bundestagwahlumfrage.de / Mediathek

Enttäuschte Mitte-Wähler: Die neue AfD-Zielgruppe

Wer sind die Menschen, die zur AfD gewechselt haben? Das Profil der neuen AfD-Wähler seit Februar 2025 unterscheidet sich deutlich von dem der frühen AfD-Wählerschaft. Während die AfD 2014 bis 2019 überwiegend sozioökonomisch Abgehängte, Nichtwähler aus dem Osten und enttäuschte SPD-Wähler anzog, kommt ein erheblicher Teil der neuen Zuwächse aus dem bürgerlichen Mitte-Lager.

Es sind Menschen, die im Februar 2025 CDU/CSU gewählt hatten — wegen des Versprechens von Wirtschaftskompetenz, klarer Migrationspolitik und stabiler Führung. Ein Jahr später fühlen sich viele von diesen Versprechen enttäuscht. Die Alternative, die sie sehen, ist nicht die SPD oder die Grünen — sondern die AfD, die im Oppositionsmodus weiterhin Radikalität signalisiert, ohne liefern zu müssen. Alice Weidel als Parteichefin personifiziert dabei einen Stil, der besonders in dieser Zielgruppe verfängt: wirtschaftspolitisch argumentierend, in Auftritt professionell, in der Sache kompromisslos.

Die Folge: Die Merz-Regierung verliert genau die Wähler, die sie 2025 gewonnen hatte — und die AfD kassiert sie ein, ohne ein einziges Regierungsversprechen einlösen zu müssen.

Ostdeutschland-Effekt: Wo die AfD strukturell dominant ist

Ein entscheidender Faktor im AfD-Aufstieg ist der Ostdeutschland-Effekt, der seit Jahren bekannt ist, aber weiter an Kraft gewinnt. In Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt liegt die AfD strukturell bei über 30 Prozent — Werte, die weit über dem Bundesdurchschnitt von 26,9 Prozent liegen. In diesen Ländern ist die AfD nicht mehr Protest- sondern Mehrheitspartei weiter Bevölkerungsgruppen.

Die Gründe für den Ostdeutschland-Effekt sind vielfältig: historisch tiefes Misstrauen gegenüber der politischen Klasse, das auf DDR-Erfahrungen und Wiedervereinigungsenttäuschungen zurückgeht; wirtschaftliche Strukturschwäche trotz jahrzehntelanger Aufbau-Ost-Finanzierung; ein Gefühl, dass die eigene Lebensrealität in den westdominanten Medien und im politischen Berlin kaum vorkommt. All das macht ostdeutsche Wähler besonders empfänglich für Enttäuschung über Regierungsversagen.

Für die Bundesebene bedeutet das: Wenn die AfD in Ostdeutschland auf 30+ Prozent klettert und bundesweit auf fast 27 Prozent, ist der nächste Schritt zur 30-Prozent-Marke kein theoretisches Szenario mehr — er hängt direkt daran, ob CDU/CSU und SPD sich erholen können.

Paul Ronzheimer im Gespräch mit Forsa-Chef Dr. Peter Matuschek — Zum YouTube-Kanal

Was der AfD-Aufstieg für 2029 bedeutet

Die Bundestagswahl 2029 liegt noch über drei Jahre entfernt. Doch die strukturellen Trends, die Forsa-Chef Dr. Peter Matuschek beschreibt, machen deutlich: Wenn sich nichts Grundlegendes ändert, ist eine AfD als stärkste Partei 2029 ein realistisches Szenario. Das hätte weitreichende Konsequenzen — nicht wegen einer AfD-Regierung, die durch die Brandmauer verhindert wäre, sondern wegen der Koalitionsarithmetik.

Eine AfD bei 28 bis 30 Prozent, kombiniert mit einem geschwächten Unionslager, würde die Koalitionsbildung für die verbleibenden demokratischen Parteien extrem schwierig machen. CDU/CSU, SPD, Grüne und Linke müssten in eine Vierer-Koalition — ein Format, das in Deutschland historisch instabil ist. Diese Analyse vertieft unser Interview-Artikel: Forsa-Chef Matuschek im Ronzheimer-Interview — Kann Merz das Vertrauen zurückgewinnen?

Häufige Fragen

Warum wächst die AfD in Umfragen so stark?

Laut Forsa-Chef Dr. Peter Matuschek wächst die AfD nicht primär durch eigene politische Stärke, sondern durch die Schwäche der anderen Parteien. Enttäuschte Wähler aus der politischen Mitte — besonders ehemalige Unions-Wähler — wechseln zur AfD, weil sie keine überzeugende Alternative sehen.

Wo steht die AfD aktuell in Umfragen?

In der INSA-Umfrage vom 9. Mai 2026 liegt die AfD bei 26,9 Prozent — gegenüber 20,8 Prozent bei der Bundestagswahl am 23. Februar 2025 ein Zuwachs von 6,1 Prozentpunkten. Die AfD liegt damit erstmals deutlich vor der CDU/CSU (24,0 %).

Wer wählt die AfD — wer sind die neuen Wähler?

Die neuen AfD-Wähler kommen zu einem erheblichen Teil aus dem früheren Unionslager. Es handelt sich um Wechselwähler der politischen Mitte, die 2025 CDU/CSU gewählt hatten und nun enttäuscht von der Regierungsleistung sind. Hinzu kommen frühere Nichtwähler, besonders in Ostdeutschland.

Was bedeutet der Ostdeutschland-Effekt für die AfD?

In Ostdeutschland liegt die AfD strukturell deutlich über dem Bundesdurchschnitt — in Sachsen und Thüringen bei über 30 Prozent. Dieser Effekt verstärkt sich, wenn die Regierungsunzufriedenheit wächst, da ostdeutsche Wähler historisch sensibler auf wahrgenommenes Versagen von Bundesregierungen reagieren.

Ist die AfD dauerhaft so stark?

Die AfD hat eine der loyalsten Wählerschaften aller deutschen Parteien. Während Union, SPD und Grüne bei Unzufriedenheit rasch Wähler verlieren, bleibt der AfD-Kern stabil. Ob die aktuelle Stärke bei 26,9 % anhält, hängt davon ab, ob sich die Regierungsparteien erholen können.

Könnte die AfD stärkste Partei in Deutschland werden?

Wenn der aktuelle Trend anhält, ist die AfD auf dem Weg zur stärksten Kraft. Sie liegt bereits vor der Union. Zur Bundestagswahl 2029 könnte sie ohne Kehrtwende bei den Regierungsparteien die stärkste Partei stellen — wäre aber durch die Brandmauer aller anderen Parteien von der Regierung ausgeschlossen.

SonntagsfrageCDU/CSU23,6%SPD12,4%Grüne14,3%AfD26,8%BSW3,2%FDP3,7%Linke10,6%INSA · 12.05.BTW 2025CDU/CSU28,5%SPD20,5%Grüne11,6%AfD20,8%BSW5,0%FDP4,3%Linke3,8%Spiegel Politik Westjordanland: Gr��ne fordern Sanktionen gegen israelischen GeneralFAZ Politik Liveblog Irankrieg: Iran warnt Trump vor ergebnislosen GesprächenWelt Politik „Man hat die Anschlagspläne für sehr ernst genommen“Welt Politik „Hey, hey. Das ist ein völliger Mangel an Respekt“ – Plötzlich weist Macron das Publikum zurechtWelt Politik „Fahren uns bei der Einkommenssteuerreform fest. Setze da jetzt eine andere Priorität“Tagesschau Die Eisheiligen bringen Schnee in Teilen DeutschlandsTagesschau Gelingt Schwarz-Rot beim Koalitionsausschuss der Neustart?Tagesschau Zahlen und Fakten: Das ist die Situation in der PflegeFAZ Politik Druck auf Premierminister: Starmer lehnt Rücktritt abFAZ Politik Verhandlungen mit Israel: Beirut steht von allen Seiten unter DruckSpiegel Politik Hans-Georg Maaßen liebäugelt mit Ministerposten in möglicher AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt

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