"Kann Merz das Vertrauen zurückgewinnen?" — Forsa-Chef Matuschek im Ronzheimer-Interview
Key-Facts: Das Ronzheimer-Matuschek-Interview
- Interview: BILD-Journalist Paul Ronzheimer + Forsa-Chef Dr. Peter Matuschek
- Titel: „So ein Umfrage-Desaster hat es noch nie gegeben"
- 3 Kernthesen: Union verliert Mitte / AfD = Protestventil / Vertrauen kaum zurückzugewinnen
- Aktuelle Lage INSA 09.05.2026: AfD 26,9 %, CDU/CSU 24,0 %, SPD 12,7 %
- Dies ist Teil 3 der Forsa-Serie: Teil 1 — Union-Absturz · Teil 2 — AfD-Aufstieg
Es ist ein Interview, das in der deutschen Politikberichterstattung für Aufsehen sorgt: BILD-Journalist Paul Ronzheimer spricht mit Dr. Peter Matuschek, politischem Forschungsleiter bei Forsa, einem der renommiertesten deutschen Meinungsforschungsinstitute — und der Titel des Gesprächs sagt alles: „So ein Umfrage-Desaster hat es noch nie gegeben." Dass ein ausgewiesener Wahlforschungsexperte, der täglich mit Umfragedaten arbeitet, diese Formulierung wählt, ist bemerkenswert.
Was genau sagt Dr. Matuschek? Und was bedeuten seine Aussagen für Friedrich Merz, für die CDU/CSU, für die SPD — und für die deutsche Politik bis zur Bundestagswahl 2029? Dieser Artikel analysiert die drei zentralen Thesen des Interviews ausführlich. Wer die Hintergründe zum Union-Absturz nachlesen möchte, findet diese in Teil 1 unserer Forsa-Serie; den AfD-Aufstieg erklärt Teil 2.
Das vollständige Interview: Paul Ronzheimer und Forsa-Chef Dr. Peter Matuschek — Alle Interviews auf @Ronzheimer
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Alle Folgen auf YouTube ansehenThese 1: Die Union hat die politische Mitte verloren
Die erste und grundlegendste These von Dr. Peter Matuschek: Die CDU/CSU hat unter Friedrich Merz die politische Mitte verloren — jene Wählerinnen und Wähler, die keine feste Parteibindung haben, aber pragmatisch nach dem besten Regierungsangebot wählen. Diese Gruppe machte bei der Bundestagswahl 2025 einen erheblichen Teil des Union-Ergebnisses von 28,5 Prozent aus.
Ein Jahr später sind diese Wähler enttäuscht. Merz hatte im Wahlkampf das Bild eines entschlossenen Reformkanzlers gezeichnet: wirtschaftlich stark, klar in der Migrationspolitik, verlässlich gegenüber dem Bürger. Die Realität der Regierungsarbeit sieht anders aus — Koalitionskompromisse, ausgebliebene Wirtschaftswende, verwässerte Versprechen. Mitte-Wähler reagieren auf diesen Erwartungs-Realitäts-Spalt besonders sensibel, weil sie keine ideologische Loyalität haben, die sie in der Partei hält.
| Partei | BTW 2025 | INSA 09.05.2026 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| AfD | 20,8 % | 26,9 % | +6,1 Punkte |
| CDU/CSU | 28,5 % | 24,0 % | −4,5 Punkte |
| Grüne | 11,6 % | 13,8 % | +2,2 Punkte |
| SPD | 20,5 % | 12,7 % | −7,8 Punkte |
| Linke | 8,8 % | 10,5 % | +1,7 Punkte |
| FDP | 4,3 % | 3,6 % | −0,7 Punkte |
| BSW | 4,97 % | 3,1 % | −1,87 Punkte |
Besonders schmerzhaft für die Union: Die Mitte-Wähler, die Merz verliert, gehen nicht zu einer anderen Regierungspartei — sie gehen zur AfD. Das ist historisch ungewöhnlich. Früher wechselten enttäuschte CDU-Wähler zu FDP oder SPD; heute steht die AfD als vermeintlich entschlossene Alternative bereit. Matuschek betont: Solange die Union keine sichtbaren Ergebnisse liefert, wird dieser Wanderstrom anhalten.
These 2: Die AfD ist ein Protestventil — kein Programmerfolg
Die zweite These von Dr. Peter Matuschek ist ebenso präzise wie politisch bedeutsam: Der AfD-Aufstieg auf 26,9 Prozent ist kein Beweis für die politische Stärke der Partei — es ist ein Beweis für die Schwäche der anderen. Matuschek nennt das Protestventil-Effekt: Menschen wählen die AfD nicht, weil sie deren Programm gutheißen, sondern weil sie damit ihrer Unzufriedenheit mit der Regierung Ausdruck verleihen wollen.
Das hat eine wichtige politische Konsequenz: Wenn der AfD-Zulauf überwiegend Protest ist, dann ist er theoretisch reversibel. Eine Regierung, die wirtschaftliche Ergebnisse liefert und Führungsstärke demonstriert, könnte einen Teil dieser Wähler zurückgewinnen. Das wäre bei einer Partei mit primär ideologisch motivierter Stammwählerschaft nicht möglich.
Allerdings warnt Matuschek vor Übervereinfachung: Nicht alle neuen AfD-Wähler sind temporäre Protest-Wähler. Ein Teil hat sich dauerhaft an die AfD gebunden — durch wiederholte Wahlerfahrungen, durch soziale Netzwerke und durch eine zunehmend AfD-geprägte Alltagskultur in Teilen Ostdeutschlands. Die Grenze zwischen temporärem Protest und dauerhafter Bindung ist in der Forsa-Forschung schwer zu ziehen, aber die Tendenz zeigt: Je länger die AfD auf hohem Niveau bleibt, desto größer wird der dauerhaft gebundene Anteil.
„Was wir hier sehen, hat eine neue politische Qualität. Die AfD zieht davon — aber das liegt nicht nur an der AfD. Es liegt an den enttäuschten Mitte-Wählern, an den gebrochenen Versprechen, an der mangelnden Führungsstärke der Koalition. Das Ventil ist offen. Die Frage ist: Wer schließt es wieder?"
These 3: Das Vertrauen ist kaum noch zurückzugewinnen — ohne Richtungswechsel
Die dritte und politisch folgenreichste These von Forsa-Chef Dr. Peter Matuschek: Das Vertrauen, das Friedrich Merz und die Große Koalition verloren haben, ist nicht automatisch zurückzugewinnen. Es reicht nicht, Fehler zu vermeiden — es braucht aktive, sichtbare Ergebnisse, die im Alltag der Menschen ankommen.
Das ist strukturell schwierig. Wirtschaftliche Erholung ist von globalen Faktoren abhängig, die keine Regierung kontrollieren kann. Migrationspolitik ist in föderalen Strukturen zwischen Bund und Ländern aufgeteilt. Energiepreise hängen von internationalen Märkten und geopolitischen Entwicklungen ab. All das schränkt den Handlungsspielraum einer Bundesregierung erheblich ein — auch wenn Wähler diesen Unterschied oft nicht machen.
Matuschek sieht zwei theoretische Wege zurück: Erstens ein klares wirtschaftspolitisches Erfolgserlebnis — eine spürbare Belebung des Wachstums, sinkende Energiepreise, eine Entlastung bei mittleren Einkommen, die tatsächlich ankommt. Zweitens ein Führungssignal von Merz persönlich — eine Entscheidung oder ein Moment, in dem er klar zeigt, dass er trotz Koalitionszwang seinen eigenen Kurs setzen kann. Keines dieser Szenarien ist kurzfristig wahrscheinlich. Beide wären nötig, um die Umfragen zu drehen.
Für die SPD ist die Lage noch düsterer. Sie verliert als Juniorpartner überproportional — von 20,5 Prozent auf 12,7 Prozent, ein Minus von 7,8 Punkten. Das ist das historisch bekannte Muster aller Großen Koalitionen: Der kleinere Partner zahlt den Preis für die gemeinsamen Misserfolge, kann sich aber nicht von ihnen distanzieren, solange er in der Koalition sitzt. Mit 12,7 Prozent nähert sich die SPD gefährlich der 10-Prozent-Marke — einem Niveau, das vor wenigen Jahren als undenkbar für eine Volkspartei galt.
Ausblick: Was bedeutet das für die Bundestagswahl 2029?
Dr. Peter Matuschek macht im Ronzheimer-Interview deutlich, dass er die Entwicklung bis 2029 nicht linear fortschreibt. Umfragen können sich ändern — Ereignisse, Personen und wirtschaftliche Verläufe können das Bild verschieben. Aber er betont auch: Der strukturelle Rahmen, der die aktuelle Lage erklärt, ist nicht kurzfristig veränderbar.
Was das für 2029 bedeutet: Eine AfD als stärkste Partei ist bei aktuellem Trend ein plausibles Szenario. Sie wäre von der Regierung ausgeschlossen — was eine Koalition ohne sie zwingend macht. Diese Koalition müsste unter Umständen aus vier Parteien bestehen — CDU/CSU, SPD, Grüne und einer weiteren. Ein solches Bündnis hätte strukturelle Instabilität eingebaut, wie das Beispiel der Thüringer Brombeer-Koalition zeigt.
Für Merz persönlich stellt sich bis spätestens 2027 die Frage, ob seine Partei ihn noch als Kanzlerkandidaten sieht. Historisch ist die CDU nicht zimperlich, wenn Umfragen dauerhaft schlecht bleiben. Das Beispiel Helmut Kohl 1998 zeigt: Auch ein langjähriger Kanzler kann abgelöst werden, wenn die Partei Machtverlust fürchtet. Matuschek lässt diese Frage im Interview offen — aber die Daten, die er präsentiert, geben keine Entwarnung.
Häufige Fragen
These 1: Die Union hat die politische Mitte verloren. These 2: Die AfD ist ein Protestventil, das von der Schwäche der Regierung lebt, nicht von eigener Stärke. These 3: Das Vertrauen in Merz und die Koalition ist kaum noch zurückzugewinnen ohne einen sichtbaren Richtungswechsel.
Dr. Peter Matuschek ist politischer Forschungsleiter bei Forsa, einem der renommiertesten deutschen Meinungsforschungsinstitute. Er gilt als einer der führenden deutschen Wahlforschungsexperten und ist regelmäßig in politischen Diskussionen und Medien präsent.
Laut Dr. Peter Matuschek ist Vertrauensrückgewinnung möglich, aber sehr schwierig. Notwendig wären: sichtbare wirtschaftliche Ergebnisse, die im Alltag ankommen, sowie ein klares Signal der Führungsstärke. Ein reines Weiter-so ohne spürbaren Kurswechsel würde den Trend nicht stoppen.
Wenn der Trend anhält, würde die AfD 2029 als stärkste Partei antreten — wäre aber durch die Brandmauer aller anderen Parteien von der Regierungsbildung ausgeschlossen. Das würde Koalitionsverhandlungen extrem erschweren und möglicherweise zu einer Vierer-Koalition zwingen.
Die SPD verliert als Juniorpartner in der Großen Koalition besonders stark: von 20,5 % (BTW 2025) auf 12,7 % (INSA Mai 2026). Historisch ist das Muster bekannt: Die SPD verliert in allen bisherigen GroKos als kleinerer Partner überproportional, weil sie programmatisches Profil einbüßt. Mehr dazu in unserem Artikel zum SPD-Absturz 2026.
Paul Ronzheimer ist BILD-Journalist und Moderator. Er ist bekannt für Interviews mit führenden Politikerinnen und Politikern sowie politischen Experten. Sein YouTube-Kanal @Ronzheimer veröffentlicht regelmäßig Gespräche zu aktuellen politischen Entwicklungen in Deutschland.
Das vollständige Interview „So ein Umfrage-Desaster hat es noch nie gegeben" ist auf dem YouTube-Kanal von Paul Ronzheimer verfügbar: youtube.com/@Ronzheimer. Es ist dort kostenlos abrufbar. Alle weiteren Podcast-Folgen finden sich auf ronzheimer.tv.
Weiterlesen — Forsa-Serie komplett
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Serie Teil 2 Warum die AfD davonziehtProtest-Ventil, nicht eigene Stärke.
Analyse Merz-Regierung Bilanz 2026Was hat Schwarz-Rot wirklich erreicht?
Analyse SPD-Absturz 2026Warum die SPD bei 12,7 % kämpft.
Partei CDU/CSU in UmfragenAktuelle Werte und Langzeittrend.
Ratgeber Große KoalitionGeschichte und Dynamik der GroKo.


