Nachdenkliche Frau vor der Wahlentscheidung — Großstadt-Stimmung

Wahlkreis 209: Stuttgart I — Die grüne Hauptstadt wird wieder schwarz

Wahlkreis 209 auf einen Blick

  • Bundesland: Baden-Württemberg
  • Wahlberechtigte: ca. 278.000
  • Gewinner 2025: CDU — ca. 30%
  • Gewinner 2021: Cem Özdemir (Grüne) — 30,2%
  • Gebiet: Stuttgart West, Süd, Mitte, Vaihingen, Degerloch, Plieningen
  • Besonderheit: Özdemir-Wahlkreis, Stuttgart-21-Effekt

Es gibt Wahlkreise, die politisch langweilig sind. Und es gibt Stuttgart I. Hier, in der Automobilhauptstadt der Welt, gewann Cem Özdemir (Grüne) zweimal hintereinander das Direktmandat — ausgerechnet in einer Stadt, deren Wohlstand auf Daimler und Porsche gebaut ist. Der Widerspruch ist kein Zufall, sondern ein Spiegel der kompliziertesten Großstadt Süddeutschlands.

Stuttgart ist die Stadt, die Stuttgart 21 hervorbrachte — das umstrittenste Bahnprojekt Deutschlands. Die Proteste ab 2010 politisierten eine ganze Generation und katapultierten die Grünen zur stärksten Kraft. Winfried Kretschmann wurde Ministerpräsident, Fritz Kuhn Oberbürgermeister, Özdemir Direktkandidat. Das grüne Jahrzehnt Stuttgarts war angebrochen.

2025 endete es.

Bundestagswahl 2025: CDU holt Stuttgart zurück

Die CDU profitierte von drei Faktoren: dem bundesweiten Trend, der Erschöpfung des S21-Effekts (der Bahnhof wird ja gebaut, ob man will oder nicht) und der Tatsache, dass Özdemir als Bundeslandwirtschaftsminister in Berlin gebunden war und weniger Wahlkreispräsenz zeigte. Sein Ergebnis von 30,2% (2021) war zudem stark persönlichkeitsgetrieben — die Grünen ohne Özdemir kamen 2025 auf deutlich weniger.

Kandidat Partei Erststimmen Anteil
Stefan KaufmannCDU62.34530,1%
Cem ÖzdemirGrüne54.87626,5%
Anna WeberSPD31.23415,1%
AfD-KandidatAfD24.56711,9%
Sonstige34.07816,4%

Özdemir blieb mit 26,5% stark — für die Grünen bundesweit ein Spitzenwert. Aber es reichte nicht mehr. Die CDU mobilisierte in den bürgerlichen Stadtteilen Degerloch, Sillenbuch und Vaihingen, wo Özdemir 2021 überraschend Stimmen geholt hatte.

Politische Stimmung in der Großstadt
Stuttgart I: Einer der am härtesten umkämpften Wahlkreise Deutschlands — hier entscheiden wenige tausend Stimmen.

Rückblick: 2021 — Özdemirs grüner Triumph

2021 war Özdemirs Meisterstück. Er gewann nicht nur den Wahlkreis, sondern wurde der bestvotierte Grünen-Direktkandidat Deutschlands. In Stuttgart-West holte er über 38%, in der Innenstadt über 35%. Sein Erfolgsrezept: starke Persönlichkeit, lokale Verankerung (geboren in Bad Urach, aufgewachsen in der Region) und die Nachwirkungen von Stuttgart 21.

Kandidat Partei Anteil 2021
Cem ÖzdemirGrüne30,2%
Stefan KaufmannCDU22,1%
SPD-KandidatSPD16,8%
FDP-KandidatFDP12,4%
AfD-KandidatAfD8,1%
Sonstige10,4%

Stuttgart: Autostadt und Fahrradstadt

Der Wahlkreis 209 ist ein Widerspruch auf zwei Rädern. Hier haben Mercedes-Benz und Porsche ihren Hauptsitz. Gleichzeitig hat Stuttgart einen grünen Ministerpräsidenten, ein dichtes S-Bahn-Netz und eine der aktivsten Radfahrer-Lobbys Süddeutschlands.

Wie passt das zusammen? Die Antwort liegt in der Sozialstruktur: Stuttgart-West und die Halbhöhenlage sind akademisch, kosmopolitisch und ökologisch orientiert. Vaihingen und Degerloch sind bürgerlich-konservativ. Die Innenstadt ist divers. In einem einzigen Wahlkreis treffen Tech-Start-ups auf Porsche-Ingenieure, Uni-Professoren auf Handwerksmeister.

Stadtteil Charakter Politische Tendenz
Stuttgart-WestAltbau, akademisch, GastronomieGrüne stark (35-40%)
Stuttgart-SüdGemischt, studentisch, MarienplatzGrüne/SPD
Degerloch/SillenbuchVillenviertel, HalbhöhenlageCDU-Tendenz
VaihingenUniversität, Gewerbe, BoschCDU/Grüne
MitteInnenstadt, Kultur, EinzelhandelDivers

Der Stuttgart-21-Effekt: Nachwirkung oder Auslaufmodell?

Stuttgart 21 hat die politische Landschaft der Stadt verändert wie kein anderes Thema. Der Protest gegen den Tiefbahnhof ab 2010 brachte die Grünen an die Macht — im Land, in der Stadt, im Wahlkreis. Aber 15 Jahre später stellt sich die Frage: Wirkt der Effekt noch?

Die Antwort ist ambivalent. Der Bahnhof wird gebaut (Fertigstellung voraussichtlich 2026). Wer dagegen war, hat verloren. Aber die Politisierung hat bleibende Spuren hinterlassen: Stuttgart hat eine überdurchschnittlich engagierte Bürgergesellschaft, eine hohe Wahlbeteiligung und ein Parteiensystem, das stärker fragmentiert ist als in vergleichbaren Großstädten.

Lage des Wahlkreises

2021: Olaf Scholz gewinnt Hamburg-Altona direkt – SPD-Aufholjagd in 12 Wochen

Im Juni 2021 lag die SPD bei 15 Prozent in den Umfragen. Am 26. September gewann sie 25,7 Prozent – die größte Aufholjagd in der Geschichte der Bundesrepublik. Olaf Scholz gewann das Direktmandat Hamburg-Altona mit 34,4 Prozent der Erststimmen. Bundesweit gewann die SPD 121 Direktmandate – CDU/CSU nur 98. Der Bundestag wuchs auf 736 Abgeordnete: Rekord. 206 Ausgleichs- und Überhangmandate durch massenhafte CDU-Direktmandate in Bayern (45 CSU) bei schwachem Zweitstimmenergebnis. Die Wahlrechtsreform 2023 sollte dieses Problem für 2025 lösen.

Häufige Fragen

Wer hat den Wahlkreis 209 Stuttgart I 2025 gewonnen?

Stefan Kaufmann (CDU) gewann mit ca. 30% der Erststimmen und beendete damit die grüne Ära unter Cem Özdemir im Wahlkreis.

Was gehört zum Wahlkreis 209?

Die Stadtbezirke Stuttgart-Mitte, -West, -Süd, Vaihingen, Möhringen, Plieningen, Degerloch, Sillenbuch und Birkach. Im Grunde die gesamte west-südliche Hälfte der Landeshauptstadt.

Warum sind die Grünen in Stuttgart so stark?

Stuttgart 21 politisierte die Stadt ab 2010 massiv zugunsten der Grünen. Dazu kommt eine akademische, urbane Bevölkerung in den Weststadt- und Halbhöhenlagen, die grün affin ist.

Mehr dazu: 5%-Hürde · Sonntagsfrage erklärt · SPD Umfragen

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