Landtagswahlen 2024 — Der Überblick
Key-Facts: Landtagswahlen 2024
- Sachsen: 1. September 2024 — CDU 31,9%, AfD 30,6%
- Thüringen: 1. September 2024 — AfD 32,8%, CDU 23,6%
- Brandenburg: 22. September 2024 — SPD 30,9%, AfD 29,2%
- BSW: Zog in allen drei Landtagen ein (11,8%–15,8%)
- Ampel-Parteien: Historische Tiefststände in allen drei Ländern
- Besonderheit: AfD erstmals stärkste Kraft in einem Landtag (Thüringen)
Drei Wahlen, ein Signal: Der Osten wählt anders. Was sich seit der Wiedervereinigung in den Umfragen andeutete, wurde 2024 zur politischen Realität. In Thüringen erreichte die AfD erstmals in einem deutschen Landtag Platz eins — ein Ergebnis, das noch wenige Jahre zuvor als undenkbar galt. In Sachsen verhinderte nur ein hauchdünner Vorsprung der CDU, dass das Gleiche passierte. Und in Brandenburg rettete Ministerpräsident Woidke seine SPD nur durch einen radikalen Lagerwahlkampf, in dem er seine eigene Zukunft an das Wahlergebnis band.
Das BSW, erst Wochen vor den Wahlen als Partei registriert, zog in alle drei Landtage ein — mit Ergebnissen zwischen 11,8% und 15,8%. Die Grünen hingegen scheiterten in Sachsen und Thüringen an der Fünf-Prozent-Hürde, die FDP in allen drei Ländern. Die Ampel-Parteien erlebten im Osten eine Demontage, die das Koalitionsklima in Berlin weiter vergiftete — nur wenige Wochen später kam der Koalitionsbruch.
Die Regierungsbildungen nach den drei Wahlen zeigten das ganze Ausmaß der Fragmentierung: In keinem der drei Länder war eine klassische Zweierkoalition aus demokratischen Parteien möglich. Überall musste das BSW als neuer Partner eingebunden werden — eine Partei, deren außenpolitische Positionen (Skepsis gegenüber Ukraine-Hilfe und NATO) erhebliche Spannungen in die Koalitionsverhandlungen brachten.
Das Superwahljahr 2024 brachte in Ostdeutschland politische Erdbeben: Die AfD wurde in Thüringen erstmals stärkste Kraft in einem deutschen Landtag, das erst Monate zuvor gegründete Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) zog aus dem Stand in alle drei Parlamente ein, und die Ampel-Parteien erlebten in den ostdeutschen Ländern eine Demontage. Die drei Landtagswahlen galten als Vorboten für die Bundestagswahl 2025.
Sachsen — 1. September 2024
In Sachsen verteidigte Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) seinen Posten — allerdings nur knapp. Die CDU lag mit 31,9% nur 1,3 Prozentpunkte vor der AfD (30,6%). Das BSW zog mit 11,8% in den Landtag ein.
| Partei | Ergebnis | Sitze | Veränderung |
|---|---|---|---|
| CDU | 31,9% | 41 | −0,3% |
| AfD | 30,6% | 40 | +3,1% |
| BSW | 11,8% | 15 | neu |
| SPD | 7,3% | 10 | −0,4% |
| Grüne | 5,1% | 6 | −3,5% |
| Linke | 4,5% | 6 | −6,2% |
| FDP | 0,9% | 0 | −3,7% |
Die Koalitionsbildung gestaltete sich extrem schwierig. Weder CDU + SPD noch CDU + Grüne hatten eine Mehrheit. Letztlich bildeten CDU und BSW eine Koalition — ein bundesweites Novum.
Thüringen — 1. September 2024
In Thüringen machte die AfD unter ihrem Landeschef Björn Höcke ein historisches Ergebnis: Mit 32,8% wurde sie erstmals stärkste Kraft in einem deutschen Landtag. Die CDU landete abgeschlagen auf Platz zwei.
| Partei | Ergebnis | Sitze | Veränderung |
|---|---|---|---|
| AfD | 32,8% | 32 | +9,4% |
| CDU | 23,6% | 23 | +2,0% |
| BSW | 15,8% | 15 | neu |
| Linke | 13,1% | 12 | −18,0% |
| SPD | 6,1% | 6 | −2,1% |
| Grüne | 3,2% | 0 | −2,0% |
| FDP | 1,1% | 0 | −4,0% |
Besonders dramatisch: Die Linke, die unter Bodo Ramelow seit 2014 den Ministerpräsidenten stellte, stürzte von 31,0% auf 13,1% ab. Die Grünen und die FDP verfehlten die Fünf-Prozent-Hürde. Die AfD erreichte über ein Drittel der Stimmen und damit eine Sperrminorität, mit der sie Verfassungsänderungen blockieren konnte.
Brandenburg — 22. September 2024
In Brandenburg gelang der SPD unter Ministerpräsident Dietmar Woidke ein bemerkenswertes Comeback. Woidke hatte sein politisches Schicksal an das Wahlergebnis geknüpft: Sollte die AfD stärkste Kraft werden, wollte er zurücktreten. Am Ende lag die SPD mit 30,9% knapp vor der AfD (29,2%).
| Partei | Ergebnis | Sitze | Veränderung |
|---|---|---|---|
| SPD | 30,9% | 32 | +4,7% |
| AfD | 29,2% | 30 | +5,7% |
| BSW | 13,5% | 14 | neu |
| CDU | 12,1% | 12 | −3,5% |
| Grüne | 4,1% | 0 | −6,6% |
| Linke | 3,0% | 0 | −7,7% |
| BVB/Freie Wähler | 2,6% | 0 | −2,4% |
Woidkes Strategie, den Wahlkampf als persönliches Duell SPD gegen AfD zu inszenieren, ging auf. Viele Wähler von Grünen, Linken und CDU stimmten taktisch für die SPD, um einen AfD-Sieg zu verhindern.
Die AfD in Ostdeutschland: Analyse einer Dominanz
Die drei Landtagswahlen 2024 machten ein Phänomen sichtbar, das sich seit 2017 verstärkt hatte: Die AfD war in Ostdeutschland zur stärksten politischen Kraft geworden — nicht nur in Umfragen, sondern in tatsächlichen Wahlergebnissen. In Thüringen erreichte die Partei unter ihrem Landesvorsitzenden Björn Höcke, der vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft wird, über ein Drittel der Stimmen.
| AfD-Entwicklung Ostdeutschland | 2019 | 2024 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Sachsen | 27,5% | 30,6% | +3,1% |
| Thüringen | 23,4% | 32,8% | +9,4% |
| Brandenburg | 23,5% | 29,2% | +5,7% |
Die Sperrminorität der AfD in Thüringen (ein Drittel der Sitze) hatte konkrete Folgen: Die Partei konnte Verfassungsänderungen und die Wahl von Verfassungsrichtern blockieren. Die Konstituierung des Landtags gestaltete sich chaotisch, da der AfD-Alterspräsident verfahrenstechnische Manöver unternahm, die vom Landesverfassungsgericht unterbunden werden mussten (Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung).
Das Phänomen BSW
Das Bündnis Sahra Wagenknecht, erst im 8. Januar 2024 als Partei gegründet, erzielte bei allen drei Landtagswahlen zweistellige Ergebnisse — eine beispiellose Leistung für eine so junge Partei. Keine Parteigründung seit der Grünen (1980) hatte so schnell so starke Wahlergebnisse erzielt.
Das BSW füllte eine Lücke im Parteiensystem, die Politikwissenschaftler als „links-autoritären Quadranten“ bezeichnen: wirtschaftlich links (höherer Mindestlohn, starker Sozialstaat, Vermögensteuer), kulturell konservativ (restriktive Migrationspolitik, Ablehnung von Gender-Sprache) und außenpolitisch gegen die Ukraine-Unterstützung und für diplomatische Lösungen mit Russland.
Die Wähler des BSW kamen aus allen Richtungen: Von der Linken (die am stärksten verlor — in Thüringen von 31,0% auf 13,1%), von der AfD, von der SPD und von Nichtwählern. In Thüringen und Sachsen wurde das BSW zum Juniorpartner der CDU in neuen Landesregierungen — was innerhalb der CDU zu heftigen Debatten führte, da Wagenknecht von Bundesebene aus Bedingungen an die Koalitionsverhandlungen knüpfte (etwa eine Erklärung gegen Raketenstationierung).
Auswirkungen auf die Bundespolitik
Die drei Landtagswahlen hatten massive Auswirkungen auf die Bundesebene:
- Ampel unter Druck: SPD, Grüne und FDP kamen in allen drei Ländern zusammen auf unter 15%. Die Regierung war in Ostdeutschland quasi nicht existent.
- Koalitions-Debatte: Die schwierigen Koalitionsbildungen mit dem BSW zeigten, dass klassische Lager-Politik nicht mehr funktionierte.
- AfD-Frage: Das Ergebnis befeuerte die Debatte über den Umgang mit der AfD — Brandmauer oder Dialog?
- BSW-Faktor: Die neue Partei wurde zum bundespolitischen Faktor und beeinflusste die Debatte über Ukraine-Politik und Migration.
Nur wenige Wochen nach der Brandenburg-Wahl zerbrach die Ampel-Koalition im November 2024, was letztlich zur vorgezogenen Bundestagswahl im Februar 2025 führte.
Wahlbeteiligung im Vergleich
| Land | Wahlbeteiligung 2024 | Wahlbeteiligung 2019 | Differenz |
|---|---|---|---|
| Sachsen | 74,4% | 66,5% | +7,9% |
| Thüringen | 73,6% | 64,9% | +8,7% |
| Brandenburg | 72,9% | 61,3% | +11,6% |
In allen drei Ländern stieg die Wahlbeteiligung deutlich — ein Zeichen für die starke Polarisierung und Mobilisierung. Besonders in Brandenburg war der Anstieg mit fast 12 Prozentpunkten bemerkenswert.
Die Koalitionsbildung: Neue Muster in schwierigem Terrain
Die Regierungsbildung nach den drei Landtagswahlen 2024 war ein historisches Novum. In Sachsen und Thüringen bildeten CDU und BSW Koalitionen — ein auf Bundesebene undenkbares Bündnis, das die CDU in interne Zerreißproben stürzte. Sahra Wagenknecht knüpfte von Berlin aus Bedingungen an die Koalitionsverhandlungen auf Landesebene, etwa eine Positionierung gegen die Stationierung von US-Mittelstreckenraketen in Deutschland. In Brandenburg koalierte die SPD mit dem BSW. Alle drei Koalitionen zeigten: Die klassische Lagerpolitik (Mitte-Rechts gegen Mitte-Links) funktionierte in Ostdeutschland nicht mehr. Die Parteien mussten über ideologische Grenzen hinweg zusammenarbeiten, um regierungsfähige Mehrheiten jenseits der AfD zu bilden.
Die schwierige Koalitionsbildung hatte auch eine zeitliche Dimension: In Thüringen dauerte es über drei Monate, bis eine Regierung stand. Die AfD nutzte ihre Sperrminorität im Landtag, um die Konstituierung des Parlaments zu behindern — ein Vorgang, der vom Landesverfassungsgericht unterbunden werden musste. Politikwissenschaftler warnten, dass die ostdeutsche Demokratie unter „Koalitionsstress“ stehe: Wenn in einem Landtag über 45 % der Sitze auf Parteien entfallen, mit denen keine der übrigen koalieren will oder kann, werden stabile Regierungen mathematisch nahezu unmöglich. Diese Problematik wird bei den nächsten ostdeutschen Landtagswahlen 2029 voraussichtlich erneut auftreten.
1. September 2024, Sachsen: Die AfD gewinnt — und regiert trotzdem nicht
Bei der Sachsen-Wahl am 1. September 2024 wurde die AfD mit 30,6% erstmals stärkste Kraft in einem Bundesland — der erste solche Erfolg einer Partei weit rechts der Union seit 1945. Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU, 31,9%) hatte vorher erklärt, er werde mit der AfD nie koalieren. Er musste Wort halten — und bildete eine mathematisch absurde Regierung: CDU (31,9%) + SPD (7,3%) + BSW (11,8%) = 51% Mehrheit, nur 3 Sitze über der Mindestzahl. Dieser Koalitionsvertrag war ideologisch das Unwahrscheinlichste seit der Nachkriegszeit: Die Partei von Sahra Wagenknecht, gegründet im Januar 2024, sitzt 8 Monate später in der sächsischen Regierung — koalierend mit der CDU, der sie auf Bundesebene als Hauptgegner betrachtet. Eine Regierung als institutioneller Kompromiss ohne gemeinsame politische Basis.
Thüringen 2024: Erstmals stellt die AfD den stärksten Ministerpräsidentenkandidaten
Mit 32,8 Prozent wurde die AfD bei der Thüringer Landtagswahl am 1. September 2024 stärkste Partei – ein historisches Novum für eine Partei rechts der Union. Thüringens AfD-Landeschef Björn Höcke, der als gesichert rechtsextrem gilt, beanspruchte das Amt des Ministerpräsidenten. Alle anderen Parteien schlossen eine Koalition mit der AfD aus. Das Ergebnis: Monatelange Koalitionsverhandlungen zwischen CDU, BSW und SPD, die nur gemeinsam eine hauchdünne Mehrheit bilden konnten – und dabei inhaltlich kaum eine gemeinsame Linie fanden. Thüringen ist damit zum Sinnbild der Koalitionsbildungskrise im Osten geworden. Mehr zu den Ergebnissen im Überblick: Landtagswahlen 2024.
Häufige Fragen
Welche Landtagswahlen fanden 2024 statt?
2024 fanden drei Landtagswahlen statt: Sachsen und Thüringen am 1. September sowie Brandenburg am 22. September.
In welchem Bundesland wurde die AfD 2024 stärkste Kraft?
Die AfD wurde in Thüringen mit 32,8% erstmals stärkste Kraft in einem Landtag. In Sachsen lag sie mit 30,6% knapp hinter der CDU.
Was ist das BSW?
Das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) ist eine im Januar 2024 gegründete Partei. Sie zog bei allen drei Landtagswahlen 2024 aus dem Stand in die Parlamente ein.
Welche Koalitionen entstanden nach den Landtagswahlen 2024?
CDU und BSW bildeten in Sachsen und Thüringen Regierungsbündnisse. In Brandenburg regierte die SPD mit dem BSW.
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