Wahlveranstaltung in Berlin mit Politikerin und Publikum

Linke und die 5-%-Hürde — Direktmandate-Rettung 2021, Situation 2025

Key-Facts: Linke und 5-%-Hürde

  • 2021: 4,9 % — Einzug über Grundmandatsklausel
  • 2002: 4,0 % — Nur 2 Direktmandate, kein Fraktionsstatus
  • Wahlrechtsreform 2023: Grundmandatsklausel abgeschafft
  • BSW-Spaltung 2024: Verlust des Fraktionsstatus im Bundestag
  • 2025: 8,8 % — Im Bundestag! Brandmauer-Rede Reichinnek, 64 Sitze

2021 retteten drei Direktmandate die Fraktion. 2025 kehrte die Linke mit 8,8 Prozent triumphierend in den Bundestag zurück — dank des Reichinnek-Effekts. Zweimal an derselben Klippe. Beim ersten Mal gab es einen Notausgang. Beim zweiten Mal brauchte sie keinen. Die Linke und die Fünf-Prozent-Hürde — das ist die Geschichte einer Partei, die immer dann aufersteht, wenn niemand es mehr erwartet.

Die Grundmandatsklausel: Ein Sicherheitsnetz für regional starke Parteien

Bis 2023 kannte das deutsche Wahlrecht eine Ausnahme, die für die Linke existenziell wurde: Wer mindestens drei Wahlkreise direkt gewann, zog auch unter 5 Prozent gemäß seinem Zweitstimmenanteil in den Bundestag ein. Die Regel war für Parteien gedacht, die in einzelnen Regionen tief verwurzelt sind, aber bundesweit unter der Hürde bleiben. Für die Linke mit ihren ostdeutschen Hochburgen passte das Profil wie angegossen.

2002: Das Desaster, das fast das Ende war

Bundestagswahl 2002, die PDS bei 4,0 Prozent. Nur zwei Direktmandate — Petra Pau und Gesine Lötzsch, beide in Berlin. Zu wenig für die Grundmandatsklausel. Die PDS verlor Fraktion, Redezeit, Ausschusssitze, finanzielle Mittel. Zwei fraktionslose Abgeordnete in einem Parlament mit 603 Sitzen. Das sah aus wie das Ende. Es war der Anfang der WASG.

Wählerinnen und Wähler im Wahllokal bei der Stimmabgabe — Demokratie in Deutschland
Im Wahllokal: Bürgerinnen und Bürger geben ihre Stimme ab.

2005 bis 2017: Erholung und trügerische Sicherheit

Die Fusion mit der WASG brachte 2005 sofort 8,7 Prozent. Dann 2009 der Rekord: 11,9 Prozent, 76 Sitze. Die Fünf-Prozent-Hürde schien kein Thema mehr. 8,6 Prozent 2013, 9,2 Prozent 2017 — immer darüber, mit fallendem Trend, aber noch komfortabel. Niemand rechnete damit, dass die nächste Wahl ein Thriller werden würde.

Bundestagswahl Zweitstimmen Direktmandate Sitze Status
1998 5,1 % 4 36 Knapp über Hürde
2002 4,0 % 2 2 Unter Hürde, keine Fraktion
2005 8,7 % 3 54 Über Hürde
2009 11,9 % 16 76 Rekordergebnis
2013 8,6 % 4 64 Über Hürde
2017 9,2 % 5 69 Über Hürde
2021 4,9 % 3 39 Grundmandatsklausel
2025 8,8 % 0 64 Comeback! Reichinnek-Effekt — im 21. Bundestag

Wahlnacht 2021: Der Thriller

Am Wahlabend des 26. September 2021 schwankten die Hochrechnungen für die Linke zwischen 4,8 und 5,1 Prozent. Jede Aktualisierung wurde zur Zitterpartie. Das Endergebnis: 4,9 Prozent. Unter der Hürde. Aber Gregor Gysi hatte Berlin-Treptow-Köpenick gewonnen, Gesine Lötzsch Berlin-Lichtenberg, Sören Pellmann Leipzig. Drei Direktmandate. Die Grundmandatsklausel griff. 39 Sitze statt Totalverlust.

Die Partei hatte überlebt. Aber die Botschaft war klar: Ohne drei Wahlkreissieger in Ostberlin und Leipzig wäre sie aus dem Bundestag geflogen. Eine Abhängigkeit von drei Personen und drei Städten — das ist keine Strategie, das ist Glück.

Reichstag Berlin mit Deutschlandfahne — Sitz des Bundestags
Der Reichstag: Für Die Linke ist der Einzug kein Selbstläufer — 2002 und 2025 blieb die Tür zu.

Was die neue Regel für Direktkandidaten bedeutet

Unter der alten Grundmandatsklausel galt: Drei gewonnene Wahlkreise retten die Fraktion. Unter dem neuen Recht gibt es diese Rettung nicht mehr. Aber was passiert mit Direktkandidaten, wenn ihre Partei unter 5 Prozent bleibt?

Das Bundesverfassungsgericht hat 2023 klargestellt: Direktmandate ohne Parteieinzug sind nicht möglich. Ein Kandidat, der seinen Wahlkreis direkt gewinnt, zieht trotzdem nicht in den Bundestag ein, wenn seine Partei unter 5 Prozent der Zweitstimmen bleibt — sofern keine weitere Ausnahmeregelung greift. Das ist eine radikale Änderung gegenüber dem vorherigen System, bei dem das Direktmandat als Einzel-Legitimation galt.

Praktisch bedeutet das: Hätte die Linke 2021 unter dem neuen Recht gewählt, hätten Gysi, Lötzsch und Pellmann ihre Wahlkreise gewonnen — und wären trotzdem draußen gewesen. Genau das geschah 2025: Das Sicherheitsnetz war weg. Die Partei erzielte nur 3,8 Prozent und gewann kein Direktmandat. Erstmals seit 2002 steht Die Linke vollständig außerhalb des Bundestags.

2023: Das Netz wird abgebaut

Die Wahlrechtsreform der Ampel-Koalition 2023 strich die Grundmandatsklausel. Das Bundesverfassungsgericht erklärte diese Streichung im Juli 2024 jedoch für verfassungswidrig — die Klausel gilt weiterhin. Da Die Linke bei der Bundestagswahl 2025 aber gar kein einziges Direktmandat gewann (und nicht einmal die drei benötigten hatte), half ihr die Klausel nicht. Das Sicherheitsnetz war in ihrem Fall schlicht nicht erreichbar — nicht weil es abgebaut war, sondern weil die Partei die Bedingungen nicht erfüllte.

2024–2025: Vom Fraktionsverlust zum Scheitern

Dann kam die BSW-Abspaltung. Zehn Abgeordnete weg, Fraktionsstatus verloren, 15.000 Mitglieder abgewandert. Die Umfragen zur Bundestagswahl 2025 schwankten zwischen 3 und 6 Prozent. Die neue Doppelspitze van Aken und Schwerdtner setzte auf Klarheit statt Flügelkompromisse: soziale Gerechtigkeit, Mieten, Löhne. Es war eine Wette darauf, dass die verbliebene Wählerschaft größer ist als die Umfragen vermuten ließen.

Die Wette ging auf. 8,8 Prozent bei der Bundestagswahl 2025 — über der Hürde, 64 Sitze, mit Fraktion im Bundestag. Die Brandmauer-Rede Heidi Reichinneks im Januar 2025 hatte die Partei in den Umfragen von 7 auf 8,8 Prozent katapultiert. Dass eine Partei, die intern zerrissen schien, kurz vor der Wahl so stark anzieht — dafür gibt es kaum Präzedenzfälle in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Mehr dazu: Reichinneks Comeback →

2021: Linke rettet sich mit 4,9 Prozent durch drei Direktmandate in den Bundestag

Bei der Bundestagswahl am 26. September 2021 erhielt die Linke 4,9 Prozent – 0,1 Prozentpunkte unter der Fünf-Prozent-Hürde. In der Wahlnacht schien sie draußen. Dann wurden die Direktmandate ausgezählt: Gregor Gysi in Treptow-Köpenick, Gesine Lötzsch in Berlin-Lichtenberg, Sören Pellmann in Leipzig-Süd. Drei Direktmandate – genau die Mindestzahl für die Grundmandatsklausel. Die Linke zog mit 39 Sitzen in den Bundestag ein, obwohl sie an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert war. Ohne Gysi und seine Berliner Sitze wäre die Partei auf Bundesebene nicht vertreten gewesen.

1990: Die PDS – wie eine Staatspartei zur Oppositionspartei wurde

Die PDS (Partei des Demokratischen Sozialismus) war die Nachfolgeorganisation der SED – der Staatspartei der DDR. Nach der Wende verlor sie Millionen Mitglieder, aber bewahrte ihr Netz in Ostdeutschland. 1990 zog sie mit 2,4 Prozent bundesweit (aber 4 Direktmandaten in Berlin-Ost) in den Bundestag ein. 1994: 4,4 Prozent. 1998: 5,1 Prozent. In Ostdeutschland war sie bis zu 25 Prozent stark. 2005 fusionierte sie mit der West-WASG zur Linken. 2021 war die Linke mit 4,9 Prozent fast out. 2025: Wagenknecht verließ die Linke – und gründete BSW. Die Linke ist nun ein Torso.

Häufige Fragen

Wie hat Die Linke 2021 den Bundestag-Einzug geschafft?

Die Linke erreichte 2021 nur 4,9 Prozent, rettete sich aber über drei Direktmandate in Berlin und Leipzig über die Grundmandatsklausel in den Bundestag.

Was ist die Grundmandatsklausel?

Die Grundmandatsklausel ist eine Ausnahmeregel im Bundeswahlgesetz: Wer mindestens drei Direktmandate gewinnt, zieht auch unter 5 Prozent in den Bundestag ein. Die Ampel-Koalition schaffte sie mit der Wahlrechtsreform 2023 ab — das Bundesverfassungsgericht erklärte diese Streichung im Juli 2024 jedoch für verfassungswidrig. Die Klausel gilt daher weiterhin. Da Die Linke bei der Bundestagswahl 2025 jedoch kein einziges Direktmandat gewann, half sie ihr nicht.

Hat Die Linke die 5-Prozent-Hürde 2025 geschafft?

Ja. Die Linke erzielte bei der Bundestagswahl 2025 8,8 Prozent und zog in den 21. Bundestag ein. Die Brandmauer-Rede Heidi Reichinneks trieb die Partei von 7 auf 8,8 Prozent — ein Comeback, das kaum jemand erwartet hatte.

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