Grüne in der Landespolitik — Kretschmann, Koalitionen und kommunale Stärke
Winfried Kretschmann regierte Baden-Württemberg von 2011 bis 2026. Jedes Jahr sagten Kritiker, das sei ein Sonderfall. Die Landtagswahl März 2026 zeigte: Es ist kein Sonderfall — die Grünen gewannen auch ohne Kretschmann mit 30,2 % als stärkste Kraft. Cem Özdemir tritt die Nachfolge an. Das Modell funktioniert auch ohne den Gründer.
Key-Facts: Grüne Landespolitik
- Ministerpräsident (vor.): Cem Özdemir (BaWü, ab 2026)
- Regierungsbeteiligungen: Mehrere Bundesländer (Stand 2026)
- Koalitionstypen: Grün-Schwarz, Schwarz-Grün, Rot-Grün, Ampel
- Kommunal: Stark in Universitätsstädten, mehrere Oberbürgermeister
- Schwäche: Ostdeutschland (z.T. unter 5 %)
Kretschmann: Der Unbequeme
Winfried Kretschmann passt in keine Schublade. Konservativer Katholik, Jahrgang 1948, pragmatisch bis zur Schmerzgrenze. Sein Erfolg beruht darauf, dass er genau die Wähler anspricht, die die Grünen bundesweit nicht erreichen: ältere, bürgerliche, ländliche Menschen, die Ökologie gut finden, aber keine Revolution wollen. 2011 trug ihn Fukushima ins Amt. 2016 wurde er mit 30,3 % stärkste Kraft. 2021 mit 32,6 %.
Drei Erkenntnisse aus Kretschmanns Modell. Erstens: Er hat die CDU zum Juniorpartner degradiert — in einem Bundesland, das 58 Jahre lang schwarz regiert wurde. Historisch. Zweitens: Sein Regierungsstil ist so ungrün wie erfolgreich. „Politik des Gehörtwerdens" statt Konfrontation, Wirtschaftsfreundlichkeit statt Verbotsrhetorik. Drittens: Die Landtagswahl März 2026 hat bewiesen, dass das Modell ohne Kretschmann funktioniert. Die Grünen gewannen mit 30,2 % vor der CDU — Özdemir ist seit Frühjahr 2026 Ministerpräsident. Das grüne BaWü ist kein Einzel-Phänomen mehr.
Regierungsbeteiligungen: Die Vielfalt der Modelle
| Bundesland | Koalition | Rolle | Seit |
|---|---|---|---|
| Baden-Württemberg | Grün-Schwarz II (ab 2026) | Ministerpräsident (Özdemir) | 2026 |
| Nordrhein-Westfalen | Schwarz-Grün | Juniorpartner | 2022 |
| Schleswig-Holstein | Schwarz-Grün | Juniorpartner | 2022 |
| Niedersachsen | Rot-Grün | Juniorpartner | 2022 |
| Bremen | Rot-Grün-Volt | Mittlerer Partner | 2023 |
| Hamburg | Rot-Grün | Juniorpartner | 2025 |
| Rheinland-Pfalz | bis 2026: SPD-Grüne (Minderheit) | ehem. Juniorpartner | — |
Die Tabelle zeigt, was die Grünen auf Länderebene können: mit fast jedem koalieren. Rot-Grün, Schwarz-Grün, Dreierbündnisse — die Partei hat ihre Koalitionsfähigkeit in den letzten zwei Jahrzehnten massiv erweitert. Was in den 1980er Jahren undenkbar war — Regieren mit der CDU — ist heute Normalität.
Kommunal: Freiburg, Tübingen und die grünen Inseln
In Städten wie Freiburg, Tübingen, Münster und Darmstadt sind die Grünen dominante Kräfte — stärkste Fraktion im Stadtrat, teilweise mit grünen Oberbürgermeistern. Diese kommunale Stärke ist kein Zufall: Universitätsstädte mit hohem Akademikeranteil und junger Bevölkerung liefern exakt die Demografie, die die Grünen brauchen.
Die Kehrseite: In ländlichen Gemeinden unter 5.000 Einwohnern finden sich oft nicht genug Mitglieder für einen funktionierenden Ortsverband. Im Osten ist das Problem noch drastischer — dort kämpfen die Grünen in vielen Landkreisen nicht um Ratsmandate, sondern um Sichtbarkeit.
Der Osten: Existenzfrage statt Machtfrage
Thüringen 3,2 %, Brandenburg 4,1 % — bei den Landtagswahlen 2024 flogen die Grünen in zwei ostdeutschen Ländern aus dem Parlament. In Sachsen retteten sie sich mit 5,1 % knapp. Die Ursachen sind strukturell und in den Wahlergebnissen deutlich sichtbar: weniger Großstädte, weniger Akademiker, andere Prioritäten. Die Fusion mit Bündnis 90 im Jahr 1993 hat das Ostproblem nicht gelöst — 30 Jahre später ist es größer denn je.
Nach Kretschmann: Özdemir tritt das Erbe an
Die große Frage der grünen Landespolitik war jahrelang: Was passiert nach Kretschmann? Die Antwort kam im März 2026. Die Grünen gewannen die Landtagswahl in Baden-Württemberg mit 30,2 % als stärkste Kraft. Cem Özdemir, Bundestagsabgeordneter und ehemaliger Bundesminister, ist seit Frühjahr 2026 Ministerpräsident (Schwarz-Grün II). Das Modell funktioniert also auch ohne Kretschmann — die Grünen sind in BW keine Ein-Mann-Partei.
2011: Baden-Wuerttemberg wählt Grüne – erste grüne Staatskanzlei in der Geschichte
Am 27. März 2011 wurden die Grünen in Baden-Wuerttemberg mit 24,2 Prozent stärkste Kraft der Grünen in einem deutschen Flaechenland. Winfried Kretschmann wurde Ministerpräsident – der erste Grüne an der Spitze einer Landesregierung ausserhalb einer Stadtstaates. Die CDU hatte seit 1953 regiert. Auslöser: Stuttgart 21 und Fukushima. Kretschmann wurde 2016 und 2021 wiedergewählt – mit teils absoluten Mehrheiten. Er wurde zur ungewöhnlichsten Figur der deutschen Landespolitik: Ein Grüner, der in einem wirtschaftsstarken Suedwestland zum beliebtesten Politker aller Parteien wurde.
LTW Baden-Württemberg März 2026: Grüne gewinnen — Özdemir neuer Ministerpräsident
Nach der Bundestagswahl 2025 (11,6 %) sind die Grünen auf Bundesebene in der Opposition. Auf Länderebene aber gewannen sie die Landtagswahl in Baden-Württemberg im März 2026 mit 30,2 % als stärkste Kraft. Kretschmann trat nach 15 Jahren nicht erneut an — sein Nachfolger Cem Özdemir übernimmt das Amt des Ministerpräsidenten und setzt die Schwarz-Grüne Koalition mit der CDU fort. Das Ergebnis: Baden-Württemberg bleibt das einzige Bundesland mit einem grünen Regierungschef.
Häufige Fragen
In welchem Bundesland stellen die Grünen den Ministerpräsidenten?
In Baden-Württemberg. Kretschmann war von 2011 bis 2026 der erste grüne Ministerpräsident Deutschlands. Nach der Landtagswahl März 2026 (Grüne 30,2 % — stärkste Kraft) folgt ihm Cem Özdemir nach. Die Grünen regieren weiter mit der CDU in einer grün-schwarzen Koalition.
In wie vielen Landesregierungen sind die Grünen vertreten?
Stand 2026 sind die Grünen in mehreren Landesregierungen vertreten, darunter Baden-Württemberg, NRW, Schleswig-Holstein und Niedersachsen.
Wie stark sind die Grünen auf kommunaler Ebene?
In Universitätsstädten wie Freiburg, Tübingen und Darmstadt stellen die Grünen teilweise Oberbürgermeister oder sind stärkste Fraktion im Stadtrat.
Alle Informationen zur Partei finden Sie in der Übersicht: Die Grünen — Partei im Profil.
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Baden-Württemberg als Modell: Was die Grünen richtig gemacht haben
Kretschmanns Erfolgsrezept wird in der gesamten Partei debattiert. Drei Faktoren stechen heraus. Erstens eine Rhetorik der Zumutbarkeit: Kretschmann spricht nicht über Verbote, sondern über Notwendigkeiten. Er sagt nicht „wir müssen das Auto abschaffen", sondern „wir müssen klüger mit Mobilität umgehen". Das klingt ähnlich, wirkt aber fundamental anders auf Wähler, die beim Gedanken an Verbote reflexartig abschalten. Zweitens eine wirtschaftsnahe Positionierung: Baden-Württemberg ist Industrieland, Heimat von Mercedes, Porsche, Bosch. Kretschmann hat nie so getan, als wäre Industrie der Feind. Er hat verhandelt. Drittens Verzicht auf kulturkämpferische Themen: Migration, Gendern, innere Sicherheit — auf diesen Feldern hat er die Konflikte nicht gesucht.
Ob Özdemir dieses Modell fortführen kann, ist die entscheidende Frage. Er ist jünger, urbaner, zugespitzter in der Kommunikation. Sein Test kommt 2026 — das erste Jahr als Ministerpräsident zeigt, ob das Modell personenunabhängig ist oder an Kretschmann gebunden war.

Kommunale Ebene: Die vergessene Grüne Stärke
In vielen Großstädten sind die Grünen die stärkste oder zweitstärkste kommunale Kraft. In Freiburg stellt die Partei den Oberbürgermeister, in Tübingen ebenfalls (Boris Palmer — bis zu seinem Austritt), in Münster ist sie mit 20 Prozent im Stadtrat vertreten. Diese kommunale Verwurzelung ist ein Asset, der in der Bundesberichterstattung untergeht: Grüne Bürgermeister verwalten Radwegekonzepte, kommunalen ÖPNV und Solarpflichten — real und pragmatisch, nicht programmatisch. Sie sind das Gegenmodell zu dem, was Kritiker als Grünen-Ideologie bezeichnen.
Grüne Hochburgen und Tiefen
Freiburg: 28,3 Prozent bei der Bundestagswahl 2025. Osnabrück: 16 Prozent. Cottbus: 4 Prozent. München-Schwabing: 22 Prozent. Bautzen: 3 Prozent. Die regionalen Unterschiede der Grünen Wahlergebnisse zeigen ein klares Muster: wo Universitäten, wo Kreativwirtschaft, wo hohe Bildungsquoten — da Grün. Wo Industriearbeiter, wo Pendlerregionen, wo Ostdeutschland — da unter Fünf. Diese Karte verändert sich kaum. Sie ist demografisch, nicht politisch bestimmt. Das ist das strukturelle Problem der Grünen: Sie können die Karte nicht verändern, ohne die eigene Identität zu verändern.
