Politische Kundgebung in Köln — Symbolbild für Klimaschutz-Engagement der Grünen

Grüne Klimapolitik — Kohleausstieg, EEG, Tempolimit und CO2-Preis

Kein Thema definiert die Grünen so sehr wie die Klimapolitik. Kein Thema spaltet sie so sehr wie die Frage, wie schnell es gehen muss.

Als die Grünen in den 1980er Jahren vor dem Klimawandel warnten, war das exotisch. Heute ist Klimaschutz Mainstream — und die Grünen stehen vor einem Paradox: Das Thema, das sie groß gemacht hat, gehört ihnen nicht mehr allein. Jede Partei hat inzwischen ein Klimakapitel im Programm. Der Unterschied liegt im Tempo und in der Bereitschaft, für den Klimaschutz politische Kosten in Kauf zu nehmen. Hier trennt sich grüne Klimapolitik von dem, was andere anbieten.

Key-Facts: Grüne Klimapolitik

  • Ziel: Klimaneutralität bis 2045
  • Kohleausstieg: Forderung bis 2030 (gesetzlich: 2038)
  • Erneuerbare: 80 % Anteil am Strom bis 2030
  • CO2-Preis: Steigend mit sozialem Ausgleich (Klimageld)
  • Tempolimit: 130/80/30 km/h
  • Kernenergie: Endgültig abgeschaltet (April 2023)

Kohle: Der Konflikt, der nie endet

2030 oder 2038 — hinter dieser Jahreszahl steckt ein Grundsatzstreit. Die Grünen fordern den vollständigen Kohleausstieg bis 2030, acht Jahre früher als gesetzlich festgelegt. In der Ampel-Koalition gelang ein Teilerfolg: Das Rheinische Revier steigt 2030 aus, mit einer Einigung mit RWE. Die ostdeutschen Reviere in der Lausitz? Bleiben beim späten Termin. Für die Grünen war das ein fauler Kompromiss. Für die Gewerkschaften war es das Minimum an sozialer Rücksichtnahme.

Der Kohleausstieg illustriert ein wiederkehrendes Muster grüner Klimapolitik: Die Analyse ist oft richtig, die politische Durchsetzung aber scheitert an den Verhältnissen. Kohle ist der emissionsintensivste Energieträger, und ein schneller Ausstieg wäre klimapolitisch sinnvoll. Aber Arbeitsplätze lassen sich nicht per Beschluss in eine neue Branche teleportieren.

Das EEG: Eine Erfolgsgeschichte mit Haken

Das Erneuerbare-Energien-Gesetz ist der größte legislative Erfolg der Grünen. Eingeführt 2000 unter Rot-Grün, reformiert 2022 unter Habeck. Die Idee: Garantierte Einspeisvergütungen für Ökostrom, beschleunigte Genehmigungen, erneuerbare Energien als „im überragenden öffentlichen Interesse". Deutschland hat dadurch einen der am schnellsten wachsenden Erneuerbare-Energien-Sektoren der Welt aufgebaut.

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Der Haken: Die EEG-Umlage wurde jahrelang als Kostentreiber kritisiert. Und der Netzausbau — die Leitungen, die den Windstrom aus dem Norden in den Süden bringen sollen — hinkt dem Ausbau der Windkraft hinterher. Eine Erfolgsgeschichte, die unvollständig bleibt.

InstrumentBeschreibungStatus (2026)
KohleausstiegStilllegung aller KohlekraftwerkeRheinisches Revier 2030, Lausitz 2038
EEG-ReformBeschleunigter Ausbau Wind/SolarVerabschiedet 2022, in Umsetzung
CO2-PreisBepreisung fossiler Brennstoffe55 €/t (2025), steigend
KlimageldPro-Kopf-RückerstattungNicht umgesetzt
Tempolimit130/80/30 km/hAn FDP gescheitert
GebäudeenergiegesetzErneuerbare HeizungenVerabschiedet 2023 (entschärft)
AtomausstiegAbschaltung aller AKWVollzogen (April 2023)

CO2-Preis und das Phantom Klimageld

Seit 2021 zahlen Deutsche einen CO2-Preis auf Heizöl, Gas und Benzin. Die Grünen wollen ihn höher und schneller steigend. Gleichzeitig versprechen sie das Klimageld: Jeder Bürger bekommt die CO2-Einnahmen als Pauschale zurück. Wer wenig CO2 verursacht, profitiert netto. Wer viel fährt und heizt, zahlt drauf.

Die Idee ist bestechend — ökonomisch sauber, sozial gerecht, verhaltenssteuernd. Aber drei Jahre Ampel-Regierung später existiert das Klimageld immer noch nicht. Erst hieß es, die technische Infrastruktur fehle. Dann fehlte der politische Wille. Für die Grünen ist das doppelt ärgerlich: Ihr elegantestes Instrument blieb ein Versprechen auf Papier. Und der CO2-Preis steigt trotzdem — ohne sozialen Ausgleich.

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Tempolimit und Heizungsgesetz: Emotionen statt Fakten

Zwei Forderungen haben den Grünen mehr geschadet als alle anderen. Das Tempolimit — sachlich kaum umstritten, emotional der Kampfplatz deutscher Identitätspolitik. Und das Gebäudeenergiegesetz, das als „Heizungsverbot" in die Geschichte einging. Habecks Entwurf sah vor, dass neue Heizungen ab 2024 zu 65 % erneuerbar laufen müssen. Was folgte, war eine kommunikative Katastrophe: monatelange Debatte, massenweise Fehlinformationen, am Ende ein entschärftes Gesetz und ein Imageschaden, der die Grünen Prozentpunkte kostete.

Beide Fälle zeigen dasselbe Problem: Die Grünen unterschätzen regelmäßig, wie emotional Klima-Maßnahmen wirken, wenn sie den Alltag der Menschen betreffen. Abstrakte Ziele wie „Klimaneutralität 2045" finden Zustimmung. Konkrete Eingriffe wie „neue Heizung kaufen" lösen Abwehrreaktionen aus.

Was bleibt: Eine gemischte Bilanz

Der Atomausstieg am 15. April 2023 — vollzogen. Das EEG — reformiert und beschleunigt. Der Ausbau erneuerbarer Energien — im historischen Hoch. Die Grünen können auf reale Ergebnisse verweisen. Gleichzeitig bleiben die größten Projekte unfertig: Klimageld nie eingeführt, Tempolimit nicht durchgesetzt, Kohleausstieg nur halb vorgezogen. Die grüne Klimapolitik ist ein Projekt, das immer halb fertig ist — und trotzdem mehr bewegt hat als die Klimapolitik jeder anderen deutschen Partei.

2019: Fridays for Future treibt die Grünen auf ihr bestes Ergebnis seit Gründung

Am 26. Mai 2019, unmittelbar nach dem europaweiten Klimastreik-Höhepunkt von Fridays for Future, fand die Europawahl statt. Die Grünen erzielten in Deutschland 20,5 Prozent – ihr bestes Ergebnis bei einer Bundeswahl. In allen Altersgruppen unter 35 lagen sie auf Platz 1. Die FFF-Bewegung hatte in den Monaten vor der Wahl rund 1,4 Millionen Menschen auf die Straßen gebracht. Demoskopen analysierten: Jeder dritte Grünen-Neuwähler 2019 nannte Klimaschutz als einzigen Beweggrund. Es war die direkteste Verbindung zwischen einer sozialen Bewegung und einem Wahlergebnis in der deutschen Geschichte seit 1983.

2023: Das Heizungsgesetz – Wie ein Gesetzentwurf zur politischen Katastrophe wurde

Januar 2023: Robert Habeck präsentiert den Entwurf für das Gebäudeenergiegesetz — ab 2024 sollen neue Heizungen zu 65 % erneuerbar laufen. Was klimapolitisch sinnvoll war, wurde kommunikativ zum Fiasko. Die Bild-Zeitung titelt „Heizungsverbot". WhatsApp-Gruppen füllen sich mit Fehlinformationen: Es heißt, die Regierung wolle funktionierende Heizungen zwangsweise ausbauen. Heizungsbauer-Unternehmen melden monatelange Warteschlängen, während Ängstliche vorzeitig neue Heizungen kaufen. Am Ende bleibt ein entschärftes Gesetz, das kaum mehr als das „Heizungsverbot" enthält, und ein Imageschaden, der die Grünen laut Umfragen drei bis vier Prozentpunkte kostete. Der Fall zeigt: In der deutschen Klimadebatte ist die kommunikative Verpackung oft wichtiger als der Inhalt — und die Grünen haben beides 2023 verloren.

Häufige Fragen

Weiterführende Links

Was fordern die Grünen beim Kohleausstieg?

Die Grünen fordern einen vorgezogenen Kohleausstieg bis 2030 statt wie gesetzlich festgelegt bis 2038. In der Ampel-Koalition wurde der Ausstieg im Rheinischen Revier auf 2030 vorgezogen.

Was ist das Klimageld der Grünen?

Das Klimageld ist ein Vorschlag, die Einnahmen aus der CO2-Bepreisung direkt an alle Bürger zurückzuzahlen. Damit sollen soziale Härten beim Klimaschutz abgefedert werden.

Wollen die Grünen ein Tempolimit auf Autobahnen?

Ja, die Grünen fordern ein generelles Tempolimit von 130 km/h auf Autobahnen, 80 km/h auf Landstraßen und 30 km/h innerorts. Sie argumentieren mit Klimaschutz, Verkehrssicherheit und Lärmreduktion.

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Mehr dazu: Große Koalition · Politik TV

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