Landtagswahl NRW — Wenn 17,9 Millionen wählen
17,9 Millionen Einwohner. Mehr als manche EU-Staaten. Wenn Nordrhein-Westfalen wählt, ist das keine Landtagswahl — es ist ein bundespolitisches Ereignis. NRW entscheidet Stimmungen, kippt Narrative, macht und bricht Karrieren. Die Wahl am 15. Mai 2022 war da keine Ausnahme: Sie begrub die Ampel-Euphorie, bestätigte den CDU-Aufstieg und schuf mit Schwarz-Grün eine Koalition, die so noch niemand gesehen hatte.
NRW 2022: Die Zahlen
- Wahltag: 15. Mai 2022
- Nächste Wahl: Frühjahr 2027
- Sitze: 195 (18. Wahlperiode)
- Wahlkreise: 128
- Wahlbeteiligung: 55,5 % — historischer Tiefstand
- Ergebnis: CDU 35,7 % — Schwarz-Grün mit 115 Sitzen
Der Wahlabend: CDU triumphiert, SPD kollabiert
Hendrik Wüst hatte gerade mal sieben Monate regiert, als er seine erste eigene Wahl bestehen musste. Er bestand sie eindrucksvoll: 35,7 Prozent für die CDU, fast drei Prozentpunkte mehr als 2017. Die SPD dagegen stürzte auf 26,7 Prozent — ein Verlust von fast fünf Punkten, mitten in einem Land, das jahrzehntelang als „Herzkammer der Sozialdemokratie“ galt.
| Partei | Ergebnis | Sitze | Δ zu 2017 |
|---|---|---|---|
| CDU | 35,7 % | 76 | +2,8 % |
| SPD | 26,7 % | 54 | −4,7 % |
| Grüne | 18,2 % | 39 | +11,8 % |
| FDP | 5,9 % | 12 | −6,8 % |
| AfD | 5,4 % | 12 | −1,0 % |
Die eigentliche Gewinnerin: die Grünen. Von 6,4 auf 18,2 Prozent — eine Verdreifachung. Und das in einem Industrieland, nicht in einem Universitätsbezirk. Die bisherige Schwarz-Gelb-Koalition war Geschichte; die FDP verlor fast sieben Punkte und rettete sich gerade so über die Fünfprozenthürde.
Und dann die Wahlbeteiligung: 55,5 Prozent. Historischer Tiefstand. Fast jeder zweite Wahlberechtigte blieb zuhause. In einem Land mit knapp 18 Millionen Einwohnern sind das Millionen Nichtwähler — ein demokratisches Problem, das größer ist als jedes Wahlergebnis.
Wahlsystem: 128 Wahlkreise, zwei Stimmen
NRW wählt nach dem Prinzip der personalisierten Verhältniswahl. Erststimme für den Wahlkreiskandidaten, Zweitstimme für die Landesliste. 128 Wahlkreise, regulär 195 Sitze im Landtag in Düsseldorf. Durch Überhang- und Ausgleichsmandate kann das Parlament größer werden.
Warum NRW immer bundespolitisch ist
NRW ist kein normales Bundesland. Es ist Deutschland im Kleinen: Rheinland gegen Westfalen, Ruhrgebiet gegen Münsterland, Großstadt gegen Fläche, Industrie gegen Dienstleistung. Von 1966 bis 2005 regierte die SPD ununterbrochen — mit Johannes Rau, der 20 Jahre lang Ministerpräsident war und später Bundespräsident wurde. Dann kam Jürgen Rüttgers, dann Hannelore Kraft, dann Laschet. Jeder Wechsel in NRW sendet Schockwellen nach Berlin.
Johannes Rau: Der Landesvater und die 39 SPD-Jahre
Dass die SPD NRW von 1966 bis 2005 — 39 ununterbrochene Jahre — regierte, lag vor allem an einem Mann: Johannes Rau. Von 1978 bis 1998 war er Ministerpräsident, mit einem Stil, der in der deutschen Nachkriegspolitik einmalig war: erdnah, evangelisch-sozial, ohne elitäres Gehabe. Sein Spitzname „Bruder Johannes“ war kein Spott, sondern ein Vertrauensbeweis. Rau baute NRW zur sozialen Hochburg aus — Universitätsgründungen, Kulturpolitik im Ruhrgebiet, der Strukturwandel nach dem Kohle-Abschwung. Drei Mal gewann er die absolute Mehrheit. Als er 1999 Bundespräsident wurde, hatte er NRW so tief geprägt, dass die SPD noch weitere sechs Jahre nachwirkte.
Loveparade 2010: Die Katastrophe in Duisburg
Am 24. Juli 2010 starben 21 Menschen beim Loveparade-Festival in Duisburg — zerquetscht in einem Tunnel, der als einziger Ein- und Ausgang für mehr als eine Million Besucher konzipiert worden war. Über 500 wurden verletzt. Die Katastrophe war ein Planungsversagen: Sicherheitsgutachter hatten gewarnt, die Stadtführung Duisburgs ließ trotzdem zu. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) gerät bis heute in Erklärungsnot, da das Land NRW die Genehmigungen mitzeichnete. Das Strafverfahren gegen Verantwortliche zog sich elf Jahre hin — und wurde 2021 eingestellt, weil die Angeklagten zu alt und krank für ein Hauptverfahren seien. Für die Familien der Toten: ein Schlusspunkt ohne Gerechtigkeit.
2017: Wie Hannelore Kraft NRW verlor
Hannelore Kraft regierte von 2010 bis 2017 — zunächst mit Grünen in einer Minderheitsregierung, die durch einen bewussten Haushaltsbruch die CDU zur Enthaltung zwang, dann ab 2012 mit stabiler rot-grüner Mehrheit. Ihr Sturz 2017 war kein plötzlicher Einbruch, sondern die kumulative Wirkung eines verdrängten Problems: NRW-Schulen. Das Land belegte bei PISA und nationalen Bildungsvergleichen seit Jahren hintere Plätze. Lehrer wurden zu spät eingestellt, Gebäude verfielen. Als die CDU unter Armin Laschet den Wahlkampf auf Bildung und innere Sicherheit konzentrierte, verfing das — und Kraft verlor nach sieben Jahren das Amt. Wenige Monate später verlor auch ihr Kanzlerkandidat Martin Schulz die Bundestagswahl. NRW hatte den Trend gesetzt.
Ausblick: Frühjahr 2027
Die nächste Wahl kommt im Frühjahr 2027. Die Frage ist nicht nur, ob Schwarz-Grün hält — sondern ob Wüst dann als Kanzlerkandidat der CDU antritt oder als Ministerpräsident. Die SPD hofft auf eine Renaissance in ihrem ehemaligen Stammland. Und die AfD? Schaffte 2022 gerade so die fünf Prozent. In NRW ist sie bis heute schwächer als in fast jedem anderen Bundesland.
1999: Bundesrat und Vermittlungsausschuss – wie Länder Bundesgesetze bremsen
Der Bundesrat kann Bundesgesetze aufhalten. Zustimmungsgesetze (ca. 40 Prozent aller Bundesgesetze) brauchen Bundesrats-Mehrheit. Einspruchsgesetze (60 Prozent) kann der Bundestag überstimmen – aber nicht ohne Verhandlung. Der Vermittlungsausschuss (je 16 Bundesrats- und Bundestagsmitglieder) schlichtet bei Konflikten. Typisches Szenario: CDU regiert den Bund, SPD dominiert den Bundesrat. Dann wird jedes große Reformgesetz im Bundesrat blockiert oder abgemildert. So geschehen bei Schröders Agenda 2010. Das System zwingt zur Kompromissfindung – das ist oft gut, manchmal lähmend.
Häufige Fragen
Wann findet die nächste Landtagswahl in NRW statt?
Frühjahr 2027. Die Legislaturperiode beträgt fünf Jahre.
Wie viele Sitze hat der Landtag in NRW?
Regulär 195. Durch Überhang- und Ausgleichsmandate kann die Zahl variieren.
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