Landtagswahl Niedersachsen — Kanzlerschmiede zwischen VW und Nordsee
Drei Bundesländer wählten 2022 fast gleichzeitig. Das Saarland lieferte die Sensation mit der absoluten Mehrheit, Schleswig-Holstein den CDU-Triumph — und Niedersachsen? Ging unter. Zu Unrecht. Denn was am 9. Oktober 2022 in Hannover passierte, war politisch mindestens ebenso bemerkenswert: Die SPD verteidigte still und souverän ein Bundesland, das regelmäßig Kanzler produziert.
Gerhard Schröder regierte hier, bevor er ins Kanzleramt einzog. Christian Wulff ging von Hannover ins Schloss Bellevue. Das Amt des niedersächsischen Ministerpräsidenten ist kein normaler Länderposten — es ist ein Sprungbrett. Wer Niedersachsen gewinnt, spielt automatisch auf der Bundesbühne mit.
Niedersachsen 2022 auf einen Blick
- Wahltag: 9. Oktober 2022
- Nächste Wahl: Herbst 2027
- Sitze: 146 (18. Wahlperiode)
- Wahlsystem: Personalisierte Verhältniswahl, zwei Stimmen, 87 Wahlkreise
- Sperrklausel: 5-Prozent-Hürde
- Ergebnis: SPD 33,4 % — Rot-Grün mit 81 von 146 Sitzen
Wahlabend 2022: Leise Siege sind auch Siege
Energiekrise, Inflation, ein unpopulärer Bundeskanzler — die Vorzeichen für die SPD waren alles andere als günstig. Trotzdem holte Stephan Weil 33,4 Prozent und baute das SPD-Ergebnis sogar leicht aus. Das war keine Sensation, aber ein Kunststueck: In einem Umfeld, in dem die Bundes-SPD in Umfragen absackte, hielt der Landesvater sein Land.
| Partei | Ergebnis 2022 | Sitze | Differenz zu 2017 |
|---|---|---|---|
| SPD | 33,4 % | 57 | +0,3 % |
| CDU | 28,1 % | 47 | −5,5 % |
| Grüne | 14,5 % | 24 | +5,8 % |
| AfD | 10,9 % | 18 | +4,7 % |
| FDP | 4,7 % | 0 | −3,0 % |
Die eigentliche Nachricht des Abends: Die FDP flog aus dem Landtag. Erstmals seit 2003. In einem Land, in dem die Liberalen traditionell gut aufgestellt waren, reichten 4,7 Prozent nicht mehr. Die Grünen dagegen verdoppelten fast ihr Ergebnis und wurden zum selbstverständlichen Koalitionspartner der SPD. Die Wahlbeteiligung? Nur 60,3 Prozent — fast jeder Zweite blieb zuhause.
Das Wahlsystem: Zwei Stimmen, 87 Wahlkreise
Niedersachsen wählt nach dem Prinzip der personalisierten Verhältniswahl. Die Erststimme entscheidet über den Direktkandidaten im Wahlkreis, die Zweitstimme über die Sitzverteilung nach Landeslisten. Regulär hat der Landtag 135 Sitze — durch Überhang- und Ausgleichsmandate sind es aktuell 146.
Das Muster: SPD und CDU im ewigen Duell
Niedersachsen ist kein Stammland einer Partei. Es ist ein Schlachtfeld. Hinrich Wilhelm Kopf (SPD) gegen Ernst Albrecht (CDU), Schröder gegen Wulff, Weil gegen McAllister — die Geschichte des Landes ist eine Geschichte von Machtwechseln. Seit 1946 hat die Regierungsfährung sechsmal die Partei gewechselt. Das macht jede Landtagswahl hier spannend — auch wenn sie medial manchmal im Schatten steht.
Der besondere Faktor: Volkswagen. Das Land Niedersachsen hält 20 Prozent am VW-Konzern, der Ministerpräsident sitzt im Aufsichtsrat. Wirtschaftspolitik und Landespolitik sind hier untrennbar verflochten. Wer Niedersachsen regiert, regiert auch über 120.000 VW-Arbeitsplätze im Land.
Ausblick: Herbst 2027
Die nächste Landtagswahl steht im Herbst 2027 an. Ministerpräsidentin Julia Willie Hamburg (SPD) führt die rot-grüne Koalition in diese Wahl — als erste Frau an der Spitze des Landes. Die Themen liegen auf dem Tisch: VW-Transformation, Windkraft-Ausbau, Fachkräftemangel im ländlichen Raum. Die CDU hofft, die Kanzlerschmiede zurückzuerobern.
Die „Kanzlerschmiede“: Warum Niedersachsen Bundeskanzler produziert
Gerhard Schröder war von 1990 bis 1998 Ministerpräsident von Niedersachsen — und gewann die Landtagswahl 1994 mit 44,3 Prozent (absolute Mehrheit der SPD). Vier Jahre später, im September 1998, besiegte er Helmut Kohl bei der Bundestagswahl. Sein Weg von Hannover nach Berlin war kein Zufall: Niedersachsen gilt als klassischer Barometerstaat. Bei den Bundestagswahlen seit 1980 hat das Land in neun von elf Fällen genauso gewählt wie die Bundesrepublik insgesamt — die zweithöchste Trefferquote nach NRW. Politikwissenschaftler nennen das die „Niedersachsenformel“: Ein Ministerpräsident, der in Niedersachsen viermal die Wahl gewinnt, hat den Ruf, regierungsfähig zu sein. Schröder gewann viermal (1986, 1990, 1994 als MP; 1990 als erste absolute SPD-Mehrheit). Das machte ihn bundesweit salonfähig. Stephan Weil (SPD) regierte von 2013 bis 2022 — seine Nachfolgerin Julia Willie Hamburg setzt die Tradition der SPD-Landesväter und -mütter fort.
2022: Machtwechsel in Hannover — Julia Willie Hamburg übernimmt
Bei der Landtagswahl 2022 gewann die SPD mit 33,4% klar — Stephan Weil hatte angekündigt, nicht erneut zu kandidieren. Seine Nachfolgerin: Julia Willie Hamburg, seit November 2022 Ministerpräsidentin. Hamburg ist die erste Frau in diesem Amt in Niedersachsen. Die Koalition mit den Grünen wurde fortgeführt. Für Weils Nachfolgerin steht die Energiewende im Mittelpunkt: Niedersachsen ist mit Abstand das größte Onshore-Windkraftland und will diese Position ausbauen.
Häufige Fragen
Wann findet die nächste Landtagswahl in Niedersachsen statt?
Herbst 2027. Die Legislaturperiode beträgt fünf Jahre, die letzte Wahl war am 9. Oktober 2022.
Wie funktioniert das Wahlsystem in Niedersachsen?
Personalisierte Verhältniswahl mit zwei Stimmen: Erststimme für den Wahlkreiskandidaten, Zweitstimme für die Landesliste. 87 Wahlkreise, regulär 135 Sitze.
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