Wahl Watch Berlin Sonderfolge — Zombieland, Drogenszenen in deutschen Großstädten
Wahl Watch Berlin — Sonderfolge
Teil 1/3 einer Reihe

Zombieland: Junkies und Verwahrlosung in deutschen Großstädten

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Ich liebe diese Stadt. Ich lebe hier, ich habe hier mein Unternehmen aufgebaut, ich zahle hier meine Steuern. Und trotzdem passiert mir das fast jede Woche: Ich setze mich mit meinem Kaffee hin, direkt riecht es nach Urin, ein Mann im Rausch kommt näher und will nicht mehr weggehen — also gehe ich. Nicht aus Wut, aus Resignation. Wenig später kommen mir zwei Personen mit zehn Zentimetern Abstand entgegen und schreien immer wieder "Entschuldigung!" — mit Ansprechen wird man sie nicht los. In dem Moment die Frage: Wie würde sich jetzt eine Frau fühlen, die sich nicht so leicht wehren kann wie ich selbst? Bilanz einer einzigen Stunde (7:50–8:50 Uhr) auf einem Kilometer Strecke: fünf unangenehme Begegnungen. Und genau darum geht es in dieser Folge, nicht als Wutausbruch, sondern als Feststellung: Man kann nicht das Land der Dichter und Denker sein, wenn man sich morgens durch eine Straße voller Zombies kämpfen muss, nur um zur Arbeit zu kommen. Vor zehn Jahren habe ich noch gerne draußen im Park gearbeitet — heute ist das praktisch unmöglich. Eine Straßenecke weiter, direkt an der U-Bahn-Station, ein informeller Umschlagplatz für praktisch jede Droge, schon vormittags mit auffällig vielen Menschen davor. Und in Los Angeles, wo ich kürzlich war? Kein einziges Mal hat mich dort jemand angesprochen. Das ist die Alltagserfahrung, die diese Folge ausgelöst hat — und der Grund, warum wir sie diesmal nicht mit Zahlen, sondern mit einer persönlichen Beobachtung beginnen. Was daran real ist, was Wahrnehmung — das ordnen wir jetzt ein, nicht um aufzuheizen und nicht um zu verharmlosen.

Der Konflikt: Sichtbarkeit gegen Kosten

Der Streit dahinter lässt sich einfach zusammenfassen: Wie sichtbar darf Sucht im öffentlichen Raum sein, und wer trägt die Kosten dieser Sichtbarkeit? Auf der einen Seite steht die Suchthilfe-Logik: Drogenkonsumräume senken nachweislich die Zahl der Drogentoten — der zentrale Erfolg, den Befürworter anführen. Auf der anderen Seite stehen Anwohner und Gewerbetreibende, die mit Müll, offenem Konsum vor der eigenen Tür und einem schrumpfenden Sicherheitsgefühl leben. Das ist kein Randthema: 57 Prozent der Deutschen sprachen sich 2023 in einer Umfrage für ein Bettelverbot in Innenstädten aus — mehr als jeder zweite.

Fünf Städte im Vergleich

Frankfurt hat der Debatte ihren Namen gegeben: Die britische "Sun" nannte das Bahnhofsviertel (Dreieck Niddastraße–Karlsplatz–Moselstraße) vor der EM 2024 "Zombieland". Die Zahlen dazu sind eindeutig — im Februar 2025 zählten Polizei und Sozialarbeiter dort 195 schwer abhängige Menschen, im März 2026 waren es 311. Ein Anstieg von fast 60 Prozent in 13 Monaten. Hessens Innenminister schickt zusätzliche Polizeieinheiten, gleichzeitig plant die Stadt, die Szene bewusst in einem Gebäude zu konzentrieren, wo Konsum und Hilfe gebündelt werden.

Köln erlebt denselben bundesweiten Wandel: den Wechsel von Heroin zu Crack. Zwischen Sommer 2023 und Herbst 2024 hat sich der Anteil der Crack-Konsumierenden mehr als verdoppelt. Im Mai 2026 eröffnete mit "DILLE27" der weltweit erste von einer Selbsthilfeorganisation selbst betriebene Drogenkonsumraum. Wichtig: Es geht dabei nicht um eine Legalisierung des Verkaufs — der bleibt illegal, nur der Konsum wird in geschützte Räume verlagert.

Berlin steht mit Görlitzer Park und Kottbusser Tor für dasselbe Muster: Crack hat die alte Heroin-Szene überlagert. Zur oft gehörten Wahrnehmung "das sind alles Nordafrikaner" liefert ausgerechnet der Görlitzer Park einen Faktencheck: Polizeidaten zur Herkunft der Dealer zeigen dort überwiegend westafrikanische Herkunftsländer — Guinea, Gambia, Senegal, Mali. Die reine Straßeneinschätzung nach Aussehen ist also oft ungenau, und die Zusammensetzung unterscheidet sich von Ort zu Ort.

Hamburg hat mit dem "Drob Inn" nahe dem Hauptbahnhof eine der ältesten Fixerstuben Deutschlands — Berichte beschreiben bis zu 200 Menschen davor, während der angrenzende Steindamm als Brennpunkt aus Elend und Kriminalität gilt.

München hat die offene Szene im Bahnhofsviertel und am Alten Botanischen Garten bewusst dort belassen, um Hilfsangebote zu bündeln — mit dem Nebeneffekt, dass Anwohner und Pendler die Szene direkt vor der eigenen Tür haben, nicht am Stadtrand.

Die Überraschung: Gefängnis-Analogie nur teilweise wahr — und der LA-Vergleich kippt

Die Annahme "wer alle Abhängigen an einem Ort konzentriert, macht sie nur krimineller und cleverer, wie im Gefängnis" ist nicht einheitlich belegt. In Karlsruhe zeigte eine Evaluation keinen negativen Nachbarschaftseffekt. In Hamburg dagegen wurde der untersuchte Stadtteil tatsächlich zum Haupttreffpunkt der offenen Szene, der öffentliche Konsum stieg insgesamt. Kein Automatismus — es hängt von Standort, Stadtgröße und Begleitmaßnahmen ab.

Noch deutlicher kippt der Vergleich mit Los Angeles: Offizielle Zahlen für 2026 zeigen eine sich verschärfende Krise — Gesamtobdachlosigkeit +3,4 %, Menschen ganz ohne Unterkunft +7,9 %. Allein auf Skid Row stieg die Zahl innerhalb eines Jahres um 23 Prozent (von 3.427 auf 4.215), 44 Prozent aller Unsheltered schlafen dort inzwischen buchstäblich auf offener Straße — ein Vierjahreshoch. Nicht weniger Elend in den USA, sondern andere Geografie: Skid Row liegt abgegrenzt von den Touristenrouten, deutsche Szenen liegen fast immer mitten in der Stadt, direkt am Hauptbahnhof.

Was folgt daraus

Der Wechsel von Heroin zu Crack ist real und bundesweit bestätigt, kein subjektiver Eindruck. Er erklärt auch die veränderte Straßendynamik: Heroin wirkt beruhigend über Stunden, Crack aufputschend über wenige Minuten — danach braucht es sofort Nachschub. Das erzeugt objektiv mehr sichtbaren Beschaffungsdruck im öffentlichen Raum als früher.

Kostenloses Methadon vom Arzt ist ebenfalls real, aber kein Kuriosum: Es ist eine seit Jahrzehnten anerkannte, über die gesetzliche Krankenversicherung finanzierte Substitutionstherapie wie jede andere Behandlung einer chronischen Erkrankung. Auswertungen zur Schadensminderung zeigen sinkende Drogentotenzahlen, wo solche Programme laufen — ob sich das politisch lohnt, ist eine andere Frage als die medizinische.

Und zur Herkunftsfrage: Eine bundesweite Statistik, die Aggressivität mit Herkunft verknüpft, existiert nicht. Was existiert, sind punktuelle Polizeidaten zu einzelnen Orten wie dem Görlitzer Park — und die zeigen ein anderes Bild, als die reine Straßenwahrnehmung oft nahelegt.

Auflösung

Deutschland konzentriert sein Sucht- und Obdachlosigkeitselend anders als die USA — mitten in den Innenstädten statt in abgegrenzten Randzonen. Gleichzeitig erlebt das ganze Land gerade denselben Drogenwechsel von Heroin zu Crack, was den Eindruck einer plötzlichen Verschlechterung verstärkt. Die Politik reagiert uneinheitlich, teils widersprüchlich — Repression und Konzentration gleichzeitig, wie in Frankfurt. Offene Frage für eine künftige Folge: Was passiert, wenn mehrere Städte gleichzeitig auf die Konzentrations-Strategie setzen, wie Frankfurt es gerade vormacht?

Häufige Fragen

Woher kommt der Name "Zombieland" für deutsche Drogenszenen?

Die britische Boulevardzeitung The Sun nannte das Frankfurter Bahnhofsviertel (Dreieck Niddastraße/Karlsplatz/Moselstraße) vor der Fußball-EM 2024 so. Der Begriff hat sich seither in der deutschen Presse etabliert.

Ist wirklich Crack statt Heroin die dominante Droge geworden?

Ja, bundesweit bestätigt. In Köln hat sich der Anteil der Crack-Konsumierenden zwischen Sommer 2023 und Herbst 2024 mehr als verdoppelt.

Werden Drogenkonsumräume zu neuen Brennpunkten?

Uneinheitlich: In Karlsruhe kein negativer Effekt, in Hamburg wurde der Stadtteil zum Haupttreffpunkt der offenen Szene. Kein Automatismus.

Ist die Lage in deutschen Großstädten schlimmer als in US-Städten wie Los Angeles?

Nein, objektiv nicht. LA hat 2026 eine sich verschärfende Obdachlosigkeitskrise (Skid Row +23 % in einem Jahr). Der Unterschied ist die Geografie, nicht das Ausmaß.

Was ist an kostenlosem Methadon vom Arzt dran?

Eine seit Jahrzehnten anerkannte, über die gesetzliche Krankenversicherung finanzierte Substitutionstherapie — medizinisch etabliert zur Schadensminderung.

Gibt es Statistiken zur Herkunft von Dealern in offenen Szenen?

Für den Görlitzer Park ja: überwiegend westafrikanische Herkunftsländer (Guinea, Gambia, Senegal, Mali). Eine bundesweite Statistik zu Aggressivität und Herkunft existiert nicht.

SC
Stephan M. Czaja Herausgeber & Gründer

Stephan M. Czaja ist Online-Unternehmer mit über 20 Jahren Erfahrung im Aufbau datengetriebener Webportale. Er verantwortet Strategie, Infrastruktur und die redaktionelle Linie von Bundestagwahlumfrage.de und steht für die inhaltliche Qualität und Unabhängigkeit des Portals.

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