Brandmauer bröckelt: Mehrheit gegen AfD-Ausschluss zum ersten Mal
Eine Zahl aus einer aktuellen Umfrage sollte eigentlich Alarm auslösen — zumindest bei allen, die die sogenannte Brandmauer zur AfD für unverhandelbar halten: Zum ersten Mal sagt eine Mehrheit der Deutschen, andere Parteien sollten eine Zusammenarbeit mit der AfD nicht grundsätzlich ausschließen. Der eigentliche Bruch verläuft dabei nicht zwischen den Parteien, sondern mitten durch die Union selbst.
Der Konflikt: Prinzip oder Wählerwille?
Die einen sagen, die Brandmauer sei eine demokratische Grundsatzfrage, keine Verhandlungsmasse — egal wie die Umfragen stehen. Die anderen sagen, eine Brandmauer gegen den Wählerwillen von Millionen Menschen sei auf Dauer selbst ein Demokratieproblem. Der eigentliche Streit liegt tiefer: Werden Parteigrenzen aus Prinzip gezogen, oder müssen sie sich der politischen Realität anpassen, sobald diese groß genug wird?
tagesschau/maischberger: Michael Kretschmer im Gespräch über die Brandmauer zur AfD.
Kontext: Der Kemmerich-Präzedenzfall und der Riss in der Union
Die Brandmauer ist keine offizielle Regel, sondern eine informelle Selbstverpflichtung der demokratischen Parteien, nicht mit der AfD zu koalieren oder sich von ihr wählen zu lassen. Der bekannteste Bruch liegt schon einige Jahre zurück: Im Februar 2020 wurde in Thüringen der FDP-Politiker Thomas Kemmerich mit den Stimmen von CDU, FDP und AfD zum Ministerpräsidenten gewählt — der erste Fall in der Geschichte der Bundesrepublik, in dem ein Regierungschef mit AfD-Stimmen ins Amt kam. Die Empörung war so groß, dass die Wahl innerhalb weniger Tage rückgängig gemacht wurde.
Genau an dieser Frage bricht die Union heute intern auseinander. Bundeskanzler Friedrich Merz bekräftigte erst auf seiner Sommer-Pressekonferenz 2026, es werde keine Zusammenarbeit mit AfD und Linke geben. Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer sieht das inzwischen anders: "Wer noch über Brandmauern redet, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt" — man müsse mit jedem reden, der reden wolle. Auch die hessische CDU will inzwischen zumindest den Begriff loswerden, auch wenn sie an der inhaltlichen Abgrenzung festhalten will.
Noch im August lag die Zustimmung zur Brandmauer bei einer knappen Mehrheit: 44 Prozent wollten eine Zusammenarbeit nicht ausschließen, 46 Prozent wollten sie ausschließen. Im September hat sich das gedreht: 51 Prozent gegen einen grundsätzlichen Ausschluss, nur noch 40 Prozent dafür (YouGov, September 2026).
Die eigentliche Überraschung steckt in den Parteianhängern: Unter CDU/CSU-Wählern gibt es für die Brandmauer schon länger keine Mehrheit mehr — 55 Prozent wollen die Zusammenarbeit nicht ausschließen, nur 38 Prozent dafür. Bei SPD-, Grünen- und Linke-Anhängern ist es fast spiegelverkehrt: dort sprechen sich jeweils rund 70 bis 76 Prozent klar für die Brandmauer aus.
WELT Nachrichtensender: Kretschmer widerspricht Kanzler Merz — die AfD-Debatte in der Union.
Konsequenz
- Die Führung der Union steht zwischen der eigenen erklärten Linie und einer eigenen Wählerbasis, die diese Linie längst nicht mehr mehrheitlich teilt.
- Regionale CDU-Politiker wie Kretschmer, die in Minderheitsregierungen auf Gesprächsbereitschaft angewiesen sind, drängen die Bundesebene faktisch vor sich her.
- Jede weitere Wahlniederlage der Union — wie am Wochenende möglich in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin — erhöht den Druck, die Linie neu zu verhandeln, unabhängig davon, was die Parteispitze offiziell sagt.
Die Auflösung
Eine Brandmauer, die die eigene Wählerbasis nicht mehr mehrheitlich mitträgt, ist keine stabile Mauer mehr, sondern eine Frage der Zeit. Ob sie hält, entscheidet am Ende nicht die Parteispitze allein — sondern auch, wie die Landtagswahlen an diesem Wochenende ausgehen. Was du daraus machst, ist deine Entscheidung — nicht unsere.
Was am Wahlsonntag in der CDU-Führung selbst passiert, haben wir in unserer Sonderfolge zur Präsidiumssitzung in vier Szenarien durchgespielt.
Häufige Fragen
Im September 2026 sagen 51 Prozent, andere Parteien sollten eine Zusammenarbeit mit der AfD nicht grundsätzlich ausschließen, 40 Prozent sind dafür. Im August lag das Verhältnis noch bei 44 zu 46 Prozent.
Keine Mehrheit dafür: 55 Prozent der CDU/CSU-Anhänger wollen eine Zusammenarbeit nicht grundsätzlich ausschließen, nur 38 Prozent dafür.
Der sächsische Ministerpräsident sagte 2026, wer noch über Brandmauern rede, habe die Zeichen der Zeit nicht erkannt — man müsse mit jedem reden, der reden wolle.
Im Februar 2020 wurde Thomas Kemmerich (FDP) mit Stimmen von CDU, FDP und AfD zum Thüringer Ministerpräsidenten gewählt — die Wahl wurde nach bundesweiter Empörung innerhalb weniger Tage rückgängig gemacht.
Ja, offiziell. Merz bekräftigte auf seiner Sommer-Pressekonferenz, es werde keine Zusammenarbeit mit AfD und Linke geben — anders als Teile der eigenen Landespolitiker und der eigenen Wählerbasis.


