Wahl Watch Berlin Sonderfolge — Konrad-Adenauer-Haus CDU-Krisensitzung
Wahl Watch Berlin — Sonderfolge

Vier Szenarien für den Showdown im Konrad-Adenauer-Haus

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Am Sonntagabend passiert im Konrad-Adenauer-Haus etwas, das es in dieser Form noch nicht gab: Während in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin gewählt wird, trifft sich die Führungsspitze der CDU bereits um 17 Uhr — eine Stunde, bevor die Wahllokale überhaupt schließen. Eine Stunde, bevor irgendjemand ein einziges echtes Ergebnis kennt. Diesmal keine Links-gegen-Rechts-Analyse wie sonst bei uns, sondern vier Szenarien für das, was dort wirklich passieren könnte.

Warum Merz sogar New York absagte

Der Auslöser: Bundeskanzler Friedrich Merz hat seine Reise zur UN-Generaldebatte nach New York abgesagt — wenige Tage vor der Wahl, und ausgerechnet eine Reise, bei der er den Henry-Kissinger-Preis der American Academy hätte entgegennehmen sollen. Offizielle Begründung: seine Anwesenheit in Berlin sei erforderlich. Mehrere Zeitungen, darunter Bloomberg und der Tagesspiegel, berichten übereinstimmend vom eigentlichen Grund: wachsender Druck aus der eigenen Partei nach dem schwachen Abschneiden bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zwei Wochen zuvor.

AP Archive: Merz reagiert auf das AfD-Ergebnis in Sachsen-Anhalt und kündigt an, seinen Reformkurs fortzusetzen.

Der Druck hat Zahlen: Eine YouGov-Umfrage von Mitte September sieht die Union bundesweit bei nur noch 18 Prozent — der schlechteste jemals gemessene Wert für CDU und CSU zusammen. Die AfD liegt bei 29 Prozent, in anderen aktuellen Umfragen sogar bei 30 Prozent, teils zehn Punkte vor der Union.

Deshalb hat CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann für den Wahlsonntag das Präsidium der CDU einberufen — das höchste Führungsgremium der Partei, in dem alle CDU-Ministerpräsidenten sitzen. Normalerweise tagt dieses Gremium montags nach einer Landtagswahl, zur nüchternen Analyse. Diesmal: Sonntagabend, außerplanmäßig vorgezogen, eine Stunde vor Schließung der Wahllokale.

Wer sitzt an diesem Abend eigentlich am Tisch? Neben Merz als Parteivorsitzendem und Hoppermann als Generalsekretärin gehören kraft Amtes alle CDU-Ministerpräsidenten der Länder dazu, dazu die beim Bundesparteitag im Februar gewählten Präsidiumsmitglieder — darunter Sebastian Lechner, Ina Scharrenbach, Sven Schulze, Mario Vogt, Nina Warken und Wibke Winter. Praktisch die gesamte Machtstruktur der Partei an einem Tisch, an einem Abend, dessen Wahlergebnis noch niemand kennt.

Die Überraschung: Dementi, Verhandlungsmasse — und eine radikale Variante

Aus CDU-Kreisen ist von einer internen Vertrauensfrage die Rede — Merz wolle dem Präsidium die Wahl stellen: weiter mit ihm und seinem Reformkurs, oder ein Kanzlerwechsel. Die CDU-Zentrale dementiert das offiziell. Fast zeitgleich erklärten mehrere CDU-Ministerpräsidenten geschlossen ihre Unterstützung für Merz — ausgerechnet in dem Moment, in dem draußen über seinen Rücktritt spekuliert wird.

Berichten zufolge bringt Merz zugleich eigene Verhandlungsmasse mit: zusätzliche Steuerentlastungen und niedrigere Energiepreise, die er dem Koalitionspartner SPD anbieten will. Und in Teilen der CDU wird sogar über eine deutlich radikalere Variante diskutiert — die Ablösung von SPD-Arbeitsministerin Bärbel Bas, was aller Voraussicht nach zum Rückzug aller SPD-Minister und damit zum Bruch der gesamten Koalition führen würde. Das Kanzleramt dementiert dieses Szenario öffentlich; Außenminister Johann Wadephul (CDU) erinnerte stattdessen an die "Pflicht", die laufende Legislaturperiode gemeinsam zu Ende zu bringen.

Vier Szenarien für den Sonntagabend

Was im Konrad-Adenauer-Haus tatsächlich passiert, kennen wir nicht. Aber die möglichen Ausgänge lassen sich sauber durchspielen:

Szenario 1 — Weiter so (derzeit wahrscheinlichstes Szenario)

Das Präsidium stellt sich trotz schlechter Zahlen geschlossen hinter Merz. Er bleibt Kanzler und Parteivorsitzender, der Reformkurs läuft unverändert weiter — die aktuellen Treuebekenntnisse der Ministerpräsidenten deuten in diese Richtung.

Szenario 2 — Der freiwillige Rückzug

Merz kündigt selbst an, Parteivorsitz oder Kanzleramt abzugeben, um der Partei vor der nächsten Bundestagswahl einen Neuanfang zu ermöglichen. Am häufigsten genannter Nachfolger: Hendrik Wüst (NRW, funktionierende Koalition mit den Grünen), daneben Markus Söder, der eine eigene Kanzlerkandidatur aber selbst für erledigt erklärt.

Szenario 3 — Die interne Kampfabstimmung

Das Präsidium verweigert die Rückendeckung, offener Machtkampf um den Parteivorsitz. Wichtig: Das Kanzleramt selbst lässt sich gegen Merz' Willen nur über ein konstruktives Misstrauensvotum nach Artikel 67 Grundgesetz entziehen — dafür braucht es eine Bundestagsmehrheit UND gleichzeitig einen gemeinsamen Nachfolgekandidaten von Union und SPD. An genau dieser Hürde scheiterte ein Kanzlerwechsel bereits einmal, wie wir in unserer Folge zum Kanzlertausch gezeigt haben.

Szenario 4 — Das unspektakuläre Ergebnis

Die Sitzung endet ohne konkrete Entscheidung, mit einer vagen Formulierung wie "geschlossenes Vorgehen" — die eigentliche Entscheidung verschiebt sich auf die folgende Woche, wenn die Wahlergebnisse vollständig ausgewertet sind.

Archivbild: Pressekonferenz aus dem Konrad-Adenauer-Haus (älteres CDU-Kanal-Video, nicht von der aktuellen Sitzung).

Die Auflösung

Was auffällt: Diese Sitzung findet statt, bevor irgendjemand die echten Zahlen kennt. Das ist entweder außergewöhnliche Vorsicht — oder ein Zeichen dafür, dass in der CDU-Führung schon vor der Wahl klar war, wie das Ergebnis ausfallen wird. So oder so zeigt der Termin selbst schon etwas: Wenn eine Partei sich eine Stunde vor der Wahlauszählung zur Krisensitzung trifft, rechnet sie nicht mit einem guten Abend. Was du daraus machst, ist deine Entscheidung — nicht unsere.

Sobald die echten Ergebnisse aus Mecklenburg-Vorpommern und Berlin vorliegen, ordnen wir sie in der nächsten Folge ein. Die Hintergründe zu den aktuellen Umfragewerten vor der Doppelwahl findest du in unserer Folge zum AfD-Rekordwert, den rechtlichen Rahmen eines Kanzlerwechsels erklären wir ausführlich in der Kanzlertausch-Folge.

Häufige Fragen

Warum hat Friedrich Merz seine New-York-Reise abgesagt?

Merz sollte zur UN-Generaldebatte reisen und den Henry-Kissinger-Preis der American Academy entgegennehmen. Laut Kanzleramt war seine Anwesenheit in Berlin erforderlich — Medien berichten übereinstimmend von wachsendem Druck aus der eigenen Partei nach dem schwachen Abschneiden bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.

Was ist das CDU-Präsidium und warum trifft es sich am Wahlsonntag?

Das höchste Führungsgremium der CDU, in dem alle CDU-Ministerpräsidenten sitzen. Normalerweise tagt es montags nach einer Landtagswahl — diesmal außerplanmäßig auf 17 Uhr vorgezogen, eine Stunde vor Schließung der Wahllokale.

Steht Merz eine Vertrauensfrage bevor?

Aus CDU-Kreisen ist davon die Rede, die CDU-Zentrale dementiert offiziell. Kurz vor dem Treffen erklärten mehrere CDU-Ministerpräsidenten geschlossen ihre Unterstützung für Merz.

Wer könnte Merz als Kanzler nachfolgen?

Am häufigsten genannt: Hendrik Wüst (NRW). Auch Markus Söder wird genannt, erklärt eine eigene Kanzlerkandidatur aber für erledigt.

Kann der Bundestag Merz einfach absetzen?

Nur über ein konstruktives Misstrauensvotum nach Artikel 67 Grundgesetz — Bundestagsmehrheit plus gemeinsamer Nachfolgekandidat von Union und SPD gleichzeitig. Ein freiwilliger Rückzug wäre der einfachere Weg.

Könnte die Koalition am Sonntag sogar ganz zerbrechen?

In Teilen der CDU wird über die Ablösung von SPD-Arbeitsministerin Bärbel Bas diskutiert — das würde aller Voraussicht nach zum Rückzug aller SPD-Minister und zum Koalitionsbruch führen. Das Kanzleramt dementiert dieses Szenario offiziell.

SC
Stephan M. Czaja Herausgeber & Gründer

Stephan M. Czaja ist Online-Unternehmer mit über 20 Jahren Erfahrung im Aufbau datengetriebener Webportale. Er verantwortet Strategie, Infrastruktur und die redaktionelle Linie von Bundestagwahlumfrage.de und steht für die inhaltliche Qualität und Unabhängigkeit des Portals.

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