"Stadtbild": Was Merz sagte, was die Zahlen zeigen
Letzte Woche wurde uns eine Geschichte zugetragen, die wir nicht überprüfen können — eine Gruppe Jugendlicher, ein aufgebrochener Roller in Sekunden, Passanten, die belästigt werden, niemand, der eingreift. Eine Anekdote, keine Statistik. Aber sie ist der Anlass für diese Analyse: Was zeigen die echten Zahlen zur "Stadtbild"-Debatte, unabhängig von Einzelfällen und unabhängig davon, wie man zu Merz' Wortwahl steht?
Der Auslöser: Was Merz wirklich sagte
Am 14. Oktober 2025 sagte Bundeskanzler Friedrich Merz auf einer Pressekonferenz mit Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke, man habe "dieses Problem noch im Stadtbild". Auf Nachfrage wurde er konkreter: "Fragen Sie Ihre Töchter, fragen Sie im Freundes- und Bekanntenkreis herum. Alle bestätigen, dass das ein Problem ist, spätestens mit Einbruch der Dunkelheit." Als die Kritik anhielt, hielt er auf einer weiteren Pressekonferenz fest: "Ich habe nichts zurückzunehmen. Im Gegenteil, ich unterstreiche es noch einmal: Wir müssen etwas daran ändern."
Die Reaktionen kamen prompt: Grünen-Chefin Franziska Brantner warf Merz vor, Millionen Menschen unter Generalverdacht zu stellen — "Ich will nicht meine Tochter fragen müssen, was Herr Merz meint." Auch Integrationsbeauftragte Natalie Pawlik (SPD) kritisierte die Aussage. In mehreren Städten gab es Proteste, u. a. mit rund 2.650 Teilnehmenden in Hamburg. Merz und CSU-Chef Markus Söder wiesen die Kritik ihrerseits zurück.

Die Zahlen — und die Vergleichsgröße, die meist fehlt
Im März 2026 erreichte der Ausländeranteil im deutschen Strafvollzug mit 44,8 % einen historischen Höchststand — der dritte Anstieg in Folge (Statista/Strafvollzugsstatistik). In Berlin liegt der Wert bei 58,9 %, in Hamburg bei 57,95 %. Die Polizeiliche Kriminalstatistik 2025 des Bundeskriminalamts zeigt: Von rund 2,05 Millionen Tatverdächtigen bundesweit waren 38,5 % nichtdeutsch, bei Gewaltkriminalität 42,9 %. Bei Messerangriffen in Berlin waren 56,4 % der 1.906 Tatverdächtigen nichtdeutsch.
Damit diese Zahlen einzuordnen sind, braucht es den Vergleichswert, der in der Debatte fast immer fehlt: Der Ausländeranteil an der Gesamtbevölkerung lag laut Statistischem Bundesamt Ende 2024 bei rund 14,8 %. Bei einem Bevölkerungsanteil von knapp 15 % ist ein Strafvollzugsanteil von 44,8 % also tatsächlich eine massive Überrepräsentation, um mehr als das Dreifache. Das ist der Teil der Debatte, der faktisch stimmt.
Erstens, macht die Zahl kleiner: Die Kategorie "nichtdeutsch" umfasst Touristen und Menschen ohne Wohnsitz in Deutschland genauso wie langjährige Einwohner. 2023 sank der bundesweite PKS-Anteil von 37 % auf rund 24 %, wenn man Personen ohne deutschen Wohnsitz herausrechnet. Die PKS zählt außerdem Verdachtsfälle, keine Verurteilungen.
Zweitens, macht die Zahl größer: Wer eingebürgert wurde, zählt ab diesem Moment als "deutsch" — die reine "nichtdeutsch"-Zahl unterschätzt also systematisch, wie viele Tatverdächtige eine Migrationsgeschichte haben. Ein Regensburger Kriminologe warnt zusätzlich, die Aussagekraft der PKS werde in der öffentlichen Debatte generell überschätzt, weil Alter, Geschlecht und sozioökonomischer Status statistisch enger mit Kriminalität zusammenhängen als die Staatsangehörigkeit allein.
Fazit
Mehrere Dinge sind gleichzeitig wahr, ohne dass sich eines ausschließt: Die Zahlen im Strafvollzug und in der Kriminalstatistik sind real so hoch wie nie zuvor gemessen — das ist Fakt, keine Wahrnehmung, und im Vergleich zum Bevölkerungsanteil ist die Überrepräsentation echt. Gleichzeitig ist die Kategorie "Ausländer" statistisch komplizierter, als eine einzelne Schlagzeile suggeriert. Crack ist ein Problem, wie unsere Zombieland-Folge gezeigt hat. Kriminalität ist ein Problem, wie die Zahlen heute zeigen. Ob Merz' Wortwahl angemessen war, ist eine politische Bewertung — die Zahlen selbst sind davon unabhängig real.
Häufige Fragen
Am 14. Oktober 2025: "dieses Problem noch im Stadtbild", ergänzt um "fragen Sie Ihre Töchter". Er hielt später fest: "Ich habe nichts zurückzunehmen."
44,8 % im März 2026, historischer Höchststand. Berlin 58,9 %, Hamburg 57,95 %.
38,5 % nichtdeutsche Tatverdächtige insgesamt, 42,9 % bei Gewaltkriminalität, 56,4 % bei Messerangriffen in Berlin.
Ja — bei einem Bevölkerungsanteil von 14,8 % ist ein Strafvollzugsanteil von 44,8 % eine reale Überrepräsentation um mehr als das Dreifache.
Herausrechnen von Personen ohne deutschen Wohnsitz senkt den Anteil deutlich. Umgekehrt fallen eingebürgerte Personen komplett aus der "nichtdeutsch"-Kategorie heraus.


